Wegweiser in ein neues Zeitalter

Deutschlands erste Demofabrik für digitale Zerspanung entsteht im MK

In der Demofabrik Z4 möchte Technologieberater Ulrich Remmel Entscheidern aus der Zerspanungsbranche die Vorteile der Digitalisierung näher bringen.
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In der Demofabrik Z4 möchte Technologieberater Ulrich Remmel Entscheidern aus der Zerspanungsbranche die Vorteile der Digitalisierung näher bringen.

Von der industriellen Revolution hat jeder im Geschichtsunterricht gehört: Die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt gegen Ende des 18. Jahrhunderts ermöglichte die ununterbrochene Nutzung mechanischer Energie, die Kraft von Wasserdampf und clevere Mechanik machten manuelle, arbeitsintensive Produktionsprozesse schneller und effizienter.

Rund 250 Jahre später befindet sich die Menschheit mitten in der vierten industriellen Revolution – und ein Werdohler Unternehmen will dabei eine wichtige Rolle spielen.

Auf die erste industrielle Revolution, die der schottische Erfinder Watt ausgelöst hat, folgten ungefähr 150 Jahre später die zweite und dritte industrielle Revolution. Diese wurden durch den Beginn der Massenproduktion beziehungsweise die Einführung von Robotern eingeläutet. Jetzt, im 21. Jahrhundert, hat die vierte industrielle Revolution begonnen, auch Industrie 4.0 genannt.

Mensch und Technologie werden immer enger miteinander verbunden

Durch das Aufkommen des Internets und die einschneidende Entwicklung, die auch als „Internet der Dinge“ bezeichnet wird, werden Mensch und Technologie immer enger miteinander verbunden. Das betrifft nicht nur Kaffeemaschinen, die jeden Morgen selbsttätig die erste Tasse aufbrühen, oder Autos, die Informationen über einen Stau verarbeiten und dem Fahrer von selbst eine neue Strecke vorschlagen. Auch Industriemaschinen werden zunehmend intelligenter, was in den Unternehmen nicht selten für Verunsicherung oder sogar Angst sorgt.

Diese Bedenken gegen die Weiterentwicklung von Produktionsprozessen zu zerstreuen und Unternehmen den Weg in die vierte industrielle Revolution zu weisen hat sich der Technologieberater Ulrich Remmel vorgenommen. Er baut im Werdohler Unternehmen Remmel Consulting gerade die Demofabrik Z4 auf, das erste Informationszentrum für die Einführung der Digitalisierung in der Zerspanungsbranche deutschlandweit. Zumindest sei es die erste privatwirtschaftliche Demofabrik, schränkt Remmel ein. Etwas Ähnliches gebe es an der Uni Kiel, werde dort aber eher als Labor betrieben. Außerdem betont Remmel: Seine Demofabrik werde ohne einen Cent Fördermittel finanziert. „Die haben wir zwar beantragt, aber nicht bekommen. Das Projekt passte in keine Förderrichtline“, sagt Remmel.

Ulrich Remmel verfügt über 20 Jahre Erfahrung in der CNC-Branche und beschäftigt sich seit Jahren mit der Digitalisierung der Zerspanungsindustrie.

Das unbekannte soll seinen Schrecken verlieren

Deswegen die Segel zu streichen, kam für Remmel Consulting aber nicht infrage. Denn Ulrich Remmel weiß aus langjähriger Erfahrung, dass Unternehmen insbesondere der Zerspanungsbranche einer Digitalisierung ihrer Arbeitsabläufe oft skeptisch gegenüberstehen. „Diese Bedenken oder Ängste kann man den Menschen nehmen, wenn man ihnen richtig vorführt, welche Vorteile die Digitalisierung mit sich bringt“, ist Remmel überzeugt, dass das Unbekannte seinen Schrecken verliert, wenn man sich mit ihm vertraut macht.

Also suchte das Unternehmen von der Gildestraße andere Partner, Unternehmen aus der Automation, der Digitalisierung, der Messtechnik und der Prozesssteuerung. Rund 40 Partnerunternehmen sind es bis jetzt geworden, die Remmels Idee von der Demofabrik Z4 – das Z steht für Zerspanung, die Ziffer 4 für die vierte Industrierevolution – auf vielfältige Weise unterstützen, teils sogar Fräs- und Drehmaschinen oder Roboter liefern. All das soll in den nächsten Wochen im Gewerbegebiet am Kettling angeliefert und ab Anfang September im Erdgeschoss der Firma Remmel aufgebaut werden. In den dafür vorgesehenen Räumen legen Handwerker gerade letzte Hand an und bereiten der Demofabrik wortwörtlich den Boden.

Autonomer, flexibler und kooperativer

Doch was sind nun die Vorteile, die die Digitalisierung der Zerspanungsbranche bringen soll? Zunehmend autonomer, flexibler und kooperativer gewordene Roboter können nun auch in der Zerspanungsindustrie eingesetzt, miteinander und mit anderen Maschinen vernetzt werden. Das macht die Produktion von kleinen und kleinsten Stückzahlen nicht nur erst möglich, sondern auch wirtschaftlich. Ein weiteres Beispiel: Durch die digitale Technik kann der Verschleiß von Fräswerkzeugen im laufenden Betrieb überwacht werden. So wird verhindert, dass sie bereits ausgewechselt werden, bevor sie ihre maximale Nutzungsdauer erreicht haben. Das schont Ressourcen.

Industrie 4.0 – die vierte industrielle Revolution

Mit dem Begriff Industrie 4.0 wird die vierte industrielle Revolution nach der Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, der Fließbandproduktion und der Automatisierung der Produktion mit Elektronik und Computern bezeichnet. Im vierten Schritt soll die industrielle Produktion umfassend digitalisiert werden, um sie für die Zukunft besser zu rüsten. Technische Grundlage hierfür sind intelligente und digital vernetzte Systeme. Mit ihrer Hilfe soll die weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich werden: Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren direkt miteinander. Durch die Vernetzung soll es möglich werden, nicht mehr nur einen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren.

Ulrich Remmel ist fest davon überzeugt, dass sich Unternehmen dieser Entwicklung nicht verschließen dürfen, wenn sie eine Zukunft haben wollen. Der 65-Jährige liefert ein Beispiel aus einem anderen Wirtschaftszweig, um das zu verdeutlichen: Internet-Kaufhäuser hätten dem klassischen Einzelhandel in den Städten in den vergangenen Jahren stark zugesetzt. Das sei sehr gut auch in Werdohl zu beobachten, sagt Remmel mit Verweis auf die vielen Geschäftsschließungen. Mittlerweile gebe es auch in der Zerspanungsbranche Internet-Plattformen, auf denen man in Sekundenschnelle ein Produkt in Auftrag geben könne. Das seien zwar in der Regel recht einfache Aufträge, „aber so hat Amazon auch angefangen“, gibt Remmel zu bedenken. „Zuerst haben die auch nur Bücher verkauft, weil das einfach zu handhaben war.“

Betriebe müssen sich auf Veränderungen einlassen

Ähnliches erwartet der Technologieberater von den Zerspanern, die ihre Dienste im Internet anbieten. „Und das bedroht die traditionellen Betriebe, die sich nicht auf Veränderungen einlassen“, warnt Remmel. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, bemüht er ein Zitat des einstigen Versandhandelskönigs Josef Neckermann. Um die Zerspanungsbetriebe vor dem wirtschaftlichen Abstieg zu bewahren, möchte Remmel sie auf die neue Zeit vorbereiten: In Schulungen in der Demofabrik Z4 möchte er den Entscheidern der Branche Hilfen an die Hand geben, damit sie ihre Unternehmen sicher in die digitale Zukunft führen können.

Die Idee von der Demofabrik hat sich mittlerweile herumgesprochen. Das Projekt ist für mehrere Preise nominiert und zur Eröffnung am 30. September hat sich sogar NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart angekündigt. Der FDP-Politiker möchte sich dann in Werdohl vor Ort anschauen, wie ein kleines Unternehmen aus dem Sauerland der Zerspanungsbranche den Weg in die Zukunft bahnen will. Vielleicht hat er dann auch eine Erklärung dafür, warum es für ein solches Projekte keine öffentliche Förderung gibt.

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