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Die Tafel hat zu kämpfen: Lebensmittelausgabe für Bedürftige wird zunehmend schwieriger

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Von: Volker Griese

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Auch bei der Werdohler Tafel sind die Regale längst nicht mehr gut gefüllt. Koordinator Carsten Schulz hat zunehmend Probleme, für die wirtschaftlich Schwachen in Werdohl und Neuenrade genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen.
Auch bei der Werdohler Tafel sind die Regale längst nicht mehr gut gefüllt. Koordinator Carsten Schulz hat zunehmend Probleme, für die wirtschaftlich Schwachen in Werdohl und Neuenrade genügend Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. © Griese, Volker

Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation – die wirtschaftlichen Folgen vieler Entwicklungen bekommen die Schwachen einer Gesellschaft oft als erste zu spüren.

Für manche von ihnen ist dann die Tafel ein Rettungsanker am Monatsende, wenn die Haushaltskasse schon leer ist. Doch auch diese Lebensmittelausgabe für Bedürftige hat unter den sich gerade häufenden Krisen zu leiden.

„Das Spendenaufkommen aus dem Enzelhandel ist in der letzten Zeit massiv zurückgegangen“, berichtet Carsten Schulz, als Koordinator beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg für die Werdohler Tafel zuständig. Früher habe praktisch jeder Discounter und Lebensmittelmarkt die Tafel mit nicht mehr so ansehnlichem, aber immer noch gutem Obst und Gemüse unterstützt. Diese Mengen seien inzwischen deutlich kleiner geworden, sagt Schulz und weiß auch, woran das liegt. „Die Geschäfte kalkulieren und disponieren jetzt anders: Obst und Gemüse werden oft kurz vor Ladenschluss mit 50 Prozent Rabatt doch noch verkauft.“ In der Folge fällt die Spende an die Tafel entsprechend kleiner aus.

Nicht alle Erwartungen können erfüllt werden

Das bekommen dann natürlich auch die Kunden der Tafel zu spüren, wenn sie am Monatsende versuchen dort neben haltbaren Lebensmitteln auch noch vitaminreiche frische Ware zu ergattern – immer öfter vergeblich. „Wir können die Hoffnungen und Erwartungen unserer Kunden nur noch zum Teil erfüllen“, bedauert Schulz.

Was Menschen mit geringem Einkommen zusätzlich belastet, ist das gerade wieder in Mode gekommene Hamstern: Grundnahrungsmittel, aus denen sich für wenig Geld eine Mahlzeit zaubern lässt – Mehl und Speiseöl, aber auch Hefe – sind gerade wieder Mangelware.

Vor allem preisgünstige Eigenmarken fehlen

In den Nudelregalen der Discounter fehlen vor allem die preisgünstigen Eigenmarken, die sich auch Geringverdiener noch leisten könnten, während die teureren Markenprodukte liegen bleiben. Das führt dazu, dass die auch Tafel von gespendetem Geld haltbare Lebensmittel nur noch zu höheren Preisen und damit in kleinerer Menge einkaufen kann. An dieser Stelle wird besonders deutlich, wie unsolidarisch es ist, wenn man sich weit über den eigenen Bedarf hinaus mit Waren eindeckt.

Tafel-Termine: Ausgabe einmal monatlich

Die Werdohler Tafel gibt einmal monatlich, in der Regel am letzten Donnerstag eines Monats, Lebensmittel an nachweislich wirtschaftlich schwache Haushalte aus. Die Ausgabe erfolgt zwischen 10 und 15 Uhr nach einer zuvor bekanntgegebenen Reihenfolge. Die verbleibenden Termine in diesem Jahr sind: Donnerstag, 28. April, Mittwoch, 25. Mai, Donnerstag, 23. Juni, Donnerstag, 28. Juli, Donnerstag, 25. August, Donnerstag, 22. September, Donnerstag, 27. Oktober, Donnerstag, 24. November, Donnerstag, 8. Dezember. Fragen beantworten die Tafel-Mitarbeiter unter Tel. 0174/8394940.

Der Versorgungsengpass wird verschärft durch einen Wettbewerb der verschiedenen Tafeln um die Spender. Carsten Schulz berichtet davon, dass auch ortsfremde Tafeln in Werdohl und Neuenrade die Lebensmittelgeschäfte anfahren, um dort Warenspenden abzuholen. „Meistens wissen die Mitarbeiter der Geschäfte gar nicht, für welche Tafel sie die Spenden herausgeben“, berichtet Schulz. Die Kunden der Tafel, die dieses Wettrennen verloren hat, schauen anschließend in die Röhre, gehen mit entsprechend weniger Lebensmitteln in der Tasche nach Hause.

„Ein Kampf“, die Menschen versorgen zu können

„Es ist schon fast ein Kampf, die Menschen versorgen zu können“, sagt Schulz mit einem Anflug von Verzweiflung. Wenn die Entwicklung so anhalte, werde die Werdohler Tafel wohl bald eine Begrenzung einführen müssen. Derzeit versorgt sie 100 bis 120 Haushalte vornehmlich aus Werdohl, aber auch aus Neuenrade. „Pro Monat kommen fünf bis sechs Neuanmeldungen dazu, und dann müssen wir in Zukunft auch noch mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine rechnen“, kalkuliert Schulz. „Bei 150 Haushalten ist dann mit Sicherheit Schluss.“

Wer oder was könnte helfen? „Wir sind zunehmend auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen“, bekennt Carsten Schulz. Das müsse nicht unbedingt Geld sein. „Wir nehmen auch Kleinstmengen Lebensmittel an: ein Paket Nudeln, eine Tüte Mehl oder Zucker, Konserven.“ Schulz denkt auch an die bald beginnende Gartensaison. „Wenn Kleingärtner eine Tomatenpflanze mehr in die Erde setzen und uns die Ernte spenden, hilft das auch.“ Die Organisation der Tafel wird ein zunehmend mühsames Geschäft.

Spendemöglichkeit: Lebensmittelspenden aus der Bevölkerung nimmt die Werdohler Tafel ab sofort montags in der Zeit von 10 bis 13 Uhr und von 15 bis 18 Uhr im Haus der Diakonie am Kirchenpfad an. Carsten Schulz ist auch per E-Mail erreichbar (c.schulz@diakonie-luedenscheid-plettenberg.de).

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