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Ein Missgeschick führt zur Katastrophe: Halb Werdohl brennt ab

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Von: Volker Griese

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Wiederaufbau nach dem Brand: Ein Gutachter der Königlich Preußischen Regierung fertigte im Dezember 1822 eine Karte vom abgebrannten Werdohl an und trug sämtliche Brandstellen ein. Die grau eingezeichneten Gebäude sind abgebrannt, die roten blieben vom Feuer verschont. Der Gutachter gab Anweisungen, welche Häuser wieder aufgebaut und welche an einen anderen Platz verlegt werden sollten. Sechs – andere Quellen nennen sieben – Häuser wurden verlegt; so entstand an dem Weg nach Neuenrade („Heidelbecks Wiese“) die Bebauung an der späteren Neustadtstraße. Alle neuen Häuser sollten mit Dachziegeln gedeckt werden, um die Brandgefahr zu reduzieren. Der Gutachter-Plan sah außerdem die Verbreiterung, Verlegung und Verbesserung der Hauptstraße vor. So wurde die heutige Bahnhofstraße auf die rechte Lenneseite verlegt.
Wiederaufbau nach dem Brand: Ein Gutachter der Königlich Preußischen Regierung fertigte im Dezember 1822 eine Karte vom abgebrannten Werdohl an und trug sämtliche Brandstellen ein. Die grau eingezeichneten Gebäude sind abgebrannt, die roten blieben vom Feuer verschont. Der Gutachter gab Anweisungen, welche Häuser wieder aufgebaut und welche an einen anderen Platz verlegt werden sollten. Sechs – andere Quellen nennen sieben – Häuser wurden verlegt; so entstand an dem Weg nach Neuenrade („Heidelbecks Wiese“) die Bebauung an der späteren Neustadtstraße. Alle neuen Häuser sollten mit Dachziegeln gedeckt werden, um die Brandgefahr zu reduzieren. Der Gutachter-Plan sah außerdem die Verbreiterung, Verlegung und Verbesserung der Hauptstraße vor. So wurde die heutige Bahnhofstraße auf die rechte Lenneseite verlegt. © Kreisarchiv

Vor 200 Jahren sind große Teile des damaligen Dorfes Werdohl durch einen Brand zerstört worden. Die trockene Witterung Anfang November und ein kleines Missgeschick in einem Haus an der heutigen Goethestraße begünstigten die Entstehung der Katastrophe. Die Feuersbrunst hat das Erscheinungsbild des Ortes nachhaltig verändert.

Werdohl – Das Dorf Werdohl ist im Laufe seiner Geschichte wie auch andere Orte von Seuchen und Hungersnöten, von Naturkatastrophen und Kriegen heimgesucht worden. Allein drei Mal wütete im 17. Jahrhundert die Pest in dem Örtchen, 1662 gab es derart verheerendes Hochwasser, dass sogar die steinerne Lennebrücke weggerissen wurde. 1682 wurde Werdohl von den Franzosen geplündert, und auch unter den späteren Befreiungskriegen hatte das Dorf zu leiden.

Immer wieder kam es auch zu Bränden. Aus dem Jahr 1717 beispielsweise wird von zahlreichen abgebrannten Gebäuden berichtet, 1744 zerstörte ein Feuer 32 Häuser und auch 1777 gab es einen Großbrand. Vor allem ist aber die große Brandkatasterophe von 1822 zu nennen, denn keine andere Katastrophe hat im Ortsbild Werdohls tiefere Spuren hinterlassen.

Der 2. November des Jahres 1822, ein Samstag, ist ein klarer Herbsttag gewesen, wenn man dem Heimatkundler Richard Althaus (1905 bis 1995) Glauben schenkt, der die Entstehung des Brandes 1957 einmal für die Landeskundliche Zeitschrift „Der Märker“ nachgezeichnet hat.

Überhaupt sei das Jahr 1822 für die Dorfbewohner bis zu diesem Tag gut verlaufen: Die Ernte hatte frühzeitig eingefahren werden können, nur der im Lennetal reichlich angebaute Flachs habe noch weiterverarbeitet werden müssen. Das geschah meistens in einer Grube oder manchmal auch in einem massiven Mauerwerk, abgedeckt mit starken Knüppeln, worauf der Flachs zum Dörren gelegt wurde.

Darunter brannte ein Feuer, das für die nötige Hitze sorgte. Man musste sehr vorsichtig sein, damit der Flachs nicht zu brennen anfing; nur geübte und zuverlässige Personen durften den Flachs dörren.

Im Haus Schulte, an der Straße In der Ruhr, der heutigen Goethestraße gelegen, sei das Feuer auf das trockene Flachsstroh übergesprungen und habe im Nu das ganze Haus in Brand gesetzt, berichtete Heimatkundler Althaus. „Nach wenigen Augenblicken schossen schon die Flammen aus dem Strohdach und griffen auf das Nachbarhaus über“, heißt es in dem Bericht weiter. Starker Südwestwind habe das Feuer noch weiter angefacht.

Verzweifelt dürften sich die Bewohner Werdohls gegen das rasende Feuer gewehrt haben, doch vergebens: Das Feuer sprang in dem dicht bebauten Dorf am Lennefluss von einem Haus auf das nächste über. Der ganze Bereich, der heute als Altes Dorf bezeichnet wird, von der heutigen Goethestraße bis zum Friedrich-Keßler-Platz und bis zur Stadtbrücke, brannte lichterloh.

Auch über die Soppe, den damals noch offen liegenden Nebenarm der Lenne, sprang das Feuer und erreichte den Bereich am „Sand“. Links und rechts der heutigen Bahnhofstraße bis zum Anfang der späteren Neustadt habe das Feuer getobt, schildert Althaus das Geschehen. Erst im Bereich des heutigen Fritz-Thomée-Platzes, dort, wo mittlerweile der Lidl-Markt steht, habe man den Brand endlich eindämmen können.

Über Todesopfer gibt es in den Quellen unterschiedliche Angaben. Richard Althaus und später auch Werdohls Ortsheimatpfleger Willi Bergfeld (1925 bis 2018) berichteten von einem Toten, dem Reidemeister und Gastwirt Grote, dem bei seiner Rettung durch ein mit Eisenstäben vergittertes Fenster der Brustkorb zerquetscht worden sein.

Der Volkskalender für Rhein-Westfalen berichtet 1824, dass auch ein Familienvater von einer umstürzenden Giebelwand erschlagen worden sei.

Fest steht, dass das Feuer in Werdohl immensen Sachschaden angerichtet hat. Von damals 75 Häusern wurden 41 zerstört oder schwer beschädigt. Die vielen Schuppen und Ställe, die das Feuer obendrein vernichtet hat, hat niemand gezählt. In den abgebrannten Häusern wohnten Familien, deren Namen noch heute in Werdohl geläufig sind.

Sie lauteten beispielsweise Dunkel, Eick, Kohlhage, Marlinghaus, Rentrop, Schürmann oder Voßloh. Auch die Crones, die Hopmanns, die Rademachers und die Schröders, die Grotes, Fischers und Kösters hatten ihr Hab und Gut verloren.

Viele Werdohler Familien standen also kurz vor dem Einbruch des Winters 1822/23 vor dem Nichts. Doch die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei groß gewesen, berichtet Bergfeld.

Die beiden Pfarrer, der lutherische Friedrich Keßler und der reformierte Ludwig Grimm, nahmen die Leitung eines gemeinsamen Hilfswerks der eigentlich rivalisierenden Kirchengemeinden in die Hände und schickten Spendensammler in die umliegenden Städte, denn öffentliche Brandkassen gab es zur damaligen Zeit noch nicht.

Im weiten Umkreis sammelten Werdohler für die Brandopfer „milde Gaben“ – und das nicht zu knapp, wie Althaus 1957 berichtet: „In Iserlohn kamen weit über 800 Taler zusammen. Altena sammelte 700 und aus Elberfeld und Barmen kamen über 2000 Taler zusammen... Der ganze Kreis Altena sprang willig zur Hilfe ein.“ Verschiedene Gemeinde sammelten auch Lebensmittel und Futter für die Tiere.

Der Westfälische Anzeiger, die damals meistgelesene und bekannteste Zeitung, hatte seine Leser zu Spenden aufgerufen und lieferte 133 Taler ab. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Bevölkerung betrug Anfang des 19. Jahrhunderts etwa 200 Taler; eine Arbeiterfamilie musste für Nahrung, Kleidung, Wohnung, Heizmaterial und Hausrat jährlich etwa 130 Taler aufwenden.

Doch es gab damals nicht nur wohlmeinende Unterstützer, sondern auch schon Trittbrettfahrer. So berichtet ein amtliches Bekanntmachungsblatt bereits am 7. November 1822 davon, dass Bettler unterwegs seien „und als Abgebrannte für sich betteln oder für andere angeblich collectiren“.

In derselben Mitteilung ist die Rede davon, dass die Brandgeschädigten teils auf privaten, teils aus öffentlichen Mitteln „reichlich Unterstützungen“ erhielten.

Einige Gebäude blieben aber auch von der Feuersbrunst verschont. Dazu gehörten die Kilianskirche und die beiden Schulhäuser in ihrer Nähe, das lutherische und das reformierte Pfarrhaus und sogar zwei Wohnhäuser ganz in der Nähe des Hauses, in dem der Ursprung des Dorfbrandes zu suchen war.

Die Königlich Preußische Regierung entsandte schon wenige Tage nach dem Brand einen Gutachter und Landvermesser nach Werdohl, der sich ein Bild von den angerichteten Schäden machen, aber auch den Wiederaufbau koordinieren sollte.

Er fertigte zunächst eine Karte an, in die er alle abgebrannten, aber auch die verschonten Häuser einzeichnete. Das Original der Karte wird im Kreisarchiv des Märkischen Kreises aufbewahrt, eine Kopie ist im Werdohler Stadtmuseum zu besichtigen.

Der Regierungsbeauftragte legte fest, welche Häuser an Ort und Stelle wieder aufgebaut durften und welche an einen anderen Platz verlegt werden mussten. So wurde zum Beispiel der Busenhof, einer der ältesten Höfe Werdohls, wegen der Verbreiterung der Straße verlegt. Der damalige Besitzer, der Reidemeister Johann Wilhelm Heutelbeck, baute das Gebäude als Bauernhof und Gasthaus wieder auf.

Manche Häuser durften an ihrem alten Standort nicht wieder aufgebaut werden, der Regierungsbeauftragte wies den Besitzern neue Bauplätze auf „Heutelbecks Wiese“ (im Plan von 1822 als „Heidelbecks Wiese“ bezeichnet) zu. Dort wurden sieben gleichartige Häuser mit der Traufseite zur Straße gebaut, darunter das Haus, in dem 1848 Eduard Voßloh geboren wurde, der Gründer des heutigen Bahntechnikkonzerns Vossloh AG.

Ironie des Schicksals: Am frühen Morgen des Pfingstsonntags 2020 wurde dieses Haus an der heutigen Neustadtstraße durch einen Brand stark beschädigt, bis heute ist es noch nicht wieder aufgebaut worden. Von den sieben Häusern, die die Keimzelle der Neustadtstraße bildeten, sind – einschließlich des Voßloh-Hauses – noch vier erhalten.

Manche Häuser hatten nur ihr Dach verloren und wurden zunächst notdürftig repariert, ehe sie im Sommer 1823 ein neues Dach erhielten. Der erste Neubau erhielt am 26. März 1823 seinen Dachstuhl, und als das erste Jahr nach dem Brand vorüber war, blieben nur noch drei Häuser unvollendet.

Werdohl versuchte nun, sich für weitere Brandkatastrophen zu wappnen. Zunächst mussten alle Häuser mit Dachziegeln gedeckt und – wo möglich – die Straßen verbreitert werden, um die Ausbreitung zukünftiger Brände einzudämmen.

Auch mussten an jedem Haus eine Leiter, ein Feuerhaken und zwei Ledereimer vorhanden sein; der Nachtwächter sollte das regelmäßig überprüfen. Außerdem entstand 1825 an der Kilianskirche ein Anbau, in dem eine Feuerspritze, Eimer, Feuerhaken und Leitern aufbewahrt wurden.

Ein organisiertes Feuerwehrwesen entstand aber erst nach dem Erlass der Feuerpolizeiverordnung für Westfalen vom 30. November 1841 und der Feuerordnung des Kreises Altena vom 11. Februar 1843. Am 23. November 1843 wurde schließlich die Freiwillige Bürgerfeuerwehr Werdohl ins Leben gerufen, die bald 73 Kräfte zählte. Ludwig Eveking war der erste Feuerwehrhauptmann von Werdohl.

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