Ende einer Glashütte im Eisenhämmerland

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Hermann Vielhaber (76) mit Geschenkartikel, die in der „Charlottenhütte“ hergestellt wurden.

WERDOHL ▪ Es waren – offiziell – wirtschaftliche Gründe, die vor nunmehr 30 Jahren dazu geführt haben, dass die Charlottenhütte an der Kreisstraße 8 in Kleinhammer ihren Betrieb einstellte und damit ziemlich am Anfang einer Kette von Werksschließungen stand, die Werdohl mehr und mehr erschüttern sollten. Bis zu 300 Menschen standen hier in Spitzenzeiten in Arbeit. Gearbeitet wurde in zwei Schichten. Von Rainer Kanbach

Heute erinnern noch die inzwischen anderweitig genutzte Bausubstanz und ein Schornstein mit der Aufschrift „Glaswerk“ an ehemals glanzvolle Jahre, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, als – beispielsweise – die Produktion von medizinischen Instrumenten, Glaskolben für Glühbirnen und schließlich auch Biergläser aufgenommen wurde. 1948 wurde der Betrieb dann unter der Bezeichnung „Glaswerk Sauerland“ ins Handelsregister eingetragen.

Starken Anteil an der Entstehung dieses im Land der Eisenhämmer neuen Unternehmens hatte Kommerzienrat Dr. h.c. Alfred Colsman, der sich bekanntlich drei Jahre zuvor beim Einmarsch der Amerikaner einen Namen als Retter der Stadt Werdohl gemacht hatte. Colsman stellte die erforderlichen Grundstücksflächen zur Verfügung. In nur kurzer Zeit war es gelungen, Glasmachern und Glasbläsern Arbeit in ihrem erlernten Beruf zu schaffen. Es waren Facharbeiter, die es als Heimatvertriebene aus dem deutschen Osten ins Sauerland verschlagen hatte. Sie kamen aus Gegenden, in denen die Glasindustrie jahrhundertelang der bestimmende Wirtschaftszweig war; zum Beispiel aus Schlesien.

Einer derjenigen, die sich noch gut an die Blütezeit des „Glaswerkes Sauerland“, das später in „Charlottenhütte“ mit internationaler Bedeutung umbenannt wurde, erinnern können, ist Hermann Vielhaber (76) aus der Esmecke. Er begann seine berufliche Karriere 1969 bei den Glaswerken als technischer Zeichner für Formbau und schied als Meister im Formbau aus dem Unternehmen nach der Schließung aus, wobei es ihm mit vergönnt war, wegen der Abwicklung der Schließung zwei Jahre länger am Standort Kleinhammer tätig sein zu können.

Im Laufe der Jahre, so erinnert sich Hermann Vielhaber, ist – wie auch der langjährige Betriebsratsvorsitzende Günter Thurm im Februar 1989 in einer Betrachtung feststellte – die Produktionspalette immer umfangreicher geworden. Neben verschiedenen Pressglasartikeln wurden im Mundblasverfahren millionenfach Becher und Biertulpen gefertigt. 1962 wurde die „Charlottenhütte“ von Friedrich Goy erworben, der den Betrieb sowohl technisch als auch von der Marktkonzeption her grundlegend umgestaltet hat. Dazu gehörte auch die Herstellung von tief strukturiertem Beleuchtungsglas (etwa für Erco oder Hoffmeister) und Geschenkartikeln aus Kristallglas – wie etwa Gläser, Schalen, Vasen oder Krüge in unterschiedlichem Design.

Im Jahr 1972 verkaufte Friedrich Goy die Firma an die Unternehmensgruppe W. Goebel in Rödental bei Coburg, die Alleinhersteller der weltbekannten Hummelfiguren war. Auch mit diesem Wechsel waren erhebliche Investitionen verbunden. Der Betrieb wurde nachhaltig modernisiert. Die Exporte aus dem Solmbecketal – auch nach Übersee – stiegen stark an. Produkte aus Kleinhammer wurden mehrfach ausgezeichnet.

Die Entwurfsabteilung wurde zu einer überaus wichtigen Schaltstelle der „Charlottenhütte“. Hier entstanden die Produkte auf dem Zeichenbrett und wurden in Gips modelliert. Sicheres Formgefühl war gefragt, genau wie große Kenntnis über die Eigenschaften des Glases. Am Ende standen Stahlformen, in die später das flüssige Glas geblasen und die Oberflächenstruktur realisiert wurde.

Das wichtigste Rohmaterial zur Glasherstellung – holländischer Silbersand und calciniertes Soda – lagerte in zwei 40-Tonnen-Silos. In einer Gemengeanlage wurde es mit verschiedenen chemischen Substanzen vermischt. Nach einigen weiteren Arbeitsgängen entstand dann bei einer Hitze von 1450 Grad das flüssige Glas. Es wurde später bei 1200 Grad zähflüssig gehalten. Erst danach erhielt es seine vorläufige Form. Abgesehen davon, dass sehr vieles maschinell abgewickelt wurde: Der Mundbläser war nach wie vor gefragt. Durch sein einmaliges handwerkliches Geschick war es der „Charlottenhütte“ möglich, zum Beispiel auch zehn Pfund schwere, 50 Zentimeter hohe Bodenvasen zu fertigen.

In der Goebel-Zeit des Glaswerkes in Kleinhammer standen alle Zeichen auf Optimismus. So wurde festgestellt, dass der Markt – vor allem international gesehen – längst noch nicht ausgeschöpft war. Es war gar die Rede davon, dass das Unternehmen noch expandieren könnte. Wie kurzlebig solche Aussagen sein können, stellte sich bald heraus. Der Betriebsratsvorsitzende Günter Thurm erinnerte sich sieben Jahre nach der Schließung, 1989: „Glück und Glas, wie leicht bricht das“ sei das Motto des letzten großen Gemeinschaftsfestes im VDM-Saal in Bärenstein gewesen. Nur wenig später habe die Belegschaft erfahren, dass die Produktion im Solmbecketal eingestellt werde.

Wirtschaftliche Gründe, so hieß es, seien ausschlaggebend gewesen. Hermann Vielhaber berichtete indes, dass auch andere Gründe eine Rolle gespielt haben sollen: Für die angestrebte Bleiglas-Fertigung in Kleinhammer habe es aus Umweltgründen keine Genehmigung gegeben, und auch aus dem Vertrieb der Hummel-Figuren aus Werdohl sei nichts geworden. Halbwegs Glück für alle: Der Arbeitsmarkt in Werdohl war damals – noch – in der Lage, die in der „Charlottenhütte“ entlassenen Kräfte aufzufangen. Zwei Belegschaftstreffen gab es in der Folgezeit noch, dann war auch dieses Kapitel beendet.

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