Debatte um Schulentscheid: Das sagen die Realschul-Verantwortlichen

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Der Schulstandort am Köstersberg ist für die Eltern der Realschüler von großer Bedeutung, erklärt Christiane Langs-Blöink.

Werdohl - „Ich bin eine glühende Verfechterin der Realschule“, erklärt Christiane Langs-Blöink. Im August ist sie ein Jahr als kommissarische Schulleiterin im Amt.

Die 49-Jährige leitet zudem seit zehn Jahren die Theodor-Heuss-Realschule in Lüdenscheid. Im Gespräch mit der Redaktion erläutern sie und Konrektor Michael Stemski, warum die Realschule aus ihrer Sicht unbedingt erhalten werden muss. 

Frau Langs-Blöink, warum ist die Realschule aus ihrer Sicht für Werdohl unverzichtbar? 

Christiane Langs-Blöink: Wir sind bodenständig, aber auch vielfältig. Mit der mittleren Schulreife, die wir hier vermitteln, kommen wir in alle Richtungen und bieten somit einen wirklich guten Mittelbau. Wir sind quasi das Herz von Werdohl, sowohl was den Standort als auch die Schulform angeht. Auch bei uns ist der Schüler mit einer Hauptschulempfehlung am Ende der zehnten Klasse fähig, einen Qualifikationsvermerk für das Gymnasium zu erhalten. Auch hier gibt es Kinder mit einer reinen Gymnasial-Empfehlung. Und: Unsere Kinder haben nachmittags noch Zeit für sich, sie haben Zeit zum Sport zu gehen oder ein Musikinstrument zu erlernen. Der Wunsch nach einer behüteten Schulzeit zieht sich ganz unabhängig von der Herkunft durch alle Nationalitäten. 

Angenommen, die Realschule würde vierzügig. Würde sich die gerade erwähnte, heimelige Atmosphäre nicht drastisch verändern? 

Langs-Blöink: Bei diesen Überlegungen spielt die Frage nach der pädagogischen Ausrichtung eine große Rolle. Die Realschule nach Paragraf 132 c wird sich strecken müssen, aber die Konzepte des sozialen Miteinanders sind dafür schon angelegt. Es gibt erlebnispädagogische Maßnahmen, um den Zusammenhalt zu fördern. 

Christiane Langs-Blöink wird die Realschule bald verlassen. Dennoch kämpft sie für deren Erhalt.

Sie sprachen gerade den Schulstandort an. Welche Bedeutung hat die zentrale Lage aus Ihrer Sicht? 

Langs-Blöink: Die Schule ist bereits seit 1948 hier am Köstersberg. Die Lage in der Mitte der Stadt gibt den Eltern das Gefühl, das Kind in der Nähe zu haben. Die Schule ist mittendrin, es gibt Nachbarn. Die Kinder werden gesehen und sind auch deshalb ein Stück weit behütet. 

Könnte der Standort nach Ihrer Meinung bestehen bleiben, wenn die Schule vierzügig wird? 

Langs-Blöink: Momentan gibt es hier das Lehrer-Raum-Prinzip. Es stehen 22 Lehrerräume zur Verfügung. Wenn die Realschüler größer würde, könnten wir diese in Klassenräume umwandeln, dann wären wir bei einer guten Vierzügigkeit. Hätten wir dann noch den Bangelbau zur Verfügung, kämen wir gut aus. 

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Müsste die Schule dann nicht auch mit einer Mensa ausgestattet werden? 

Langs-Blöink: Der Hauswirtschaftsbereich hat Nachbarräume, die man in der Mittagszeit problemlos nutzen könnte. Außerdem könnte man angrenzende Klassenräume dazunehmen. 

Vor allem berufstätige Eltern benötigen eine Nachmittagsbetreuung für ihr Kind. Ließe sich das am Köstersberg realisieren? 

Langs-Blöink: Eine offene Ganztagsbetreuung wäre machbar. In den Klassen acht bis zehn findet ohnehin Unterricht im Nachmittagsbereich statt. Das Betreuungsproblem betrifft Eltern der Fünf- und Sechstklässer. Dafür reicht das Platzangebot aus. Und gerade in Werdohl gibt es viele Familien, die ihre Kinder gerne nachmittags zuhause haben. Sie sollen noch die Möglichkeit haben zum Sportverein zu gehen oder ein Instrument zu lernen. Ich wäre sehr vorsichtig damit, diese Schule zu versetzen. Denn damit versetzt man die Erinnerungen von all denen, die hier zur Schule gegangen sind. Es gibt Dinge die emotional verbinden – das darf man nicht unterschätzen. 


Als einzige weiterführende Schule in Werdohl müsste die Realschule alle Inklusionskinder aufnehmen. Wäre das denkbar? 

Michael Stemski: Wir betrachten Kinder mit Unterstützungsbedarf als eine Bereicherung; sie lernen gemeinsam mit allen anderen. Da wir hier bereits 30 Kinder seit vielen Jahren integrieren ist diese Aufgabe für uns zur Selbstverständlichkeit geworden, die wir gerne machen. Die Erfahrungen werden uns in einem größeren System hilfreich sein. Denn wir unterrichten hier bereits mehr Kinder als üblich bezogen auf die Schulgröße.

Apropos Personal: Sie bezeichnen das engagierte Kollegium als ein Aushängeschild der Werdohler Realschule..... 

Langs-Blöink: Die Kollegen arbeiten nicht nur miteinander, sie leben miteinander. Das komplette Kollegium der Realschule hat den Schulausschuss besucht. Manchmal muss ich junge Kollegen quasi aus der Schule jagen, und wir haben ältere Kollegen, die sich über die Maßen engagieren. Das ist eine große Ressource, sie strahlt auf die Schüler ab und schweißt zusammen. Viele Schüler haben beim Stadtfest mitgeholfen, viele waren im Schulausschuss. Hier herrscht ein ganz besonderes Wir-Gefühl, nach dem Motto „Das ist meine Schule“. Auch das Engagement der Schülervertreter ist etwas Besonderes. Sie haben nicht nur Ideen, sie setzen auch alles daran, diese umzusetzen. Das ist nicht nur Strohfeuer, da ist Handlung. 

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Wie pflegen Sie dieses „Wir-Gefühl?“

Langs-Blöink: Wir achten sehr auf soziale Kompetenz. Hier gibt es eine gewisse Kleiderordnung, man findet niemanden, der bauchfrei oder mit Schlabberhose herumläuft. Das wird von allen Seiten akzeptiert. Das hat etwas damit zu tun, die Schüler fit fürs Leben zu machen. Der andere Punkt ist der Umgangston untereinander. Hier herrscht ein freundlicher und respektvoller Umgangston, darauf achten wir. Es herrscht eine Philosophie des Hinguckens, das merkt man den Schülern an. Auch deshalb werden unsere Schüler gerne als Auszubildende angenommen.

Stemski: Eine andere wichtige Säule unserer Schule ist in diesem Bereich Frau Kiraz, die sich um die Integration kümmert. Sie stellt die Verbindung zur türkischen Community her. Schon seit Jahren stellen wir fest, dass die Kommunikation sehr viel besser geworden ist. Zur Verständigung der Kulturen trägt auch das Projekt Heroes bei. Wir haben hier Schüler aus 16 Nationen, aber insbesondere eine große türkische Schülerschaft.

Aber spielt für den beruflichen Werdegang nicht auch die schulische Qualifikation eine große Rolle? 

Langs-Blöink: Man kann in unserer Realschule alles machen. Mehr als 50 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler erhalten den Qualifikationsvermerk. Viele gehen weiter in die Oberstufe zu einem Gymnasium, einige gehen auch zur Gesamtschule. Und auch den Hauptschulabschluss haben wir schon immer vergeben. In einem dreigliedrigen Schulsystem wird abgeschult. Das ist mit dem Paragrafen 132 c nicht mehr möglich. Man muss dann wissen, worauf man sich einlässt. Andererseits ist es ja nicht so, als wenn wir nicht fördern würden. Man geht schon mit einer inneren Differenzierung in den Unterricht. 

Sie erwähnten, dass Werdohler Unternehmen gerne Realschüler als Auszubildende einstellen.... 

Stemski: Unsere sehr intensive Berufsorientierung basiert auf stabilen Säulen. Mit den Firmen Rötelmann, Vossloh und VDM ist im laufe der Jahre eine tolle Zusammenarbeit entstanden. Unsere Schüler werden dort nach ihrem Abschluss sehr gerne in die Berufsausbildung genommen. Die Zusammenarbeit mit den Firmen ist durch die räumliche Nähe erleichtert worden. Wir konnten beispielsweise VDM fußläufig erreichen, und haben dort Projekte in der Lehrwerkstatt durchgeführt. 

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Frau Langs-Blöink, Sie werden die Realschule im Sommer verlassen. Was passiert dann? 

Langs-Blöink: Ich bin noch bis zum Ende des Schuljahres hier. Danach wird es hier auf jeden Fall gut weitergehen– mit einer kompletten Schulleitung. Ich habe an keinem Tag bereut, hier kommissarisch als Schulleiterin tätig zu sein, weil ich die Schule großartig finde. Auch wenn ich vorher gewusst hätte, dass ich die Schule durch diese schwierige Zeit der Existenzangst führen muss, wäre die Entscheidung nicht anders ausgefallen. Ich warne wirklich davor diese Schule platt zu machen. Die Politik dadurch würde ein großes Stück Geschichte aus dieser Stadt herausreißen. Außerdem muss man einfach wissen, dass Eltern, die ihre Kinder an einer Realschule anmelden wollen, in die Nachbarkommunen abwandern werden.

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