Schule in der Corona-Pandemie ‒ mit Videos

Unterricht auf Distanz: Zu Besuch im virtuellen Klassenzimmer

Schulleiterin Nina Manns unterrichtet ihre Erstklässler derzeit in einer Videokonferenz. Dabei funktioniert trotz der räumlichen Distanz auch die Geste, mit der die Kinder zur Stille aufgefordert werden.
+
Schulleiterin Nina Manns unterrichtet ihre Erstklässler derzeit in einer Videokonferenz. Dabei funktioniert trotz der räumlichen Distanz auch die Geste, mit der die Kinder zur Stille aufgefordert werden.

Seit einer Woche sind die Weihnachtsferien vorbei und dennoch sind die Schulen faktisch immer noch geschlossen. Wegen der Infektionsgefahr in der Coronapandemie hat das Schulministerium verfügt, dass Schüler möglichst zuhause bleiben und auf Distanz unterrichtet werden sollen. Für Schüler und Lehrer ist das eine große Herausforderung, wie zwei Beispiele aus Werdohl zeigen.

Werdohl ‒ Seitdem sie ihre Schüler per Video unterrichtet, sind die Arbeitstage und -wochen für Nina Manns länger geworden. Was im normalen Schulalltag Routine ist – Unterrichtsvorbereitung, Vermittlung von Lernformen und Unterrichtsstoff, Bewertung des Lernfortschritts oder die Leistungsbeurteilung –, muss sie in Zeiten des Unterrichts auf Distanz ganz neu organisieren.

Der Zeitaufwand sei um 25 bis 30 Prozent höher, zieht die Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Werdohl einen Vergleich zu normalen Zeiten. Die Lehrkräfte müssten, weil dienstliche Computer fehlten, auf private Endgeräte zurückgreifen, die jedoch nicht in jedem Fall unbegrenzt zur Verfügung stünden, erklärt sie. „Deshalb müssen wir dann viel Arbeit nachmittags oder abends erledigen.“

Flexibilität und Kreativität gefragt

Dabei ist Kreativät und Flexibilität gefragt, denn auch im 21. Jahrhundert, verfügen deutsche Schulen offensichtlich noch nicht über die Mittel, digitalen Unterricht perfekt vorzubereiten. Bei Nina Manns sieht das dann zum Beispiel so aus, dass sie ihr Smartphone auf ein über zwei Pappkartons gelegtes Backrost legt, um zwischen Gitterstäben hindurch ein Video aufnehmen zu können, in dem sie in einem Schulbuch etwas erklärt. Der Mangel macht offensichtlich erfinderisch.

Auch könnten die Lehrer nicht wie sonst üblich schon einmal das eine oder andere während der Unterrichtszeit erledigen, weil im Videounterricht praktisch ständig rund 20 Kinder ihre volle Aufmerksamkeit verlangen. „Deshalb weiß ich, dass mein Wochenende daraus bestehen wird, den Unterricht für die nächste Woche zu planen“, sagt Manns. Die Pakete mit Lernmaterial für die ganze Woche können die Schüler beziehungsweise deren Eltern dann am Montagmorgen an der Schule im Empfang nehmen, wo sie aus einem Fenster herausgereicht werden.

Mangel macht erfindisch: Mithilfe eines Backrostes filmt Nina Manns aus einem Schulbuch ab.

Der normale Schulalltag für die Grundschullehrerin sieht derzeit so aus, dass sie zwischen 8 und 12 Uhr ihre Schüler in einer Videokonferenz unterrichtet und nachmittags nach vorheriger Anmeldung noch einmal eine bis zwei Stunden für gezielte Rückfragen und Erklärungen vor Bildschirm und Webcam sitzt. Zudem ist sie für Kinder und Eltern auch telefonisch erreichbar, an einem Tag pro Woche sogar bis 18 Uhr.

Stimmengewirr im virtuellen Klassenzimmer

An diesem Donnerstag unterrichtet Nina Manns die Klasse 1 c in Mathematik. 19 Mädchen und Jungen sitzen daheim vor den Laptops und Tablets, Nina Manns in ihrem Büro im Schulgebäude auf der Königsburg. Die Atmosphäre unterscheidet sich kaum von der einer normalen Unterrichtsstunde in dieser Jahrgangsstufe. Die Kinder plappern munter durcheinander, was im Videounterricht vielleicht stärker auffällt, weil nicht alle ihre Mikrofone stummgeschaltet haben. Die Geste, mit der Nina Manns zur Stille auffordert – der ausgestreckte Zeigefinger vor dem Mund – funktioniert aber auch hier. Es wird ruhiger im virtuellen Klassenzimmer, die Lehrerin kann Aufgaben erklären und auf einzelne Schülerfragen eingehen. Zwischendurch meldet sich ein Schüler, weil er zur Toilette muss – fast wie im richtigen Unterricht.

Als die Rechenaufgaben erledigt sind, verabschieden sich die Schüler nach und nach aus der Videokonferenz. Der Schultag ist damit für sie aber noch nicht vorbei. Sie lösen jetzt selbstständig Aufgaben, die ihnen Nina Manns und andere Lehrer in einem sogenannten Padlet, einer digitalen Pinnwand, zusammengestellt haben. In einem Padlet können beliebig viele Spalten angelegt werden, die mit Inhalten gefüllt werden können, mit Lernangeboten, Bildern, Videos für den Englischunterricht, Links zu Internetseiten oder Sprachnachrichten.

Nicht immer spielt die Technik mit

Was an diesem Tag so spielerisch aussieht, hat nicht immer reibungslos funktioniert. „Am Montag lag alles lahm, da war nichts zu machen“, berichtet Nina Manns vom ersten Schultag nach den Ferien. Die Server, das ganze Internet, alles sei total überlastet gewesen. Am Dienstag habe sie dann zumindest aus ihrem Homeoffice eine stabile Leitung gehabt, und mittlerweile könne sie auch aus der Schule gut unterrichten. „Die Kollegen arbeiten aber größtenteils aus dem Homeoffice, obwohl sie auch selbst Kinder zuhause haben. Denn sonst wären die Leitungen hier in der Schule total überlastet“, kennt die Schulleiterin mittlerweile die Stellen, an denen der Videounterricht noch hakt.

Lernen per Videochat: Die 14-jährige Alina Kobelev kommuniziert mit ihrer Klassenlehrerin Melanie Effenberger über ihr Smartphone.

Dass das Internet oder zumindest gewisse Server zeitweise überlastet sind, hat auch Alena Kobelev schon festgestellt. Die 14-Jährige ist Schülerin der Klasse 8a der Werdohler Realschule und lernt derzeit auch auf Distanz. Knapp zwei Kilometer Luftlinie von ihrer Schule entfernt sitzt Alina an diesem Nachmittag in ihrem Zimmer und spricht mit ihrer Klassenlehrerin Melanie Effenberger über katholische Religion. Thema: die Sakramente.

Realschule nutzt verschiedene Werkzeuge

Die Kommunikation klappt reibungslos, aber das ist nicht immer so. „Manchmal funktioniert die Internetverbindung nicht“, erzählt die Schülerin. Und auch die Kommunikations-App Schoolfox, über die die Schüler ihre Aufgaben erhalten und Rückfragen an die Lehrer richten können, streike manchmal, wenn zu viele Schüler gleichzeitig damit arbeiten. Die Klasse werde deshalb in der Regel in zwei Gruppen aufgeteilt, erfahren wir von Alina.

Doch auch die Realschule setzt offensichtlich auf verschiedene digitale Werkzeuge, um mit den Schülern in Kontakt zu bleiben. „Manche Lehrer laden uns auch zu Zoom-Meetings ein“, berichtet die 14-Jährige vom Einsatz der amerikanischen Software für Videokonferenzen. Und beim Messengerdienst WhatsApp gebe es eine Gruppe, in der die Klasse mit der Klassenlehrerin kommunizieren könne.

Unterm Strich ist Alina aber ganz zufrieden mit dem Distanzunterricht über das Internet. Sie glaubt sogar, dass sie dabei besser lernt: „Der Unterricht ist besser, weil man dabei nicht so abgelenkt wird wie in der Klasse“, meint sie. Dennoch beschleiche sie schon irgendwie das Gefühl, dass sie vielleicht doch nicht so viel lerne wie im klassischen Präsenzunterricht.

Was fehlt, sind die sozialen Kontakte

Und dann sind da ja noch die sozialen Kontakte. Alina vermisst sie ein bisschen. „Es fehlt mir schon, dass ich meine Freunde nicht so oft treffen kann“, sagt sie. Darum sorgt sich auch ihre Mutter Katharina Zhurun. „Das kann ja auf Dauer nicht gut sein“, hofft sie, dass die Einschränkungen durch die Pandemie nicht mehr allzu lange notwendig sind. Bedenken, dass ihr Tochter im Distanzunterricht nicht genug lernt, hat sie inzwischen nicht mehr. „Ich glaube sogar, dass sie zuhause mehr lernt als in der Schule“, sagt Zhurun und ist dabei auch ein bisschen stolz auf die verantwortungsbewusste 14-Jährige.

Mutter und Tochter haben nach einer Woche Schulunterricht auf Distanz auch schon die Vorteile dieser Form des Lernens zu schätzen gelernt. Alina findet es gut, dass sie morgens den Weg zur Schule spart und deshalb etwas länger schlafen kann. Und beide mögen es, dass sie nachmittags mehr Zeit miteinander verbringen können, weil die Hausaufgaben entfallen.

Wie läuft es denn mit dem Homeschooling?

Wegen der seit fast einem Jahr anhaltenden Coronapandemie findet Schulunterricht immer wieder als Distanzunterricht statt. Uns interessiert, welche Erfahrungen Familien mit dieser Form des Unterrichts gemacht haben. Wo gibt es Probleme? Was müsste verbessert werden? Hat das Lernen zuhause auch Vorteile? Schreiben Sie uns von Ihren Erlebnissen im virtuellen Klassenzimmer! Schicken Sie Ihre E-Mail an sv@come-on.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare