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Drogenberatung: Corona hat die Arbeit total verändert

Drobs-Geschäftsführer Stefan Tertel (Mitte) stellte in der Werdohler Beratungsstelle an der Goethestraße die Jahresbilanz und den neuen Berater Klaus Hillebrand (links) vor. Im Werdohler Team bleibt Berater Daniel Kämmer.
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Drobs-Geschäftsführer Stefan Tertel (Mitte) stellte in der Werdohler Beratungsstelle an der Goethestraße die Jahresbilanz und den neuen Berater Klaus Hillebrand (links) vor. Im Werdohler Team bleibt Berater Daniel Kämmer.

Die Corona-Pandemie hat massiven Einfluss auf die Arbeit der Drogenberater. Geschäftsführer Stefan Tertel stellte jetzt in der Werdohler Beratungsstelle die Bilanz des vergangenen Jahres vor.

Auch einen personellen Wechsel hat es gegeben: Beraterin Marleen Emmerich ging aus Werdohl nach Lüdenscheid, wo sie eine Jugendsprechstunde aufbaut. An ihre Stelle in Werdohl ist der 54-jährige Klaus Hillebrand gekommen, der bereits vor 23 Jahren sein Anerkennungsjahr in Werdohl abgeleistet hatte. Der 36-jährige Daniel Kämmer arbeitet schon länger als Suchtberater im Werdohler Team.

Von Werdohl aus arbeiten die beiden Berater für die Städte Altena, Nachrodt-Wiblingwerde, Neuenrade, Plettenberg und Balve. Im Rückblick auf das vergangene Jahr ließe sich vor allem eines sagen: Die Corona-Pandemie verschärfe die Isolation der betreuten Drogenabhängigen noch weiter.

Selbsthilfegruppen können sich nicht treffen

Vor allem die Selbsthilfegruppen können sich nicht treffen, deshalb fallen die dringend benötigten sozialen Kontakte zu anderen Menschen weg. Geschäftsführer Tertel sagt: „Unter Corona hat sich unsere Arbeit total verändert.“ Während die Beratungsstelle vor Corona auch als Treffpunkt diente und zur Kommunikation benutzt wurde, ist seit Monaten jeglicher Aufenthalt dort verboten.

Klaus Hillebrand (links) hatte vor 23 Jahren sein Anerkennungsjahr in Werdohl geleistet, jetzt arbeitet er im Team zusammen mit Daniel Kämmer.

Bei den Sprechstunden warteten die Klienten früher gerne gemeinsam, auch das ist unmöglich. Und Videoberatung sei häufig nicht das Mittel der Wahl. Weil es sich bei der Klientel der Drobs ausschließlich um Konsumenten illegaler Drogen handelt, mag nicht jeder seine Lebenssituation vor der Handykamera beschreiben. Die Leute seien aufgrund ihrer Drogengeschichte misstrauisch. Es brauche viel Vertrauen, um miteinander zu arbeiten.

Verstärkt Krisen und Rückfälligkeiten

Tertel berichtet in der Statistik von 2020 zwar von in etwa gleichbleibenden Zahlen, die Berater erleben in ihrer Betreuungsarbeit aber verstärkt Krisen und Rückfälligkeiten. Tertel bringt die Erfolgsmomente von Drogenberatern auf eine griffige Formel: „Wenn sich etwas nicht verschlechtert hat, ist das schon ein Erfolg für uns.“ Durch Corona verschlechtere sich die Situation der von Drogen abhängigen Menschen allerdings.

Da man sich auch illegale Drogen per Paketboten liefern lassen könne, gebe es schon lange keine offene Szene mehr. Der Straßenpreis für illegale Drogen sinke seit Jahren. Es sei sehr leicht, an alle Arten von verbotenen Drogen zu kommen. Plantagen und Labore befänden sich in der Nähe. Tertel: „Drogen müssen heute keine langen Wege mehr machen,“ Die meisten Abhängigen konsumierten deshalb ohne öffentliche Kontrolle irgendwo zuhause. Nur die Drogenberater haben direkten Zugang zu ihrer Klientel, was eben durch Corona zudem stark eingeschränkt ist. Zu den Begleiterkrankungen der Drogenabhängigkeit gehören häufig Angststörungen, Depressionen und Psychosen. Isolation und Stigmatisierung sei für solche Menschen Alltag.

Auch Abhängige müssen weite Wege zurücklegen

Die Drobs-Mitarbeiter betreuen die Klienten ambulant und begleiten sie bei Behördenbesuchen und im normalen Leben. Ein unverändert großes Problem haben die Heroin-Abhängigen, die durch andere Mittel ärztlich substituiert werden. Tertel: „Wir reden in diesen Tagen über Probleme von 80-Jährigen, die weite Wege zum Impfzentrum nach Lüdenscheid haben.“ Die Heroin-Klientel habe diese Probleme mitunter täglich und seit vielen Jahren. Im Betreuungsgebiet der Drobs gibt es nur einen Arzt in Werdohl, der gerade einmal zehn Klienten substituiert. Ärztliche Anlaufstellen für Heroin-Abhängige gibt es erst wieder in Attendorn oder Iserlohn, Menden und Schwerte. Manche müssen täglich weite Strecken zurücklegen, um mit ihrer Abhängigkeit kontrolliert leben zu können.

Beratungsstelle in Werdohl seit 1979

Der Trägerverein der Drobs wurde am 10. Mai 1973 in Iserlohn gegründet. Damals gehörten zunächst nur Iserlohn, Hohenlimburg, Letmathe, Menden, Schwerte und Hemer dazu. In den Jahren 1978 und 1979 traten nahezu alle Städte und Gemeinden im Märkischen Kreis ein. Am 2. Juli 1979 wurde die Beratungsstelle in Werdohl bezogen. 2000 trat die Stadt Menden aus, ein Jahr später die Stadt Schwerte. 2007 gab es einen bis heute gültigen Kooperationsvertrag mit anderen Suchtträgern im MK und dem Kreisgesundheitsamt zur Gründung der Ambulanten Rehabilitation Sucht im Märkischen Kreis. Am 27. Juli 2013 wurde das 40-jährige Bestehen gefeiert.

Die Vereinsamung zu Corona-Zeiten treffe alle Suchtkranken, egal ob Heroin-, Cannabis- oder Amphetamin-Abhängige. „Hochdramatisch“ sei die Situation, heißt es. „Unsere Klientel kämpft mit der Alltagsstruktur“, wissen Hillebrand und Kämmer. 2020 gab es 954 Klienten in Werdohl, zu diesen Menschen gab es 5096 Kontakte. 157 Personen wurden in Entgiftungen vermittelt, 145 in Drogentherapien. 2019 waren die Zahlen ähnlich. In 2021 blieben die Klientelzahlen sicher gleich, aber die Kontaktzahlen würden sich stark reduzieren. Viele Dinge, die „zwischen Tür und Angel“ geleistet worden seien, würden wegfallen. Entgiftungsplätze seien schwerer zu finden und zu erreichen.

Ein Drittel der Klienten sind Heroin-Abhängige

Etwa ein Drittel der Drobs-Arbeit bezieht sich auf Heroin-Abhängige, ein Drittel auf Konsumenten anderer illegaler Drogen und ein Drittel auf Sozialarbeit mit Angehörigen.

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