Nach fast 30 Jahren Abschied mit ein bisschen Wehmut

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Martin Heesemann wirft noch einmal einen Blick in den Steinkohleblock E4. Am 31. März wird auch dieser Teil des Kraftwerks Elverlingsen endgültig abgeschaltet, dann endet nach knapp 106 Jahren die Kohleverstromung im Lennetal. Heesemann war in den letzten zehn Jahren dort Betriebsleiter. 

Werdohl/Altena - „Damals hat man doch gedacht: Jetzt hast Du ausgesorgt!“, erinnert sich Martin Heesemann zurück an die Zeit, als er seine Arbeit bei der Elektromark aufgenommen hat. Vor fast 30 Jahren war das. Seitdem ist viel passiert. Ende März wird die Kohleverstromung in Elverlingsen eingestellt, wenig später geht Heesemann vorzeitig in den Ruhestand.

1989 hat Martin Heesemann seinen Dienst beim Kommunalen Elektrizitätswerk Mark angetreten. Der damals 30-jährige Diplom-Ingenieur kam vom Dampfkessel-Produzenten Deutsche Babcock Werke AG. „Ein Bekannter hat mir gesagt, dass da eine Stelle frei ist“, erinnert sich Heesemann. Für seinen vorherigen Arbeitgeber war er viel in ganz Deutschland unterwegs gewesen, nun suchte er nach einer Möglichkeit, heimatnah zu arbeiten.

In der Elektromark-Zentrale an der Hagener Körnerstraße wurde er zunächst Sachbearbeiter in der chemischen Verfahrenstechnik. „Nach und nach habe ich dann die verschiedenen Standorte mit ihren unterschiedlichen Techniken kennen gelernt“, erinnert sich Heesemann. 2001 wurde er Turbinen-Ingenieur in Elverlingsen, seit 2008 ist er Standortverantwortlicher und Betriebsleiter des Kraftwerks an der Lenne.

Riesiger Meilenstein gleich zu Beginn

In fast 30 Jahren hat Heesemann viele Höhen und Tiefen des Unternehmens erlebt. Bei seinem Dienstantritt standendie rund 87 Millionen Euro (170 Millionen DM) teuren Anlagen zur Rauchgasentschwefelung und -entstickung vor der Fertigstellung, Heesemann stieg gleich in die Inbetriebnahme dieser Anlagen ein, die das Steinkohlekraftwerk umweltfreundlicher machten. „Das war ein riesiger Meilenstein gleich zu Beginn meiner Tätigkeit“, erinnert er sich.

Zehn Jahre später kam die Wassereindüsung in die Brennkammer der Gasturbinen hinzu. Diese Maßnahme diente zur Stickoxid-Minderung der Gas- und Dampfturbinenanlagen. Kurz zuvor hatte die Elektromark schon die komplette Leittechnik des 1971 gebauten Steinkohle-Blocks E3 ausgewechselt. „In einem laufenden Kraftwerksblock die komplette alte Steuerung aus- und eine neue einzubauen – das war schon eine tolle Sache“, erinnert sich Heesemann an diese spannende Phase seines Arbeitslebens.

1999 gründete die Elektromark mit dem Ruhrverband eine Gesellschaft zur Errichtung einer Wirbelschichtfeuerungsanlage, in der seit Ende 2002 stündlich bis zu 25 Tonnen Klärschlamm verbrannt werden. „Ich habe damals in die Planung dieser Anlage hineinschnuppern können, mich dann aber mehr um die Maschinentechnik gekümmert“, blickt Heesemann zurück. Denn auch auf diesem Gebiet gab es viel zu tun für den Diplom-Ingenieur: Im Jahr 2007 wurde für 30 Millionen Euro der zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alte Steinkohle-Block E4 ertüchtigt. „Das war eine ganz große Revision, die über fast sechs Monate ging – ein Riesending“, denkt Heesemann daran zurück. Der größte Block in Elverlingsen konnte nun mit der gleichen Menge Kohle knapp zwei Prozent mehr Strom erzeugen.

Beim Auszug flossen Tränen

Es schien ständig aufwärts zu gehen mit dem Unternehmen, das schon seit 1912 die Region mit elektrischem Strom versorgte: Ab 2008 wurde sogar die Wohnhaussiedlung aufgegeben („Die Bewohner sind teilweise unter Tränen ausgezogen, denn einige hatten ja seit 50 Jahren dort gewohnt.“), weil die 2002 aus dem Zusammenschluss von Elektromark und Stadtwerken Hagen entstandene Mark E, die das Kraftwerk als Tochterunternehmen des Energieverbunds Enervie betrieb, an eine Erweiterung dachte. Heesemann erinnert sich etwas wehmütig an diese Zeit: „Wir hatten für Pläne und Studien schon viel Geld bezahlt – aber dann kam Fukushima...“

Die Anlagen zur Rauchgasentschwefelung und -entstickung – hier ein Foto aus der Bauphase im Jahr 1987 – standen vor der Fertigstellung, als Martin Heesemann 1989 seinen Dienst bei der Elektromark antrat.

Der Störfall in dem japanischen Atomkraftwerk im März 2011 hatte auch Folgen für den regionalen Energieversorger Mark E und sein Kraftwerk in Werdohl. „Durch die ‚Rolle rückwärts‘ der Bundesregierung war die Energiewelt von heute auf morgen eine andere“, denkt Heesemann daran zurück, wie die Energiewende in Deutschland Realität wurde: Die Energie-Erzeugung aus fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas sowie aus Kernenergie sollte zugunsten von erneuerbaren Energien wie Sonne, Wind und Wasserkraft zurückgedrängt und letztlich abgeschafft werden. Für Elverlingsen war das praktisch der Anfang vom Ende, denn dort war man auf Stromerzeugung aus Kohle spezialisiert.

Zwischenzeitlich 300 Millionen Euro Schulden

Aus technischer Sicht wären zwischen 2015 und 2017 für einen Weiterbetrieb zusätzliche Investitionen in Höhe von etwa 20 Millionen Euro erforderlich gewesen. Eine aus heutiger Sicht unwirtschaftliche Investition, wie auch Martin Heesemann erkannt hat. „Vor zwei Jahren, also 2016, hatten wir ja noch 300 Millionen Euro Schulden. Da war überhaupt nicht klar, wie es weitergeht“, erinnert er sich an eine ganz schwierige Zeit. Mittlerweile hat die Unternehmensgruppe nicht nur die Verschuldung zurückgefahren, sondern ihre Situation vor allem aufgrund eines strikten Restrukturierungsprogramms wieder deutlich verbessert.

Der Mann, der mehr als sein halbes Berufsleben für die Elektromark beziehungsweise Mark E gearbeitet und an die Kohleverstromung geglaubt hat, sah sich aber damals mit einer neuen Realität konfrontiert. „In der Hochzeit haben wir hier eine Million Tonnen Kohle pro Jahr verstromt. Ich habe schon geglaubt, dass der Block E4 bis zum Ende seiner wirtschaftlichen Lebensdauer, also noch rund fünf Jahre, laufen würde“, sagt er.

Es kommt nun anders. Am 31. März ist Schluss. Am Standort Elverlingsen, wo unter anderem die Wirbelschichtfeuerungsanlage weiterbetrieben wird, bleiben dann zunächst noch rund 80 Beschäftigte. „Als ich hier angefangen habe, hatten wir noch 300 Beschäftigte“, blickt Heesemann ein wenig traurig auf die Entwicklung des einstigen Vorzeige-Kraftwerks zurück. Für die, die bleiben, habe sich die Arbeit verändert, glaubt er. „Die Leute stehen heute viel mehr unter Druck“, ist er überzeugt, dass der Job nicht leichter geworden ist. Flexibilität sei gefragt. „Früher haben die Mitarbeiter zum Beispiel eine Anlage bedienen müssen, und sie wussten ganz genau, wie sie funktioniert“, erklärt Heesemann. Wer heute bei Mark E arbeite, müsse sich mit verschiedenen Anlagentypen auskennen.

Als Ferienarbeiter bei der Inbetriebnahme

Martin Heesemann geht im Juli mit knapp 60 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand.„Ich wollte auch eine Stelle für jüngere Kollegen frei machen“, begründet er, warum er sich für ein Altersteilzeit-Modell entschieden hat. Seinen Job wird ab dem 1. April der Leiter der Abteilung Instandhaltung zusätzlich übernehmen. Heesemann: „Ich werde dann noch ein paar Projekte durchführen und Resturlaub nehmen. Im Juli ist dann Schluss.“

Mit welchen Gefühlen geht Martin Heesemann? „Den Ruhestand betrachte ich als Geschenk. Ein bisschen Wehmut ist aber schon dabei“, gibt er zu. Die familiäre Atmosphäre insbesondere in Elverlingsen habe er geschätzt, so etwas wie Heimat gefunden in diesem Abschnitt des Lennetals. Und auch das Kraftwerk selbst ist ihm im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen. „Als Ferienarbeiter in meiner Studentenzeit war ich dabei, als der Block E4 1982 in Betrieb genommen wurde. Als Standortverantwortlicher lege ich die Anlage jetzt mit still“, kann er irgendwie noch nicht richtig glauben, dass nun bald wirklich Schluss ist.

Und wie geht es dann privat weiter für Martin Heesemann? „Ich möchte erstmal zwei Monate gar nichts machen“, hat er sich vorgenommen. Er will erst einmal alles auf sich zukommen lassen. „Ich werde schon etwas daraus machen, mich vielleicht sozial engagieren“, hat er keine konkreten Pläne für den Ruhestand. Nur vielleicht diesen: „Ich habe ein Wohnmobil bestellt, das bald geliefert werden soll. Das werde ich nutzen.“

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