Zum Ende der SV-Serie "Werdühl": Die parallele Gesellschaft

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Der Begriff „Werdühl“ stört viele deutsche und türkische Werdohler gleichermaßen, als Serienthema wurde das umgeänderte Ortsschild beispielhaft in den Gebetsraum einer Werdohler Moschee hineinmontiert. 

Werdohl - Viele Türkinnen und Türken in Werdohl leben in zwei Gesellschaften: In der kleinstädtisch geprägten Bürgergesellschaft und in der türkischen Parallelgesellschaft. Die Größenordnungen und Anteile lassen sich nicht bestimmen, das Hin- und Herspringen zwischen „türkisch“ und „deutsch“ geschieht einfach, häufig sogar in der Sprache. Das Zusammenleben in Werdohl ist nicht konfliktfrei, funktioniert aber. Man kann das auch Integration nennen.

Mehr als fünf Monate lang habe ich mich sehr intensiv mit dem deutsch-türkischen Verhältnis in Werdohl befasst. Erschienen sind insgesamt 18 Zeitungsseiten in der SV-Serie „Werdühl“ vom 1. Dezember 2018 bis zum 30. März 2019. Knapp 40 Personen habe ich zu diesem Thema ausführlich befragt. Sie haben mich in ihre Wohnzimmer, Moscheen und an ihre Arbeitsplätze gelassen. Mit fast noch einmal so vielen habe ich ebenfalls gesprochen, sie wollten einer Veröffentlichung nicht zustimmen.

Türkisches Leben in Werdohl erscheint nicht nur mir widersprüchlich, sondern auch vielen meiner Gesprächspartner. Ein Beispiel: Die drei großen Moscheevereine haben zusammen etwa 810 beitragszahlende Mitglieder. Die vom türkischen Staat kontrollierte Ditib-Gemeinde an der Freiheitstraße, die von der Türkei unterstützte Islamische Gemeinde Milli Görüs (IGMG) an der Altenaer Straße und die weitgehend unbekannte VIKZ-Gemeinde am Eggenpfad haben unmittelbaren Einfluss auf das religiöse, traditionelle und kulturelle Leben türkischer Familien in Werdohl. Bei Ditib und IGMG wird ausschließlich türkisch gesprochen, die Kommunikation läuft nur in eine Richtung, ist streng hierarchisch, obrigkeitshörig und männlich dominiert.

Koranwettbewerbe bei Kindern, Geschlechtertrennung und ein Beharren auf religiöse Traditionen festigen eine türkische Identität, die Vergangenes bewahrt. Erinnerungen, Traditionen, kulturelle Eigenheiten, Religion, Nationalbewusstsein: Alles wird außerhalb des Bezugslandes besonders konserviert. Da sind Türken in Deutschland übrigens nicht exklusiv. Das macht der deutsche Auswanderer wo auch immer auf der Welt ganz genauso.

Das Eigene wird besonders betont

Viele junge Türkeistämmige bekommen diesen Spagat hin: Muslimas tragen Kopftuch im Studium, die Fahne wird beim Schulabschluss geschwenkt, Jungs geben sich provokant männlich und eifern einem von Ehre bestimmten Türkei-Bild nach, das sie nur aus Erzählungen Älterer kennen. Gleichzeitig sind sie in der Moschee außerordentlich folgsam. Die grenzenlose Selbstdarstellung im Internet nutzen alle gleichermaßen.

Die Betonung des Eigenen scheint in der Fremde besonders wichtig zu sein. Auch wenn gar nicht klar ist, was tatsächlich Eigenes und was vielleicht nur ein unrealistisches Wunschbild des vermeintlich Eigenen ist.

Gleichzeitig verstehen sich Einwanderer der zweiten Generation als deutsche Gesetze befolgende Bürger, die korrekt Steuern zahlen, eine konkrete Haltung zu Institutionen haben, in Vereinen mitbestimmen, zur Arbeit gehen und ohne Einschränkungen am weltumspannenden privaten Konsum teilhaben.

Türkische Werdohler fordern Teilhabe und Mitbestimmung

Ebenso fordern die ehemaligen Migranten und heutigen Werdohler türkischer Herkunft Mitbestimmung in allen Teilen der Gesellschaft, die sie ja für ihr Leben und ihre Zukunft bewusst ausgewählt haben – sie sind ja keine Flüchtlinge. Die Ditib-Gemeinde will ein repräsentatives Gebäude, die Milli-Görüs-Gemeinde investiert in Kinder- und Jugendarbeit, der türkische Elternverein setzt sich für Türkischunterricht ein. Religiöse Besinnung in den Moscheen, offensives Kopftuchtragen und Forderungen nach Stärkung des Türkischen sind ein Zeichen von streitbarer Teilhabe an der Werdohler Gesellschaft.

Diese Teilhabe-Forderung stößt bei sozial abgehängten Werdohlern, christlichen Fundamentalisten, Konservativen und Rechten auf Ablehnung. Zuschriften, Anrufe und Internet-Posts als Reaktion auf diese Serie sind da sehr deutlich. Trotz wiederholter Bitte wollte kein einziger dieser Kritiker öffentlich seine Meinung äußern. Den Mut, den die in der Serie „Werdühl“ Interviewten aufbrachten, hatten diese Leute jedenfalls nicht.

Grenzlinien verlaufen nicht an herkömmlichen Kategorien

Aber auch liberale Muslime und säkulare Türken haben mit einem offensiveren islamisch-türkischen Auftreten Probleme. Die Grenzlinien verlaufen eben nicht mehr an herkömmlichen Kategorien entlang, sondern mitten durch sie hindurch. Sie durchkreuzen sogar die innersten, privaten und familiären Bereiche. Das ist für alle Menschen in dieser Stadt konfliktreich, kompliziert und anstrengend.

Während Metropolen und Großstädte eine weltoffene Gesellschaft symbolisieren, sieht das in den Kleinstädten anders aus. Was die Menschen im anonymen Alltagsleben im Dortmunder Norden nicht interessiert, bedroht in Werdohl ein ohnehin im Schwinden begriffenes Gemeinschaftsgefühl.

Integration ist nie harmonisch

Wer denkt, Integration bedeute Harmonie, erlebt die offene, diverse, integrierte und internationale Gesellschaftswirklichkeit als Bedrohung. Das gilt in Werdohl ganz ausdrücklich für beide Seiten, für die aufnehmende Kleinstadt-Gesellschaft ebenso wie für die Hinzugekommenen. Die konservativen und traditionelle Rollenbilder bewahrenden islamischen Gemeinden stehen genauso wenig für Integration und Öffnung wie die selbst ernannten Bewahrer vermeintlich deutscher Leitkultur. Von Reaktionären auf türkischer wie auf deutscher Seite kommen Forderungen, aber selten Einbringung.

Gegenbewegungen auf beiden Seiten wollen die Öffnung der Gesellschaft rückgängig machen: Mit Besinnung auf Nationalismus, zurück zur reinen Lehre jeweils heiliger Schriften und deren Verkünder, zurück zu den guten, alten Zeiten, die heute nur noch eines sind: Sie sind unwiederbringlich vorbei.

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