Moritz-Adolf Trappe spürt der Herkunft alter Stücke nach

Dieses Porzellan erzählt Geschichte(n)

Altes Porzellan hat eine Menge zu erzählen, Moritz-Adolf Trappe hat ihm zugehört. Die Wappen auf dem Souvenirporzellan (links) und dem Gebrauchsporzellan (rechts) verraten ziemlich genau, aus welcher Epoche das Geschirr stammt.
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Altes Porzellan hat eine Menge zu erzählen, Moritz-Adolf Trappe hat ihm zugehört. Die Wappen auf dem Souvenirporzellan (links) und dem Gebrauchsporzellan (rechts) verraten ziemlich genau, aus welcher Epoche das Geschirr stammt.

Moritz-Adolf Trappe ist in Werdohl mittlerweile als Erforscher der Zeppelin-Historie und der damit verbundenen Aluminiumindustrie insbesondere im Versetal bekannt. Jetzt hat der Kunsthistoriker jedoch noch ganz andere Erinnerungsstücke der Werdohler Geschichte „ausgegraben“: Porzellan mit dem Werdohler Stadtwappen aus einer Zeit, als es eigentlich noch gar kein Werdohler Stadtwappen hätte geben dürfen.

Werdohl ‒ Auf der Internetseite des „museum-digital: westfalen“ präsentiert Trappe seit einigen Tagen ein Porzellanset mit dem Werdohler Stadtwappen, wie es in der Zeit des Ersten Weltkriegs verwendet worden ist. Interessant ist daran zunächst, dass Werdohl zu dieser Zeit noch gar keine Stadtrechte hatte und eigentlich überhaupt kein Wappen führen durfte. Verwendet wurde auf dem Porzellan das erstmals für eine Kriegsnagelung genutzte Wappen. Kriegsnagelungen waren im Deutschen Reich Aktionen, bei denen gegen eine Spende ein Nagel in ein dafür aufgestelltes hölzernes Objekt eingeschlagen wurde. Die dadurch eingenommenen Gelder dienten der Unterstützung von Kriegsopfern, wie Hinterbliebenen und Verwundeten. Moritz-Adolf Trappe kann aus dem Umstand, dass für Kriegsnagelung und Porzellan dasselbe Wappen verwendet wurde, ableiten, dass das Porzellan „wohl ab 1916 entstanden ist“.

Deckeldose, Zigarrettenhalter und Aschenschale

Bei dem Porzellanset handelt es sich um eine Deckeldose, einen Zigarettenhalter und eine Aschenschale. Es stamme aus Privatbesitz, sagte Trappe; ein Leihgeber, der nicht genannt werden wolle, habe das Set der Arbeitsgemeinschaft Zeppelinstadt Werdohl zur Verfügung gestellt. Tatsächlich verwendet worden sei das Porzellan wohl kaum, vermutet Trappe: „Das waren wahrscheinlich eher sogenannte Stehrumchen, dienten also nur der Dekoration“. Trappe bezeichnet die Stücke deshalb auch als Souvenirporzellan. Er geht davon aus, dass sich noch etliche ähnliche Stücke in Werdohler Haushalten befinden. „Auch auf Flohmärkten sind solche Dinge manchmal zu finden“, weiß Trappe. Im Besitz des Heimat- und Geschichtsvereins befindet sich seit rund zwei Jahren ein Mokka-Service mit dem Werdohler Stadtwappen, allerdings jüngeren Datums. Es konnte zeitweilig im Stadtmuseum besichtigt werden.

Besonders selten ist das wappengeschmückte Porzellanset also nicht. Dennoch ist es aus Trappes Sicht sozialgeschichtlich interessant, zeige doch die Verwendung des inoffiziellen Stadtwappens einen gewissen Lokalpatriotismus. „Die Porzellan-Stücke spielen als Teile der Erzählung der Sozial- und Mentalitätsgeschichte eine Rolle, da sie das überbordende Selbstverständnis der Bürger der aufstrebenden Gemeinde Werdohl widerspiegeln. Man gab sich ja selbstbewusst ein Stadtwappen, ohne überhaupt Stadt zu sein, was wiederum auf der Bedeutung als Industriestandort fußte“, erklärt Trappe.

Ein Stück Werdohler Wirtschaftsgeschichte

Und auch aus dem Blickwinkel der Wirtschaftsgeschichte sind die drei Stücke bemerkenswert: Hergestellt in unterschiedlichen Manufakturen – die noch erkennbaren Stempel auf dem Boden weisen die Firmen Carl Schumann aus Arzberg/Bayern und Thomas (wahrscheinlich aus Marktredwitz/Fichtelgebirge; seit 1908 Teil der Philipp Rosenthal & Co. AG) aus –, tragen alle Stücke die Stempelung „Carl Piepenbrock Wwe., Werdohl i/W.“. Trappe weiß, was dahintersteckt: „Das war ein Werdohler Haushaltswaren- und Porzellanfachgeschäft, das sich an der Freiheitstraße, in einem mittlerweile abgerissenen Gebäude befand.“ Auf dem Grundstück steht jetzt der Verkaufswagen der Balver Metzgerei Jedowski.

Aus demselben Werdohler Geschäft stammt auch noch anderes Porzellan, das ebenfalls das Stadtwappen trägt und das sich im Besitz von Moritz-Adolf Trappe befindet. Anders als das Souvenirporzellan wurden diese Stücke aber tatsächlich gemäß ihrer eigentlichen Bestimmung verwendet. Es handelt sich um eine Kaffeetasse mit Untertasse, ein Milchkännchen, einen Dessertteller, einen kleinen Speise- und einen Suppenteller, die allesamt neben dem Stadtwappen auch die Aufschrift „Deutsches Haus Friedrich Landscrone“ tragen. Das Geschirr habe er einmal von der Familie Heckel erhalten, die die als „Haus Landscrone“ bekannte Gaststätte an der Neustadtstraße geführt habe, erzählt Trappe. Das frühere Deutsche Haus, das der Familie Landscrone gehört habe, habe sich an der Bahnhofstraße befunden. „Es wurde laut Überlieferung etwa um 1915/1916 angeschafft“, kann Trappe noch berichten. Dafür spricht, dass im Prinzip das gleiche Wappen wie beim Souvenirporzellan verwendet wurde. Das linke Wappenfeld war damals noch schwarz, erst 1929 wurde es zum (heraldisch) silbernen Wappenfeld umgestaltet. So entstand das heute noch verwendete – und längst legalisierte – Werdohler Stadtwappen.

Porzellan ist reine Industrieware

Bei dem Porzellan aus dem Deutschen Haus handelt es sich nach Trappes Darstellung um reine Industrieware. „Das ist klassisches Kantinengeschirr, hergestellt in großer Stückzahl“, sagt er. Dafür spricht auch, dass es laut Stempelung aus der Fabrik der Firma Bauscher stammt, einem oberpfälzischen Hersteller von Hotelporzellan und nach eigenen Angaben heute die größte Porzellanfertigung Europas. Die Verwendung des Werdohler Stadtwappens macht das Essgeschirr für den Kunsthistoriker dennoch interessant.

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