Wirklich so schlimm?

Ein Jahr Bonpflicht: Händler ziehen Bilanz

Bons für Centbeträge: Auch für preisgünstige Backwaren wie einzelne Brötchen sollen seit Januar Kassenbons erstellt werden. Mit der Bonpflicht beabsichtigte man, dass alle Kassenvorgänge korrekt dokumentiert werden.
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Bons für Centbeträge: Auch für preisgünstige Backwaren wie einzelne Brötchen sollen seit Januar Kassenbons erstellt werden. Mit der Bonpflicht beabsichtigte man, dass alle Kassenvorgänge korrekt dokumentiert werden.

Seit fast einem Jahr gilt im Einzelhandel die Bonpflicht: Auch die kleinsten Geschäfte müssen durch einen ausgedruckten Kassenzettel dokumentiert werden. Wir haben uns umgehört, wie die Bäcker und die Floristen, die Dönerverkäufer und Pizzabäcker, aber auch die großen und kleinen Lebensmittelläden mit der Vorschrift umgehen.

Werdohl/Neuenrade/Balve ‒ Ziemlich genau ein Jahr ist vergangen, seit die Bundesregierung die Pflicht zum Kassenbon erlassen hat. Seit dem 1. Januar 2020 müssen Händler einen Kassenbon für ihre Kunden erstellen und ihnen den Beleg aushändigen – selbst bei Kleinstbeträgen. Dies begeisterte weder die Kunden noch die Händler selbst. Letztere rechneten mit erheblichen Mehrkosten für das Bonpapier und gaben zu bedenken, dass mit dem häufig verwendeten Thermopapier und dem erhöhten Papiermüllaufkommen die Umwelt belastet würde. Nach einem Jahr ziehen die Einzelhändler ein Fazit: Wie schlimm war die Bonpflicht wirklich? Welche Befürchtungen haben sich bewahrheitet?

Bäckereien Vielhaber und Grote

„Der Aufschrei im Frühjahr war ja groß“, sagt Carl Grote, Junior-Chef der Goldbäckerei aus Langenholthausen. „Es war ein sehr großer zusätzlicher Haufen Müll, der da produziert wurde.“ Zwei Monate beschaute sich das Familienunternehmen die damals neue Situation und beschloss schließlich zu handeln. Zum 1. März habe man in den Filialen den E-Bon eingeführt, erklärt Carl Grote. Wenn der Kassiervorgang abgeschlossen wird, zeigt die Kasse auf dem Kundendisplay einen QR-Code an. Dieser kann mit einem Smartphone gescannt und der Bon heruntergeladen werden.

So ging auch die Bäckerei Vielhaber aus Sundern-Stockum vor, wie auf Nachfrage zu erfahren war. Vielhaber hat unter anderem in Werdohl einen Standort. Bei Grote und auch bei Vielhaber kommt der E-Bon scheinbar gut an. Allerdings nicht dahingehend, dass er häufig heruntergeladen würde, sondern weil weniger Müll produziert wird und die Kunden nicht bei jedem Einkauf durch den Bon belästigt werden. „Dieses System ist deutlich umweltfreundlicher“, sagt Grote.

Statistisch gesehen nehmen in den Grote-Filialen unverändert gerade einmal drei Prozent der Kunden ihren Bon mit. In absoluten Zahlen ausgedrückt bedeutet das im Jahr: Rund 65.700 Bons würden zu einem bestimmten Zweck gedruckt, der den Papierverbrauch rechtfertigen kann. Rund 2.124.300 weitere Bons aber, die den 97 Prozent der Fälle entsprechen, in denen die Kunden keinen Bon haben wollen, landeten dagegen im Müll.

Die Möglichkeit den Bon auszudrucken, gebe es trotz E-Bon immer noch. Jeder, der den Kaufbeleg in Papierform haben möchte, bekomme ihn selbstverständlich ausgehändigt. Dies komme zum Beispiel bei Senioren vor, die kein Smartphone haben.

Zum 1. Januar 2021 solle sich bei den Kassensystemen wieder etwas ändern, sagt Carl Grote. Das Finanzamt wolle eine zusätzliche Kontrolleinheit an die Kasse anschließen, die die digitalen Kassenbons speichert, damit nicht nachträglich manipuliert werden könne. Der Junior-Chef der Bäckerei nimmt das hin. „Gesetz ist Gesetz. Die Speicherung von Kassiervorgängen ist im Prinzip richtig, denn es kommt letztlich jedem Steuerzahler zugute, wenn die Geschäfte ordentlich abrechnen. Nur über die Art und Weise kann man streiten.“

Lezzet Sofrasi Döner

Osman Esmer vom Döner-Restaurant Lezzet Sofrasi an der Neustadtstraße hat im Mai 2019 eröffnet. Als er seinen Imbiss damals einrichtete, schaffte er auch eine elektronische Kasse an. Die Möglichkeit zum Bondruck bestand also seitdem.

Tatsächlich habe er auch Kunden, die um einen Kassenbeleg bitten. Vereinzelt zwar, aber es gibt sie. „Häufig sind es Geschäftskunden, die das Essen wohl später bei einer Abrechnung geltend machen können“, vermutet Esmer. Die paar Kunden, die die Bons mitnehmen, würden aber keineswegs die vielen Kunden aufwiegen, die ihre Bons wegwerfen. Unterm Strich „landen schon fast alle Bons im Müll“, sagt Esmer. So lange es vorgeschrieben ist, halte sich der Betreiber des Döner-Restaurants trotzdem an die Regel und drucke den Bon für seine Kunden aus. Die Mehrkosten, die dadurch entstehen, könne er nicht beziffern.

Pizzeria Calandra

Angelika Kiewski blickt gelassen auf das erste Jahr mit Bonpflicht zurück. „Wir machen es einfach“, sagt die Betreiberin der Pizzeria Calandra im Werdohler Versetal. Jedem Kunden werde ein Beleg zu seinem Einkauf ausgehändigt. „Es guckt aber kaum einer darauf, meistens landen die Bons im Müll.“ Beschweren würde sich wegen des Bons niemand, sagt Kiewski. Für das Betreiberehepaar bedeute die Regelung auch keinen wirklichen Mehraufwand.

Eine elektronische Kasse habe man ohnehin, müsse nun lediglich die Taste zum Drucken drücken. Einziger Wermutstropfen: Die für den Bondruck benötigten Papierrollen kosten die Pizzeria Geld, das man auch anders verwenden könnte. Die Summe bewege sich aber in einem Rahmen, der zu verschmerzen sei, sagt Kiewski. „Ich kaufe die Rollen in der Metro. Im Jahr kosten die Packungen zwischen 40 und 80 Euro.“

Wurst Wagner

Schon im Januar, als die Bonpflicht gerade frisch eingeführt war, wusste Martina Hirschberger von Wurst Wagner, dass für ihre alteingesessene Imbissbude ein Bestandsschutz gelte, denn die Pommesbude an der Sandstraße existiert seit 1972. Gespräche mit ihrem Steuerberater, den sie wegen der neuen Regelung konsultierte, hatten ergeben, dass sie deshalb nicht von der Bonpflicht betroffen ist, sondern erst ein Nachfolger in dem Laden eine Kasse anschaffen muss.

Bei dieser Regelung sei es geblieben. „Wir arbeiten weiter nach dem Prinzip der offenen Kasse“, heißt es. Kunden, die dies wünschten, bekämen trotzdem eine Quittung, doch das seien „allenfalls mal vier oder fünf im Laufe eines Monats“. Die meisten Kunden hielten diese Bonpflicht für kompletten Schwachsinn, gerade vor dem Umweltaspekt. Kassenzettel bestehen aus beschichtetem Papier und dürfen nicht ins Altpapier entsorgt werden.

Carsten Fromm hat einen vollautomatischen Kassenautomaten und muss sich daher nicht um Kleingeld sorgen.

Blumen Fromm

Carsten Fromm, Chef des gleichnamigen Blumen-Geschäfts am Brüninghaus-Platz in Werdohl, erinnert sich noch an den großen Aufschrei vor rund einem Jahr. „Das Thema wurde hoch gekocht, aber mittlerweile hört man fast nichts mehr davon“, sagt Fromm. So wie vermutlich die meisten Einzelhändler hat sich auch der Blumenexperte mit der Bonpflicht abgefunden, setzt sie in seinem Laden gesetzestreu um. Für Fromm gebe es keinen Mehraufwand. Er nutze die Bons sogar zu Werbezwecken: „Wir drucken Rabattaktionen mit auf die Bons, sodass die Kunden einen Anreiz haben, sie mitzunehmen.“ Diese Taktik zahle sich aus: Bis zu 90 Prozent der Bons würden von den Kunden mitgenommen und landen nicht im Mülleimer.

Die Rabattaktionen seien darüber hinaus auch ein gutes Mittel zur Kundenbindung, sagt Fromm. „Es macht Freude, wenn die Bons mit den Rabattcodes zurückgebracht und eingelöst werden. Wir haben hier einen Topf, in dem wir sie sammeln, und da sind einige drin. Die Menschen haben einfach Spaß daran zu sparen.“

Edeka-Center Tank

Für Heiko Tank, der das Edeka-Center an der Inselstraße betreibt, hat sich mit der Bonpflicht im Januar nichts geändert. Die Bons habe man schon vor der neuen Regelung immer ausgedruckt, sagt er. Auch das Verhalten der Kunden sei in Bezug auf den Bon gleich geblieben. „Wer ihn mitnehmen will, nimmt ihn mit und wer ihn nicht mitnehmen will, schmeißt ihn weg. Ganz einfach.“ Mittlerweile sei die Bonpflicht auch kein großes Thema mehr in dem Edeka-Markt. „Das war am Anfang zwei Wochen aktuell und dann interessierte es keinen mehr“, so Tank. Wer im Edeka an der Inselstraße per App bezahlt, hat übrigens auch die Möglichkeit, sich den Bon auf das Smartphone herunterzuladen. Allerdings werde der Papierbon bei den digitalen Bezahlvorgängen trotzdem ausgedruckt.

Aldi-Nord-Gruppe

Die Aldi-Nord-Gruppe, zu der auch die Aldi-Märkte in Werdohl und Balve zählen, berichtet auf Anfrage, dass sich für sie durch die Bonpflicht nichts geändert habe, „da wir an unseren Kassensystemen schon vor der Einführung der gesetzlichen Bonpflicht immer einen Kassenbon ausgestellt haben“, sagt Unternehmenssprecher Dr. Axel vom Schemm. Er weist darauf hin, dass Aldi „bereits seit September 2010 in allen Filialen ausschließlich Thermokassenpapierrollen ohne den Weichmacher Bisphenol verwendet“. Bisphenol ist üblicherweise Bestandteil von Thermopapier und anderen Produkten des täglichen Gebrauchs. Die Europäische Union hatte es beispielsweise als Bestandteil von Baby-Trinkflaschen 2011 verboten.

Das Papier bei Aldi sei auf phenolfreie Qualität umgestellt worden. „So wird bei der Herstellung der Kassenbonrollen auch keine ,chemische Tinte’ verwendet. Es handelt sich um ein Wärmereaktionsverfahren“, erklärt vom Schemm, dass man trotz des Bondrucks bemüht sei, die Umwelt zu schonen. „Unsere Kassenbelege sind seit Jahren FSC-zertifiziert und stammen aus nachhaltiger Forstwirtschaft, können also über das Altpapier entsorgt werden. So steht das Material wieder dem Recyclingkreislauf zur Verfügung.“ FSC steht für „Forest Stewardship Council“. Es ist ein internationales Zertifizierungssystem für nachhaltigere Waldwirtschaft.

Rewe Dortmund

In den Rewe-Märkten wurde vor der Bonpflicht ebenfalls stets ein Kassenbon ausgestellt. Allerdings teilt Rewe Dortmund, zu dem die heimischen Märkte gehören, auf Anfrage mit: „Unsere Märkte bieten auch den E-Bon an, der gesetzeskonform ist und gleichzeitig hilft, Papier zu sparen. Die Nutzerzahlen des E-Bons steigen – ob dies mit der Bonpflicht oder der zunehmenden Digitalisierung unserer Kunden zusammenhängt, ist nicht sicher zuzuordnen.“

Lidl und Netto

Lidl und Netto äußerten sich auf Anfrage der Redaktion nicht zur Bonpflicht.

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