Trainer schlägt Alarm

"Dramatische Entwicklung": In dieser Stadt im MK können Kinder kaum noch schwimmen

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Schwimmen lernen in den Sommerferien: DLRG und SV 08 bieten gemeinsam im Üttlerlingser Freibad jeweils 14-tägige Kurse an. Dabei sind so viele Übungsleiter und Helfer vor Ort, dass die Kinder intensiv betreut werden und so schnell das Schwimmen lernen.

Werdohl – Peter Guder schlägt Alarm: „In diesem Jahr wurden an den vier Werdohler Grundschulen 179 Erstklässler eingeschult. Davon haben aber nur 18 Kinder das ,Seepferdchen.“

Der Zweite Vorsitzende des Schwimmvereins 08 Werdohl bezeichnet diese Entwicklung als dramatisch – und weist auf das zukünftige Ziel der NRW-Landesregierung hin: „Am Ende des vierten Schuljahres soll jedes Kind schwimmen können, spätestens ab dem Ende des sechsten Schuljahres sollen alle dann sicher schwimmen können.“ Für Werdohl sieht Guder diesbezüglich allerdings schwarz: „Unter den aktuellen Voraussetzungen sind diese Ziele niemals zu erreichen.“ 

Peter Guder ist seit Jahrzehnten Trainer in der Schwimmausbildung. Auch Kindern mit Handicap hat er das Schwimmen beigebracht. Unter anderem Dank seines und des Engagements seiner Ehefrau Susanne begann in Werdohl im Jahr 2012 das dreijährige Landes-Modellprojekt „QuietschFidel – Schwimmen lernen in NRW“. Bis zum Projekt-Beginn konnten jeweils circa 150 Werdohler Viertklässler, die in eine weiterführende Schule wechselten, nicht schwimmen. Mit „QuietschFidel“ änderte sich das. 

Projekt „Werdohl schwimmt“

Durch diesen Erfolg angespornt initiierten der SV 08 und die Werdohler Ortsgruppe der DLRG gemeinsam das Anschlussprojekt „Werdohl schwimmt“. Die Lage entspannte sich, das beweisen auch die aktuellen Zahlen an den weiterführenden Schulen: In der Realschule haben nach Guders Informationen 53 von 58 Fünftklässlern mindestens das Seepferdchen; in der Gesamtschule besitzen immerhin 45 von 56 Fünftklässlern dieses Abzeichen. 

Auch einige Werdohler Kindertageseinrichtungen engagieren sich und haben die Wassergewöhnung mit in ihr Programm aufgenommen. „Sie werden ebenso wie die Grundschulen bei der Schwimmausbildung durch Heike Hinsching-Stagni, die Fachangestellte der Bäderbetriebe, unterstützt.“ 

Bemühungen reichen nicht aus

Doch die alarmierenden Zahlen aus den Grundschulen zeigen, dass all diese Bemühungen nicht ausreichen. Und: Die Schwimmkurse der Vereine sind völlig überlaufen. „Die Eltern melden ihr Kind beim SV 08 im Alter von drei Jahren an, damit es mit fünf Jahren an einem Kurs teilnehmen kann“, berichtet Peter Guder. 

Peter Guder (links), langjähriger Trainer beim SV 08 Werdohl, schlägt Alarm.

Die Grundschullehrer sind aus Sicht des langjährigen Übungsleiters nicht in der Lage eine gute Schwimmausbildung zu gewährleisten: „Das ist für eine Lehrkraft mit circa 25 Schülern pro Klasse, von denen 20 Nichtschwimmer sind, schlicht unmöglich. Und es ist unverantwortlich.“ Guder vergleicht das Schulschwimmen mit den 14-tägigen Kursen, die SV 08 und DLRG gemeinsam im Freibad anbieten: „Dabei erfolgt eine Eins-zu-eins- mindestens aber eine Eins-zu-zwei-Betreuung.“ 

Unterricht beginnt erst in der dritten Klasse

Erschwerend komme hinzu, dass der Schwimmunterricht in den Grundschulen erst in der dritten Klasse beginnt. „Das ist viel zu spät. Dieser Unterricht müsste im ersten Schuljahr beginnen. Zusätzlich müsste in jedem Kindergarten im letzten Jahr eine Wassergewöhnung der Kinder erfolgen“, unterstreicht der stellvertretende Vorsitzende. Der SV 08 wolle gemeinsam mit der Werdohler DLRG-Ortsgruppe, den Schulen und eventuell auch den Kindergärten nach Lösungen suchen. 

Allerdings gibt noch weitere Probleme: Die Vereine haben immer größere Schwierigkeiten geeignete Übungsleiter zu finden. „Junge Leute, die zum Studium in eine andere Stadt ziehen, stehen dann nicht mehr zur Verfügung“, bilanziert Guder. Außerdem sei die Ausbildung zum Übungsleiter sehr zeitaufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. „Obwohl der Verein diese Ausbildungskosten übernimmt, finden sich kaum noch Interessenten“, bedauert der Werdohler. Die Sportassistenten der Real- und Gesamtschule stünden im Vormittagsbereich für das Schulschwimmen nicht zur Verfügung, da sie selbst am Unterricht teilnehmen müssen. 

Vereine wünschen sich Unterstützung

Angesichts der vielfältigen Probleme wünschen sich die Vereine Unterstützung: Es würden Fördermittel benötigt, um die Ausbildung von Helfern und Übungsleitern finanzieren zu können. Zudem müsse das Kursangebot dringend ausgeweitet werden. Deshalb müsse mit der Geschäftsführung der Bäder-Betriebe verhandelt werden: „Wir benötigen weitere Wasserzeiten im Hallenbad, beispielsweise Samstagsnachmittags“, erklärt Peter Guder.

Neubau in Werdohl „wichtig und richtig“

Dass in Werdohl in Rekordzeit ein neues Hallenbad gebaut worden ist, hält Peter Guder für einen sehr wichtigen und richtigen Schritt: „In anderen Städten und Gemeinden werden aus Kostengründen viele Schwimmbäder geschlossen.“ Die Zahl der Schwimmbäder in Deutschland sank laut DLRG von 7800 im Jahr 2000 auf 6400 im vergangenen Jahr. In diesem Jahr sollten weitere 70 Bäder geschlossen werden. Auch in NRW geht das Schwimmbadsterben weiter: Allein von Anfang 2016 bis Mitte 2018 wurden laut DLRG in NRW insgesamt 36 Schwimmbäder dicht gemacht. Grund sind meist Sparmaßnahmen der Kommunen.

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