Ditib-Gemeinde verfolgt Diskussion zur Beschneidung

Hodscha Abdullah Özmen wartet die Entscheidung zum Thema Beschneidung auf politischer Ebene ab.

WERDOHL ▪ Gelassen verfolgen die Mitglieder der türkisch-islamische Ditib-Gemeinde in Werdohl die aktuelle Diskussion zum Thema „Beschneidung“. „Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen“, verrät Hodscha Abdullah Özmen.

Nachdem Kölner Strafrichter entschieden haben, dass ein Arzt, der die Beschneidung aus religiösen Gründen vornimmt, wegen Körperverletzung bestraft werden kann, warten die Mitglieder der Gemeinde die Entscheidung auf politischer Ebene nun ab.

Sowohl der Hodscha als auch Selattin Alptekin, der während des Gesprächs mit Özmen als Dolmetscher fungiert, sind davon überzeugt, dass die Bundesregierung dafür Sorge tragen wird, dass Beschneidungen in Deutschland auch weiterhin legal bleiben. Von Komplikationen bei der Beschneidung hätten beide noch nie gehört. „Das war ein Einzelfall“, kommentiert der Hodscha den Fall eines Jungen, der 2010 in Köln beschnitten wurde und der mit Nachblutungen in die Uniklinik eingeliefert wurde.

Alptekin räumt ein, dass Beschneidungen in der Tat eine Körperverletzung darstellen, betont aber: „Das ist aber auch jedes Piercing und jedes Tattoo.“ Dass Ohrlöcher verheilen, wenn kein Schmuck mehr getragen wird und Tattoos wieder entfernt werden können, gesteht er ein. Beschneidungen siedelt der Hodscha aber nicht auf körperlicher, sondern auf spiritueller Ebene an: „Beschneidungen sind für uns das, was für die Christen die Taufe ist.“ Der Akt der Vorhaut-Entfernung und das darauf meist folgende Fest seien sehr wichtig für türkische Familien. Durchgeführt werden müssen sie nach islamischen Glauben bevor ein Junge zum Mann wird. Das sei – so sagt der Geistliche – etwa im Alter von zwölf Jahren der Fall. Ob die Beschneidung allerdings beim Heranwachsenden oder bereits beim Säugling durchgeführt werde, das sei Sache der Familie. Fakt sei allerdings: Weder in Deutschland noch in der Türkei würden Beschneidungen von der Krankenkasse bezahlt.

Vorgenommen werde die Beschneidung an ganz unterschiedlichen Orten. „Nur nicht in der Moschee. Da kann allenfalls hinterher gefeiert werden“, stellt Alptekin klar. Özmen hat derweil noch nie gehört, dass in deutschen Hinterhöfen beschniten wird: „Das kann ich mir auch nicht vorstellen.“ In der Türkei sehe das aber durchaus anders aus, vermutet er.

Sollten Beschneidungen in Deuschland letztlich doch verboten werden – das können sich Özmen und Alptekin allerdings nicht vorstellen – glaubt der Hodscha, dass sich „Beschneidungstourismus“ entwickeln könnte: „Dann melden sich deutsche Türken für vier Wochen wieder in ihrer Heimat an und lassen das Ritual dort durchführen.“ Aufgeben werde unter den Islam-Gläubigen sicherlich niemand die Beschneidung der Kinder.

Das türkische Wort für Beschneidung lautet „Sünnet“, was wörtlich übersetzt „Vorhaut entfernen“ bedeutet. Zurück gehe sie auf den Propheten Ibrahim. Hodscha Özmen vermutet, dass es „etwa 1500 bis 2000 Jahre vor Christus war“, als der Prophet gesagt habe: „Die Männer müssen beschnitten werden.“ Zunächst hätten die Gläubigen diese Regel blind befolgt: „Doch heute ist uns klar, dass eine Beschneidung auch gesundheitliche Vorteile hat,“ betont der Geistliche.

Ein Mensch, der als bekennender Moslem aufwachse, müsse beschnitten sein. Ein Erwachsener, der zum Islam konvertiert, müsse den Eingriff jedoch nicht mehr vornehmen lassen.

Abschließend bekräftigt der Hodscha nochmals, dass er sich keine Sorgen bezüglich eines Beschneidungsverbotes macht: „Die Kommunisten in der ehemaligen UdSSR wollten es vor 1989 ja auch den dort lebenden Türken verbieten. Das haben sie auch nicht geschafft. Dann wird es im modernen Deutschland doch erst recht nicht verboten.“

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