Grammophon im Koffer: Klingende Jugenderinnerung

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An der rechten Seite des Grammophons befindet sich eine Kurbel, an der man drehen muss, um den Motor für den Plattenteller in Schwung zu bringen.

Werdohl - Mit ruhiger Hand setzt Dieter Wierig-Schärf den Tonarm auf die Schallplatte. Es knistert ein wenig, dann scheppert es aus dem Lautsprecher. 

Der Gesang, der da von einer Jahrzehnte alten Schallplatte erklingt, ist kaum zu verstehen. Doch Wierig-Schärf weiß Abhilfe zu schaffen: Geschickt wechselt er die Nadel und unternimmt dann einen erneuten Versuch. „Mäcki war ein Seemann und kein Hafen war ihm fremd“, singt jetzt Bully Bujahn. Für den 77-jährigen Werdohler sind das Jugenderinnerungen.

Dieter Wierig-Schärf hat, das räumt der Rentner gerne ein, so etwas wie einen Sammeltick. Eine Zeitlang hat er Pendel- und Kaminuhren gesammelt. „Ich hatte bestimmt 20 Stück“, erinnert sich der 77-Jährige. Nach und nach hat er die etwas altertümlichen Zeitmesser später wieder abgegeben. „Einige habe ich an Demenzstationen von Seniorenheimen verschenkt“, sagt Wierig-Schärf. 

Armbanduhren, diverse Fotoapparate

Die Armbanduhren, die er auch schon gesammelt hat, waren deutlich kleiner – dafür aber auch zahlreicher. „Bestimmt 50 Stück“, habe er noch, erinnert sich der leidenschaftliche Sammler. „Aber es ist nichts wirklich Wertvolles dabei.“ Auch diverse alte Fotoapparate nennt Wierig-Schärf sein Eigen. Sie stehen in einer Glasvitrine im Wohnzimmer, neben Urlaubserinnerungen und einer vielleicht antiken Amphore, die sein Sohn einmal bei einem Tauchgang in der Adria aus dem Wasser gezogen und auf wahrscheinlich nicht ganz legalem Weg mit nach Werdohl gebracht hat. 

Ein besonderes Stück in Dieter Wierig-Schärfs Sammlung alter Dinge ist aber ein Grammophon, das ihm sein Sohn zum 50. Geburtstag geschenkt hat. „Das hat er damals über den Transportunternehmer Gerd Schlotmann besorgt“, weiß er. 

Vorausgegangen waren Erzählungen des Vaters über die eigenen Jugenderlebnisse. Dieter Wierig-Schärf, der aus Osnabrück stammt, sich dort in ein Mädchen aus dem Kohlenpott verliebte und so über die Bergbau-Stadt Marl schließlich vor rund 50 Jahren nach Werdohl kam, hatte dem Sohn wohl immer wieder aus seiner Jugendzeit erzählt. 

Mit dem Koffer-Grammophon ins Freibad

„Damals sind wir mit einem Koffer-Grammophon ins Freibad gegangen. Da waren wir natürlich die Kings“, erinnert er sich an sonnige Nachmittage mit Jugendfreunden. Und diese Erinnerungen wollte wohl der Sohnemann auffrischen, als er dem Vater vor nunmehr 27 Jahren ein altes Koffer-Grammophon mitsamt einigen alten Schallplatten geschenkt hat. 

Heute steht der antiquierte Schallplattenspieler die meiste Zeit als Dekoobjekt in der Wohnung, weil man das Federwerk mit ganz viel Fingerspitzengefühl aufziehen muss. Früher hat Dieter Wierig-Schärf ihn aber durchaus noch hin und wieder in Betrieb genommen, meistens zu besonderen Anlässen. „Zu unserer silbernen und zur goldenen Hochzeit haben wir Schallplatten darauf abgespielt“, kann er sich ebenso wie seine Ehefrau Monika an Gelegenheiten erinnern, zu denen das Gerät gelaufen ist. 

Und dann gab es da auch noch die Wegefeste auf dem Campingplatz am Dümmer See. Dieter und Monika Wierig-Schärf hatten dort über viele Jahre ein Wochenendhaus, einen Wohnwagen und ein kleines Boot. Wenn dort mit anderen Urlaubern gefeiert wurde, haben sie auch manchmal das alte Grammophon mitgenommen und damit die alten Platten abgespielt. 

Camper auf der Nostalgie-Welle

„Da waren alle begeistert“, berichtet Dieter Wierig-Schärf, dass viele Mit-Camper gerne auf der Nostalgie-Welle mitgeschwommen sind. Wirklich viel weiß Dieter Wierig-Schärf aber nicht über den alten Schallplattenapparat. Vermutlich stammt er aus den 1940er-Jahren, ist damit also ungefähr so alt wie sein Besitzer selbst. Hergestellt hat das Grammophon, darüber gibt ein Label-Aufdruck im Deckel Auskunft, die von Emil Berliner gegründete Gramophone Company His Master’s Voice (HMV) in Hayes (England). Markenzeichen von HMV ist der Hund Nipper, der aufmerksam in einen Grammophontrichter hinein zu lauschen scheint. 

HMV hat zwischen 1931 und 1960 mehrere Koffer-Grammophone der sehr erfolgreichen Modellreihe 102 hergestellt, dazu gehört auch das Gerät von Dieter Wierig-Schärf. Es verfügt über ein kleines Fach an der vorderen rechten Ecke des Gehäuses, in dem man Nadeln für den Tonabnehmer aufbewahren kann. 

Die braucht man als Besitzer eines Grammophons nämlich reichlich, weil sie in der Regel verschlissen sind, wenn man damit eine Seite einer Grammophonplatte abgespielt hat. Auf ihrem Weg bis zum Ende der schwarzen Scheibe legt die Nadel nämlich mehrere hundert Meter zurück. Stahlnadeln fürs Grammophon gibt es übrigens auch heute noch in verschiedenen Stärken – leise, mittellaut und laut – zu kaufen. 

Die Stärke der Nadel regelt beim Grammophon die Lautstärke der Wiedergabe, einen Schieber oder Drehknopf dafür sucht man vergebens. Dafür gibt es einen Schieber, über den die Geschwindigkeit geregelt werden kann, mit der sich der Plattenteller dreht. Alte Schellackplatten liefen nämlich nicht nur mit den erst später üblich gewordenen 78 Umdrehungen pro Minute, sondern konnten zwischen ungefähr 70 und 100 Umdrehungen variieren. Deshalb musste natürlich die Drehgeschwindigkeit des Plattentellers angepasst werden können. 

Wierig-Schärf hat noch eine Reihe von solchen alten Schallplatten, etwa 50 Stück, manche sogar aus Schellack. Wenn er sie auflegt, ist das eine Zeitreise in vergangene Jahrzehnte. „Rudi Schuricke, Caterina Valente, Gerhard Wendland – die sind ja fast alle schon tot“, sagt er lachend – und denkt vielleicht zurück am musikalische Nachmittage im Freibad.

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