Corona bremst Reiselust

Das Leiden der Reisebranche geht in die Verlängerung

Lutz Hoffmann steht in seinem Reiseclub-Reisebüro vor einer Weltkarte. Viele Ziele sind coronabedingt derzeit jedoch nicht erreichbar.
+
Lutz Hoffmann steht in seinem Reiseclub-Reisebüro vor einer Weltkarte. Viele Ziele sind coronabedingt derzeit jedoch nicht erreichbar.

Die Reisebranche leidet weiter Corona-Pandemie, obwohl das Frühjahr normalerweise zur Hochsaison gehört. Und jetzt hat die Bundesregierung auch noch Einreisen aus Risikoländern verboten und denkt über Einschränkungen des Flugverkehrs nach. Was sagen Inhaber heimischer Reisebüros zur Verlängerung ihrer Leidenszeit?

Werdohl/Neuenrade ‒ Bei den Lennetaler Reisewelten in Werdohl und Neuenrade sind alle Telefone umgestellt. Anrufe laufen zur Zentrale in Lennestadt. Chef Gerd Baumhoff meldet sich dort persönlich: „Hören Sie nicht so genau hin“, sagt er, „ich habe das Radio an“. Sehr oft klingelt sein Telefon nämlich nicht und mit der Musik versüßt sich der Reisefachmann seinen Arbeitstag. So wie Baumhoff leiden auch andere heimische Reisebüros weiter unter der Corona-Pandemie, obwohl das Frühjahr normalerweise zur Hochsaison gehört, weil in den Firmen Jahresurlaube geplant werden.

Auch Lutz Hoffmann gehört zu den Leidtragenden der Corona-Krise. Ihm gehört der Reiseclub Werdohl an der Derwentsider Straße. Während die Bundesregierung die Einreise aus mehreren Risikoländern verboten hat und darüber nachdenkt, den Flugverkehr noch weiter einzuschränken, verkauft Hoffmann schon jetzt kaum noch Reisen.

Dabei ist die Urlaubslust der Deutschen wohl so stark wie selten zuvor. „Das Reise-interesse ist wahnsinnig groß“, berichtet Hoffmann. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wegen der Corona-Pandemie waren Reisen im vergangenen Jahr kaum möglich. Und wer doch in den Urlaub fuhr, musste zum Teil Konsequenzen in Kauf nehmen. Nicht selten mussten sich Reiserückkehrer in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. Viele nahmen deshalb grundsätzlich Abstand von großen Reisen, verbrachten ihren Urlaub im Inland oder direkt zu Hause.

Ich verbuche zurzeit noch 20 Prozent des normalen Umsatzes.

Lutz Hoffmann, Inhaber des Reiseclubs Werdohl

„Ich verbuche zurzeit noch 20 Prozent des normalen Umsatzes. Und das ist aktuell noch gut. Andere Reisebüros liegen zum Teil bei fünf Prozent“, beziffert Hoffmann den Ausfall. Ähnlich sieht es bei den Lennetaler Reisewelten aus: „Das Auftragsaufkommen ist fast bei Null“, sagt Geschäftsführer Gerd Baumhoff. Er ist seit mehr als 30 Jahren in der Branche aktiv, erinnert sich aber an keine Situation, die ähnlich schlimm war: „Es ist eine harte, harte Gurkenzeit. Man kann es nicht mit anderen Wirtschaftskrisen vergleichen“, sagt Baumhoff. „Das hier ist ein paar Nummern größer.“ Eine Besserung der Lage sei noch nicht in Sicht.

Um sich über Wasser zu halten, mussten beide Reisebüros Geldreserven aus den Vorjahren anknabbern. Außerdem haben sie Staatshilfen in Anspruch genommen. „Anders wäre es gar nicht möglich“, sagt Lutz Hoffmann. Er harrt der Dinge, die kommen, fokussiert sich auf seine aktuellen Möglichkeiten und ist weiter für seine Kunden da. „Ich bin Berufsoptimist – über Sachen, die ich sowieso nicht ändern kann, mache ich mir keinen Kopf.“

Seinen Kunden hilft Hoffmann derzeit digital weiter: „Ich bin weiter da, alle virtuellen Wege stehen offen.“ Dazu zählt neben Telefon und E-Mail unter anderem der Nachrichtendienst WhatsApp. Persönliche Besuche im Reisebüro an der Derwentsider Straße sind nicht möglich, denn wegen des Lockdowns, der mindestens noch bis zum 14. Februar andauert, müssen die Reisebüros geschlossen bleiben.

Anfragen gebe es viele, sagt Lutz Hoffmann. Gerd Baumhoff bestätigt das: Jeden Tag arbeite er zwischen 70 und 100 E-Mails ab. Dank der Möglichkeit, Reisen kurz vor Antritt zu stornieren, komme es auch immer wieder zu Buchungen. „Die Storno-Möglichkeiten sind sehr wichtig, weil sie den Kunden Sicherheit geben“, betont Hoffmann. Auch die Gutscheine, die manche Reiseveranstalter wegen abgesagter Reisen ausgegeben haben, würden zunehmend eingelöst, schildert Baumhoff.

Die immer wieder neuen Stornierungen stellen für die Reisebüros allerdings ein Problem dar. Wie Gerd Baumhoff erklärt, wird die Provision an das Büro erst ausgeschüttet, wenn der Kunde die Reise antritt. Bei der Buchung wird zwar die Zeit eines Mitarbeiters in Anspruch genommen, kommt es jedoch zur einer Stornierung, wird die Arbeitszeit nicht entlohnt. Denn dann erhält der Kunde sein Geld zurück und das Reisebüro geht leer aus. „Wir haben deshalb fast komplett umsonst gearbeitet seit März vergangenen Jahres“, sagt Baumhoff. „Das ist so, als wenn man in ein Café geht, etwas bestellt, den Laden verlässt, dann aber wieder reingeht und sagt: ,Jetzt hätte ich gerne das Geld zurück.’“

Wenn zuletzt Urlaube gebucht wurden, standen Kreuzfahrten recht hoch im Kurs. Hier werden alle Teilnehmer getestet, bevor sie an Bord des Schiffes gehen, so dass sich die Reisegruppe recht sicher fühlen kann.

Wesentlicher Faktor, der Stornierungen antreibt, sei Unsicherheit, berichten Hoffmann und Baumhoff übereinstimmend. „Die Einschränkungen im Flugverkehr, die jetzt debattiert werden, sorgen wieder für zusätzliche Unruhen“, so der Chef der Lennetaler Reisewelten. Hoffmann hat zum Flugverkehr eine geteilte Meinung: „Generell bin ich für alle Maßnahmen, die dazu beitragen, dass die Pandemie möglichst schnell überstanden ist. Wir haben aber vergangenes Jahr sehr gute Konzepte für Flugreisende gehabt, zum Beispiel für Rückkehrer aus Risikogebieten“, so Hoffmann. „Ich denke, dass man den Reise-Flugbetrieb nicht generell einstellen sollte, sondern dass wieder geeignete Konzepte her müssen, mit denen Fliegen relativ sicher möglich ist.“

Im Augenblick werden Flugreisen aber ohnehin eher selten gebucht. Höher im Kurs standen zuletzt eher Kreuzfahrten. Kunden halten sie offenbar für vergleichsweise sicher, denn „die Gruppe wird kurz vor dem Antritt der Reise auf Corona getestet“, erklärt Hoffmann. Auch auf dem Schiff könnten Tests gemacht werden. Bei Stopps in Häfen werde dafür Sorge getragen, dass es an Land keine längeren Kontakte zu fremden Personen gibt. „Die Gruppe bleibt immer unter sich, das Infektionsrisiko ist deshalb relativ gering“, so Hoffmann.

Ich bin mir sicher, die Buchungen würden schon wieder sprudeln, wären alle Impfungen durch.

Gerd Baumhoff, Inhaber der Lennetaler Reisewelten

Organisiert hat Hoffmanns Reiseclub 2020 den Verleih von Wohnmobilen, denn auch daran gab es Interesse. Über ein Partnerunternehmen mit Sitz zwischen Dortmund und Unna seien vier Fahrzeuge an Kunden verliehen worden. „Der Deutsche an sich möchte Urlaub machen und sucht sich seine Nische“, ist Hoffmann überzeugt.

Gerd Baumhoff stellt fest, dass Reisen im Inland und ins europäische Ausland gebucht werden. Weiter weg zu reisen, traue sich derzeit kaum jemand. „Die Leute wollen schnell hinkommen und vor allem schnell wieder nach Hause kommen, wenn Fall X eintritt“, schildert Baumhoff. Er glaubt, dass sich an diesem Verhalten 2021 kaum etwas ändern wird. Erst 2022 rechnet er wieder mit einem normaleren Reiseverhalten und mit Buchungszahlen auf Vor-Corona-Niveau: „Ich bin mir sicher, die Buchungen würden schon wieder sprudeln, wären alle Impfungen durch.“

Bis das aber so weit ist, würden noch etliche Reisebüros schließen, ist sich Baumhoff sicher. Auch im Reiseclub liegt die große Hoffnung auf der Impfung. Lutz Hoffman setzt darauf, dass die Bundesregierung ihr Versprechen einhalten kann und bis Sommer ausreichend viele Dosen für großflächige Impfaktionen zur Verfügung stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare