Moscheegemeinde in Werdohl:

Deutscher Islam unter prächtiger Kuppel in Werdohl

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Der Werdohler Imam Fatih Yilidirim (links) und der Imam und Integrationsbeauftragte Yücel Turan von der Bezirkszentrale Hagen des Verbands der Islamischen Kulturzentren stehen in der einzigen Moschee in Werdohl, über deren Betraum eine Kuppel gebaut ist.

Werdohl – In Deutschland ausgebildete Imame, Freitagspredigt zum Teil in deutscher Sprache – die islamische Gemeinde der Moschee am Eggenpfad ist eine kaum bekannte Besonderheit in Werdohl.

Mehr als zehn Jahre nach dem Beginn des Umbaus des Gebäudes am Eggenpfad wendet sich die Gemeinde zögerlich an die Öffentlichkeit. Allen voran Imam Fatih Yildirim. „Theologe“ steht auf seiner deutschen Visitenkarte.

Yildirim wurde im westfälischen Hamm geboren und hat vor seiner Werdohler Zeit in Berlin als Imam gearbeitet. „Von Berlin an die Berliner Straße“, freut er sich, und: „Ich bin Halloween 1987 geboren.“ Der 31-Jährige lacht verschmitzt: „Das ist mein Witz.“ Halloween ist am 31. Oktober, für die evangelischen Christen ist das der Reformationstag, der Kirchengeburtstag. Yildirim hat einen feinen Humor.

Nach der Ditib-Gemeinde an der Freiheitstraße und der Islamischen Gemeinde Milli Görüs IGMG an der Altenaer Straße ist die Gemeinde am Eggenpfad die drittgrößte in Werdohl. Von ihr gehört haben die wenigsten, erst vor einigen Monaten begann Yildirim damit, die Moschee im „Verband der islamischen Kulturzentren VIKZ“ in Werdohl vorzustellen.

Werdohler Bürgermeisterin überrascht

Einer seiner ersten Wege führte ihn zur Bügermeisterin: „Sie war überrascht davon zu wissen, dass es uns überhaupt gibt.“ Die Werdohler VIKZ-Gemeinde hat einen eigenen Trägerverein. Der hat den langen Titel „Verein zur Förderung der Integration und Bildung in Werdohl“ (VFIB). 80 Mitglieder hat der nach deutschem Recht organisierte Verein, Vorsitzender ist Orhan Aydogdou, Kassenwart Mohammet Ay. Der Vereinsvorstand hält sich eher im Hintergrund, lässt lieber seinen Imam sprechen. Das kann er sehr gut.

Die Ursprünge der Gemeinde liegen in Eveking, 2006 siedelte die Gruppe in den Gebäudekomplex am Eggenpfad 26 um. Mehr als zehn Jahre brauchte die Gemeinde, um das Gebäude als Moschee mit Betsälen und Nebenräumen fertig zu stellen. Jetzt gebe es etwas Fertiges vorzuzeigen, jetzt wenden sich die Muslime an die Öffentlichkeit.

Die Werdohler Muslime des VFIB gehören zu einer besonders spirituellen Ausrichtung des Islams. Unabhängigkeit von Staat und Politik sei ihnen sehr wichtig. Die Ditib werde vom türkischen Staat unterstützt, die IGMG basierte bei Gründung auf einer politischen Partei.

„Bei uns wird mehr gefastet und gebetet“

„Unser Verband wollte schon bei der Gründung im Jahr 1973 unabhängig vom türkischen Staat und von der türkischen Politik für die religiösen und spirituelle Belange der Muslime in Deutschland da sein.“ Das sagt Yücel Turan, Integrationsbeauftragter der VIKZ-Bezirkszentrale in Hagen. Der 33-Jährige ist ein kluger Kopf und wie sein Werdohler Kollege Theologe und Imam. Turan hat nicht nur Islamwissenschaften, sondern auch Erziehungswissenschaften in Münster studiert. Turan ist als deutscher Staatsbürger in Lünen aufgewachsen, seit ein paar Jahren arbeitet er als Gemeindepädagoge in der Jugendarbeit islamischer Gemeinden.

Fatih Yildirim an seinem Arbeitsplatz in der Moschee am Eggenpfad. Er hat dazu die Kleidung des Imams angelegt.

Die VIKZ-Moscheegemeinden sehen sich durchaus in einer besonderen Rolle innerhalb der islamischen Vereine in Deutschland. Alle großen Moscheegemeinden gehören dem sunnitischen Zweig des Islams an, die Mitglieder unterscheiden sich eher in der strengeren und rechtspraktischen Ausübung ihres Glaubens. Die VIKZ-Muslime fasten zum Beispiel nicht nur an Ramadan, sondern auch in der ersten zehn Tagen des ersten Monats im islamischen Mondkalender. „Bei uns wird generell mehr gefastet und gebetet.“ Solche Christen würde man als besonders fromm bezeichnen.

„Wir sind spiritueller“

Die VIKZ-Gemeinden finanzierten sich ausschließlich durch die Mitgliedsbeiträge. Davon wird auch Imam Yildirim bezahlt. Alles an dem Gebäude am Eggenpfad ist Eigenarbeit. „Wir haben viel weniger Geld als die anderen Gemeinden“, meint Turan. „Deshalb hat es zwölf Jahre gedauert, bis sich die Gemeinde der Öffentlichkeit in Werdohl präsentieren möchte“, erklärt Fatih Yildirim. 

Die VIKZ-Gemeinden hätten von sich aus keinen starken Bezug zur weltlichen Öffentlichkeit: „Wir sind spiritueller.“ Die Unabhängigkeit von der Politik auch in Deutschland ist den VIKZ-Muslimen sehr wichtig. „Wir sind ja selbst Deutsche“, rufen Yildirim und Turan immer wieder ins Gedächtnis. Deshalb werden auch die Imame in Deutschland ausgebildet, um die religiösen Belange der deutschen Muslime zu befriedigen.

Der vorher festgelegte Teil des Freitagsgebets wird in türkischer und deutscher Sprache in der Moschee am Eggenpfad verlesen. Dieser liturgische Teil ist wie in jeder christlichen Gemeinde vorgegeben. Den freien Teil der Interpretation der Koran-Verse, die eigentliche Predigt, stellen die Imame in türkischer Sprache vor. „Und das auch nur, weil es sich die Gemeinde so wünscht.“ Die beiden können sich durchaus vorstellen, dass sie in späteren Jahren auf Deutsch predigen. Freies Predigen sei ein Muss, so die beiden Imame, dadurch würde die Rede lebendiger und authentischer. Eine Predigt lediglich abzulesen komme nicht in Frage. Sie seien entsprechend ausgebildet.

Die Mitglieder der Werdohler VIKZ-Gemeinde seien relativ jung, so Imam Yildirim. Die meisten gehörten zur bürgerlichen Mittelschicht und arbeiteten teils in anspruchsvollen Berufen.

Gemeindemitglieder sind jung

Imam Fatih Yildirim kam am 11. Dezember 2016 in Werdohl an. „Yildirim, das ist wie Meier in Deutschland“, lacht der vergnügt wirkende Familienvater. Er fühlte sich durch seinen Imam aus der Gemeinde in Hamm inspiriert, selbst Imam zu werden. Grundschule, Hauptschule, Fachabitur, dann vier Jahre Ausbildung als islamischer Theologe in Stuttgart und Köln. Als Junge habe er nicht viel von seiner islamischen Identität, von seiner Religion gewusst. Als Jugendlicher habe er gemerkt, dass er sich weniger von weltlichen Dingen als von religiösen Dingen leiten lassen wollte.

Nach den vier Jahren der Ausbildung trat er seine erste Stelle als Imam in einer VIKZ-Gemeinde an. Yildirims Frau stammt aus dem benachbarten Bergkamen, die beiden zogen also aus Westfalen nach Berlin, Yildirim war in den Bezirken Wedding und Spandau angestellt. Von der Hauptstadt rief ihn der Verband kurze Zeit später zurück nach Westfalen, dieses Mal eben nach Werdohl ins Sauerland. Seine Frau betreut die zweijährigen Zwillinge, als junger Vater und Imam der Gemeinde hat Yildirim viel zu tun.

Die Kuppel am Eggenpfad entstand im Rohbau bereits im Oktober 2009.

In seinem unbefristeten Arbeitsvertrag stehen drei große Aufgabenfelder: Förderung der Religion, Förderung der Erziehung und – in bestem Amtsdeutsch – Förderung der Volks- und Berufsbildung sowie der Studentenhilfe. Yildirim gibt Kurse für die Kinder und Jugendlichen, um sie über den Islam zu unterrichten. Die Kurse sind jeden Samstag und jeden Sonntag von 10.30 bis 14 Uhr. Auch den muslimischen Kindern der VIKZ-Gemeinde wird Einsatz und Engagement abverlangt.

Gegensätze spielen keine Rolle

Theologisch sind die beiden Imame klar strukturiert. Weil die gemeinsame Sprache ein gebildetes Deutsch ist, kann der Austausch ohne die Sprachbarriere stattfinden – ganz schnell bin ich als informierter evangelischer Christ mit den beiden Theologen im vertieften Gespräch.

Über seinen Glauben in derselben Sprache reden zu können ist inspirierend. Gegensätze spielen weniger eine Rolle als die Suche nach verbindenden Gemeinsamkeiten.

Yildirim und Turan sprechen über die prachtvoll wirkende Ausstattung der Moschee am Eggenpfad. Es fällt auf, dass es dort nicht so viele bunte Kacheln und kräftig gefärbte Teppiche gibt wie in den anderen beiden Werdohler Moscheen. „Ich habe die Gemeinde dazu bewegt, einen braunen Teppich zu nehmen“, lacht Yildirim. Das passe viel besser zu den Einbauten aus Kastanienholz. „Außerdem ist das schon bunt genug hier“, weist er auf seine eher zurückhaltende Glaubensauslegung hin.

Moscheen, die ihren baulichen Ursprung an der Schwarzmeerküste haben, verwendeten Holztöne. Rund um Giresun ist viel Wald, die Verwendung von Holz liegt nahe. Moscheen in Anatolien und an der Ägäis seien von vielen bunten Kacheln geprägt. Moderne Moscheen würden heute mit glänzendem Marmor gebaut – eine Zeiterscheinung. Gold gibt es überall – die Vergoldungstechnik „Tezhib“ ist eine eigene Kunstform. Motive aus dem Koran werden an den Wänden und in der Kuppel wiedergegeben.

Die Kuppel wurde übrigens 2009 errichtet. Damals warnte der WBG-Fraktionsvorsitzende Willibald Mertens im Rat vor einem „stadtbildprägenden“ Bau und vor möglichen Konflikten – mit fast denselben Worten, wie sie zehn Jahre später Pfarrer Grzegorek bezüglich des geplanten Minaretts der Ditib-Gemeinde verwendete.

Tumulte und Spaltungen blieben nach dem Kuppelbau 2009 in Werdohl allerdings aus. Der Kuppelbau geriet sofort wieder in Vergessenheit. Die 3,50 Meter aufragende Kuppel überschreitet nicht einmal das Gesamthöhenniveau des Gebäudes.

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