Regale einräumen reicht nicht zum Leben

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Diana Wohllebe (47) und ihre Tochter Christina Schulz (27) pflegen ein sehr herzliches Verhältnis. Christina hilft ihrer Mutter, wenn die mit den Behördenschreiben nicht klar kommt.

Werdohl -  Die blöden Schreiben und Arbeitsangebote vom Jobcenter sind zerknüllt. Diana Wohllebe konnte ihrer Existenzangst erstmal keinen anderen Ausdruck verleihen. Als sie von einer „Minderung des Auszahlungsanspruchs in Höhe von 30 Prozent“ las, verlor sie für einen Augenblick die Beherrschung. Jetzt hat sich die 47-Jährige wieder gefasst und sitzt mit ihrer erwachsenen Tochter Christina am Küchentisch ihrer kleinen Wohnung auf der Königsburg. Diana Wohllebe erzählt von ihrem Leben als Aufstockerin.

Schuld zu verteilen gibt es bei der Lebensgeschichte der gebürtigen Thüringerin und ihrer drei Kinder nicht. Keine anerkannte Ausbildung in der damaligen DDR, zwei Scheidungen und etwas zuwenig Glück im Leben haben dazu geführt, dass sie am Existenzminimum lebt. Altersarmut droht ihr obendrein, die aktuelle Lebenssituation bereitet ihr mehr als genug schlaflose Nächte.

Diana Wohllebe legt ihre Einkünfte offen. Seit sechs Jahren arbeitet sie bei Netto in Pungelscheid. Angefangen hat sie mit einem Stundenlohn von sechs Euro. Bis heute hat sie sich auf richtig gute 13 Euro bei 20 Stunden Wochenarbeitszeit hochgekämpft. Der Job ist unbefristet, das ist in diesen Jobs heute Gold wert. „Mehr Stunden geben die mir aber nicht“, sagt sie. Das bringt ihr 950 Euro Auszahlung auf den Lohnzettel.

Hartz IV zusätzlich zum Verdienst

Wer in etwa soviel verdient, gilt als arm. Beim Jobcenter ist sie folglich als Aufstockerin eingestuft. Das Jobcenter zahlt ihr monatlich 239 Euro, damit sie über die Runden kommen kann. Sie wohnt auf 45 Quadratmetern bei der Woge In der Becke, außerdem unterhält sie ein altes kleines Auto. Von dem Geld kann sie so einigermaßen leben.

Einen weiteren Zusatzjob würde sie gerne annehmen, um komplett für sich selber sorgen zu können. Doch das lässt der Netto-Job nicht zu. Jede Woche bekommt sie nach Fremdbedarf ihre Schichten zugeteilt, planbar ist nichts. Wenn sie einen Bewerbungstermin hat, muss sie sich drei Wochen vorher dafür frei nehmen. Und jetzt der Brief vom Amt. Sie habe auf keine Bewerbungsvorschläge reagiert, ihr wird mit einem Abzug von 122,70 Euro gedroht. „Ich hatte so viel Angst bekommen, wie es denn weitergehen soll“, wischt sich die 47-Jährige kurz die Tränen aus den Augenwinkeln.

Tochter Christina von Anfang an mit im Boot

Ihre 27-jährige Tochter hilft ihr bei einer Antwort an das Jobcenter in Werdohl. Christina hat es auch dank ihrer Mutter geschafft. Nach der Realschule machte sie Abitur an der Gesamtschule. Für ein Studium fehlten der Familie die Mittel, stattdessen machte sie eine Schwesternausbildung. Seit ein paar Jahren arbeitet sie am Klinikum in Lüdenscheid. Mittlerweile ist sie verheiratet, hat mir ihrem Mann ein Haus gekauft. Sie hat es geschafft. Die junge Frau kann sich durchsetzen. Sie steht ihrer Mutter bei, kennt ihre Stärken und Schwächen. „Ich habe das immer alles mitgekriegt, mit wie wenig Geld wir auskommen mussten.“

Tochter Christina von Anfang mit im Boot Als ihre Mutter arbeiten war, hat sie als Teenager auf den jüngeren Bruder aufgepasst. „Meine Mutter hat vor Freude geheult, als sie wusste, dass ich eine Ausbildung machen konnte.“ Christina zog aus finanziellen Gründen zu den Eltern ihres damaligen Freundes. Wenn sie weiter bei ihrer Mutter gelebt hätte, wären für die beiden nur 180 Euro zum Leben geblieben.

Diana Wohllebe bezog damals komplett Hartz IV. Tochter Christina zog also mit 19 nicht ganz freiwillig zu ihrem Freund, Mutter Diana bekam die kleine Wohnung zugeteilt. So ging es weiter. Christina heute: „Die Arge wollte damals von mir wissen, was ich verdiene, ich war also von Anfang an mit im Boot.“ Beide wissen, dass Diana Wohllebe dem Jobcenter begründen muss, warum sie die angebotenen Jobs nicht angenommen hat.

Die Argumentation fällt leicht, die Jobangebote scheinen willkürlich. Zwei Leiharbeitsfirmen riefen bei ihr an. Nur Nachtschicht für ab sofort war gesucht. „Mit Leiharbeit habe ich schlechte Erfahrungen gemacht“, erzählt Wohllebe. Nach zehn Monaten als Leiharbeiterin bei Vogler am Freisenberg brauchte sie von heute auf morgen nicht mehr zu kommen. Nach der zweiten Scheidung 2005 nahm sie jeden Job, den sie kriegen konnte.

Boden unter den Füßen weggezogen

Im Krankenhaus Werdohl als Ein-Euro-Jobberin begann diese Karriere. Als sie nach zwei Jahren Krankenpflegehelferin werden wollte, wurde sie wegrationalisiert. Dann kam die Leiharbeit, mit der Industriekrise flog sie raus: „Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen, auf einmal hatte ich kein Geld mehr für den Lebensunterhalt.“ Drei Monate machte sie Nachtschicht bei Gerhardi in Dresel, auch das war nichts für länger. Immer habe sie sich um eine Ausbildung im Pflegebereich bemüht, doch davon hätte sie nicht leben können. Von 600 Euro Ausbildungsvergütung hätte sie sich und zwei Kinder nicht durchbringen können. Ein Computerkursus war nichts für sie. Im Gewerbepark Eveking gab es eine Beschäftigungsmaßnahme in der Logistik. „Wir haben da die Zeit abgesessen, es gab einfach nichts zu tun.“

Immerhin machte sie eine Staplerschein, von dem sie allerdings bis heute keinen Nutzen hatte. 2010 die Hoffnung, doch endlich die Pflegeausbildung machen zu können. Der Traum platzte endgültig, weil bei der Behörde keine Mittel mehr übrig waren, ihr einen Bildungsscheck auszustellen. Danach war das Thema Pflege bei ihr durch.

Seit Anfang 2011 ist Diana Wohllebe bis heute bei Netto beschäftigt. Unbefristet, wie sie immer wieder betont. Sie ist stolz darauf. Da wirken die Angebote vom Jobcenter unrealistisch: Teilzeit bei Rossmann in Plettenberg. Oder, noch seltsamer: Stellvertretende Marktverantwortliche in Vollzeit im Bereich Einzelhandelskauffrau. „Dafür bin ich doch überhaupt nicht qualifziert“, weiß Wohllebe um ihre Möglichkeiten.

Sechs Jahre vom Jobcenter vergessen?

Es scheint, als hätte das Jobcenter die sechs Jahre bei Netto vergessen. Immer habe sie alle erforderlichen Nachweise beim Amt eingereicht, nie irgendwelche Nachfragen gehabt. Jetzt heißt es, dass sie ihren Pflichten einer mit ihr getroffenen Eingliederungsvereinbarung nicht nachkomme. „Die sitzen am längeren Hebel“, weiß Tochter Christina. Sie hat mit ihrer Mutter ein klug formuliertes Schreiben losgeschickt, in dem alle Umstände vernünftig erklärt werden.

Jetzt hoffen die Frauen darauf, dass bei den Leuten vom Jobcenter Vernunft und Menschenverstand eine Rolle spielen werden. Es müsse doch möglich sein, als 47-jährige gesunde Frau und Mutter den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Das, ja, das würde sie als Lebensglück empfinden.

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