50 Deutsche Mark zur Begrüßung

+
Hikmet Agircanoglu war einer der ersten türkischen Gastarbeiter in Werdohl. ▪

WERDOHL ▪ Drei Tage und zwei Nächte war Hikmet Agircanoglu 1964 in einem Zug mit tausenden Arbeitern unterwegs. Sein Ziel kannte er vom Namen her nur von dem ihm ausgehändigten Papieren. Es ging nach Werdohl. Dort sollte die Firma VDM sein neuer Arbeitgeber werden. Morgen vor 50 Jahren unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei das erste Anwerbeabkommen für Gastarbeiter.

„Wir sind die ersten hier gewesen“, sagt der heute 71-Jährige in seiner Wohnung auf der Königsburg. Mit zwölf türkischen Arbeitern kam Agircanoglu im Juli 1964 an einem Abend auf dem Werdohler Bahnhof an. An das genaue Datum kann er sich nicht erinnern. „Da stand allerdings schon ein Taxi parat“, weiß der gebürtige Türke. Dieses brachte die zwölf von der Reise abgemühten Gastarbeiter in das Ledigenheim in Eveking. „Zu viert teilten wir uns dort ein Zimmer“, war der damals 23-Jährige nicht unzufrieden mit der ersten Unterkunft.

Bis zu seiner Abreise in die Bundesrepublik hatte Agircanoglu allerdings einige Probleme zu bewältigen. „Meine Familie hat mich ungern gehen lassen“, untertreibt Agircanoglu heute ein wenig. Der Autoschlosser hatte sich beim Arbeitsamt in Istanbul für die Arbeit in Deutschland gemeldet. „Die Einladungen per Post hat meine Schwester zunächst ohne mein Wissen weggeworfen“, erzählt Agircanoglu. Als er dann doch eine bekam, ging alles ganz schnell. „50 Männer mussten sich in einem Raum nackt ausziehen“, beschreibt der 71-Jährige, die für ihn beschämenden Bedingungen bei der Untersuchung durch Ärzte des deutschen Arbeitsamtes in Istanbul. Als diese Hürde geschafft war hieß es für ihn Abschied nehmen von seiner Mutter und vier Geschwistern. Von seiner Heimatstadt Seskisekir ging es nach Werdohl.

„Ich war einfach neugierig“, sagt Agircanoglu über seine Beweggründe sein Heimatland zu verlassen. Daneben wollte er viel Geld verdienen um bei seiner Rückkehr in die Türkei eine eigene Autowerkstatt zu eröffnen. Doch es kam alles ganz anders.

Kaum in der Lennestadt angekommen hieß für den jungen Mann damals direkt am nächsten Tag im VDM-Werk zu erscheinen. Dort gab es für die zwölf Männer 50 D-Mark, um die ersten Lebensmittel kaufen zu können. Anschließend begannen die anstrengenden Schichten. „Zwölf Stunden Arbeit waren völlig normal. Da bin ich meist schon beim Abendessen eingeschlafen“, erzählt der Werdohler heute. Mit den deutschen Arbeitern habe es nie Probleme gegeben. „Wir waren einfach Kollegen.“

Die Träume von der eigenen Werkstatt zerschlugen sich schnell. 350 Mark verdienten die Arbeiter. Davon sei am Monatsende nichts mehr übrig gewesen, erklärt Agircanoglu, weil er damals auch seine Familie in der Türkei unterstützte.

Trotzdem ging Hikmet Agircanoglu seinen Weg. Nur zwei Jahre nach seiner Ankunft heiratete er seine deutsche Freundin Helga Erlemann. „Das war schon ein kleiner Spießrutenlauf“, sagt seine Ehefrau im Rückblick. Beide Familie akzeptierten aber die Verbindung. 1967 kam dann seine Tochter Susann zur Welt. Agircanoglu trat später in die IG Metall ein und kam nach dem Wechsel der Arbeitsstelle in den Betriebsrat der Firma Brüninghaus. Dort fand er Freunde und Wegbegleiter. Der Kontakt in die Heimat riss dank vieler Telefonate und Besuche nie ab. Trotzdem entschied sich Agircanoglu Mitte der 80er-Jahre für die deutsche Staatsangehörigkeit. Heute genießt der 71-Jährige seinen Ruhestand und fühlt sich wohl in der „neuen“ Heimat. ▪ David Schröder

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare