Dünnbier und Himbeersirup mit Wasser

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Renate Olbrich vor ihrem Lokal, das vor 100 Jahren von ihrem Großvater gegründet wurde. ▪

WERDOHL ▪ 100-jähriges Bestehen feiert die Gaststätte Klute-Olbrich. Einen Großteil dieser Zeit hat Wirtin Renate Olbrich miterlebt. „Bei Unterhaltungen werde ich oft dazugerufen: ‘Komm mal eben, Du weißt das doch sicher’“, sagt sie. „Ach ja, man hat soviel erlebt in den ganzen Jahren,“ resümiert sie.

Olbrichs Großvater Ewald Funke gründete das „Restaurant Zum Versetale“ 1912. Das genaue Eröffnungsdatum ist heute nicht mehr bekannt. „Mein Großvater war ein exzellenter Koch“, weiß Olbrich noch genau. 1928 übernahm Funkes Tochter Elisabeth das Lokal, gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm Klute. 1952 wurde der Namenswechsel zur Gaststätte Klute vollzogen.

Während des Krieges war das Restaurant eine Weile lang geschlossen. „1946 oder 1947 wurde dann wieder eröffnet“, blickt Olbrich zurück. „Es gab kein richtiges Bier, nur ein Dünnbier. Das hieß Zitsch, schmeckte wie ein heutiges Radler.“ Alkohol war damals Mangelware. „Aber einer auf dem Berg brannte selbst Schnaps. Da kriegte ich als Kind eine Tasche in die Hand und musste den Schnaps holen.“

Auch sonst herrschte an fast allem Mangel: „Für die Kinder gab es keine Cola oder Fanta. Die bekamen Himbeersirup, aufgefüllt mit Wasser aus dem Kran. Und das war’s“, berichtet Olbrich. Auch Raucher mussten sich behelfen: „Sonntagnachmittags um 15 Uhr gab es in der Kneipe immer einen Stammtisch. Die alten Opas hatten alle ihren selbst gemachten Tabak. Wenn die den rauchten, dann stank es im Gastraum so sehr, da gab es keine Fliegen.“ Lebensmittel waren ebenso schwer zu bekommen: „Wenn es hier eine Feier gab, brachten die Leute ihr Fleisch und Gemüse mit. Meine Mutter hat das dann nur noch zubereitet“, erklärt Olbrich.

Seit 1969 führt Renate Olbrich, Tochter von Elisabeth und Wilhelm Klute, Jahrgang 1937, das Familienunternehmen weiter. „Bis dahin gab es in der Kneipe ja nur Soleier oder Frikadellen zu essen. Doch dann, in den 70er-Jahren, fing die Zeit an, wo man auch mal Schnittchen anbot.“ Später nahm Olbrich auch Koteletts mit Kartoffelsalat auf die Karte. „Später kamen auch Jägerschnitzel und Krüstchen dazu“, erinnert sich die Wirtin.

„Ich wollte das Restaurant erst gar nicht übernehmen“, gesteht sie. „Aber mein Vater hat dann erst meinen Mann Karl-Heinz überredet und schließlich mich.“ 1982 starb Karl-Heinz Olbrich. Renate führt seither die Gaststätte alleine. 1984 wurde im Bereich der Küche und der Toiletten angebaut. Vor einem Vierteljahrhundert erfolgte die erneute Umbenennung in Gaststätte Klute-Olbrich.

Zwischenzeitlich kann sich Olbrich ein Leben ohne ihr Lokal gar nicht mehr vorstellen. „Ich mache weiter, so lange ich kann“, sagt sie. Weder ihre Kinder noch ihre Enkel kämen als Nachfolger in Frage. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Kneipe irgendwann nicht mehr existiert“, gesteht Olbrich. „Aber man findet keinen Pächter. Die heutigen haben ja alle gar keine Ahnung von der Materie. Die glauben, man könnte so einen Laden führen, ohne selbst mit anzupacken. Aber ohne Stunden da rein zu packen, geht das doch nicht.“

Das aber macht Renate Olbrich gerne: „Ich freue mich immer, wenn ich bekannte Gesichter wieder sehe.“ Viele Vereine halten ihre Versammlungen bei Klute-Olbrich ab. „Seit sieben, acht Jahren kommt an jedem Donnerstag ein Stammtisch. Und eine andere Gruppe spielt hier seit 40 Jahren freitagabends Skat.“ Da bilden sich auch schonmal persönliche Freundschaften. „Man kommt immer in persönlichen Kontakt zu Leuten, die so lange kommen.“ - Michael Koll

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