Werdohlerin protestiert in Istanbul

Die 30-jährige Asli Cigdem ist im Sauerland aufgewachsen und zog vor zweieinhalb Jahren von Werdohl nach Istanbul. Seit Beginn der Proteste geht sie gegen Erdogan auf die Straße.

WERDOHL - Im zentralen Gezi-Park in Istanbul, einer der letzten begrünten Flächen in der türkischen Metropole, stehen ein paar hundert Bäume. Die sollen auf Geheiß von Staatsoberhaupt Erdogan einem Einkaufszentrum weichen. Viele Bürger sind mit den Bauplänen nicht einverstanden, wollen um den Park kämpfen und entschließen sich Ende Mai zur Demonstration.

Damit machen sie gleichzeitig ihren Unmut über die „konservative und bevormundende Politik von Erdogan“ deutlich. Unter den Demonstranten ist auch Asli Cigdem, die vor zweieinhalb Jahren von Werdohl nach Istanbul auswanderte.

Die Regierung reagiert erbost auf den Protest, kämpft bald mit aller Härte gegen die Wutbürger. Seit zwei Wochen liefern sich Demonstranten und türkische Polizisten nun immer wieder gewaltsame Kämpfe, hunderte Menschen werden verletzt, einige getötet. Gleichzeitig lehnen sich immer mehr Menschen in der Türkei gegen Ministerpräsident Recep Erdogan auf.

Auch Asli Cigdem ist mehr als unzufrieden mit der derzeitigen Politik und fassungslos über das Verhalten von Erdogan. Wie so viele Türken will sich aber auch die 30-jährige Cigdem nicht unterkriegen lassen. „Die Menschen haben es satt, dass ihnen vorgeschrieben wird, wie sie zu leben haben und ihr Leben eingeschränkt wird. Es geht hier nicht nur um den Park, sondern um die gesamte Politik. Es geht darum, dass die Welt sehen soll, was hier passiert. Und es geht uns um Zusammenhalt“, sagt Cigdem.

Gemeinsam mit Freunden nahm sie an den Protesten teil. Ihr Ziel war meistens der Taksim-Platz, doch auf dem Weg dahin wurden sie von Polizeieinheiten aufgehalten. Am ersten Tag der Demonstrationen wollten sie vom Stadtteil Besiktas Richtung Taksim-Platz gehen, sie hatten gehört, dass sich die Polizei dort zurückgezogen habe. „Auf dem Weg herrschte eine unglaubliche Stimmung. Ich hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut“, erzählt Cigdem. Allerdings ahnte keiner, dass die Polizei nun in Besiktas versuchte, die Bürger auf dem Weg zum Taksim-Platz aufzuhalten. Plötzlich kamen Cigdem und ihre Freunde nicht mehr weiter, die Polizei riegelte alles ab. „Um die Menschen zurückzuhalten, setzten sie Tränengas ein. Ich habe noch nie in meinem Leben so ein Brennen in meinen Augen, Nase und Rachen gespürt“, erzählt Cigdem.

Aber der Zusammenhalt unter den Demonstranten, die sich gegenseitig mit Zitronensaft und Milch aushalfen, was gegen das Brennen helfen sollte, sei unglaublich gewesen. Cigdem telefoniert auch ständig mit ihrer besorgten Mutter, die in Werdohl lebt und sie bittet, doch zuhause zu bleiben. „Aber wenn alle aus Angst zuhause bleiben würden, wären wir ja nie aufgefallen“, erklärt Cigdem.

Natürlich mache ihr die Situation auch Angst, man merke jetzt, über wen die Regierung Macht habe. Schlimm sei, dass man Angst haben müsse, was man wo sagt oder was man bei Twitter oder Facebook postet. „Man fühlt sich auf jeden Fall unterdrückt“, sagt die 30-Jährige. Es seien auch schon viele Freundschaften durch die Proteste kaputt gegangen. „Selbst ich habe es erlebt, dass Freunde, von denen ich es nicht gedacht hätte, sich als extreme Erdogan-Anhänger outeten.“

Auch wenn sie anerkennt, was Erdogan in seiner Zeit als Ministerpräsident an positiven Dingen geleistet hat, lehnt sie die Regierung ab. Es gebe natürlich viele nennenswerte Projekte, die er angegangen und erfolgreich umgesetzt habe. Wirtschaftlich sei die Türkei im Aufschwung. Doch sie fragt sich, wie man einem Politiker glauben kann, der vermutlich Wählerstimmen kaufte, der die Medien unterdrückt und das eigene Volk nicht nur bevormundet, sondern nun auch massiv bekämpft. „Wie soll man jemanden schätzen, der die Demonstranten, unter ihnen ehemalige Erdogan-Wähler, bedroht, der diese Menschen als Säufer und Plünderer bezeichnet? Es gibt so viele Dinge, die ich aufzählen könnte, weshalb es mir schwer fällt, diese Politik zu schätzen. Da werden die positiven Dinge, die er getan hat, irrelevant“, sagt Asli Cigdem.

Das Wochenende wird nun zeigen, ob neue Demonstrationen angesetzt werden. „Wenn es wieder Proteste gibt, schließe ich mich auf jeden Fall wieder an. Eigentlich ist zwar jedem bewusst, dass Erdogan wegen der Proteste nicht zurücktreten wird. Ich hoffe aber dennoch, dass die Menschen, sowohl hier als auch die türkischen Bürger in Deutschland, die Augen öffnen und sehen, was hier passiert. Ich hoffe, dass die Menschen weiterhin den Mut haben, etwas zu tun und nicht Angst haben, zu dem zu stehen, was sie denken.“ Ob die „Jugend von Atatürk“ wirklich erwacht ist oder nicht, werde sich bei den nächsten Wahlen zeigen. „Ich hoffe es sehr“, sagt Cigdem. - Von Alisa Kannapin

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