Zur Darlehnsrückgabe in die Falle gelockt

Drei Verhandlungstage hat sich die 9. große Strafkammer für die Klärung eines komplizierten Sachverhaltes gegeben.

WERDOHL - Es kommt selten vor, dass bei der Aufnahme der Personalien zu Beginn eines Prozesses geklärt werden muss, ob die Person auf der Anklagebank mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen werden muss.

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft war noch von „dem Angeklagten“ die Rede. Doch auf eigenen Wunsch wurde aus „dem“ Angeklagten inzwischen eine Frau, auch wenn der Hauptbelastungszeuge das nicht wahrhaben wollte: „Für mich bist du immer noch ein ‚Er’“, behauptete der 26-Jährige. Die Angeklagte konterte prompt: „Warum nennst du mich dann zwischendurch ‚sie’?“ Der Vorsitzende Richter Dieter Krause hielt sich konsequent an den Wunsch der 28-Jährigen, deren Geschlechtszugehörigkeit jedoch nur am Rande ihres Strafverfahrens im Landgericht Hagen eine Rolle spielte. Der Werdohlerin werden ein schwerer Raub und eine Falschaussage im Prozess gegen den 26-Jährigen vorgeworfen. Sie bestritt alle Vorwürfe, schilderte aber die Vorgeschichte zu dem, was letztlich als Straftat angeklagt wurde.

Den wesentlich älteren Geschädigten habe sie auf einem Rastplatz an der A 45 kennengelernt, einem Homosexuellen-Treff bei Dortmund-Marten. Anfangs soll er für Sexualkontakte bezahlt haben, doch schon bald scheint so etwas wie Freundschaft zwischen der Transsexuellen und dem 62-Jährigen entstanden zu sein. „Wir hatten ehrlich eine gute Freundschaft. Er ist kein schlechter Mensch“, beschrieb die 28-Jährige ihre Beziehung zum späteren Opfer. Die Probleme begannen mit Geld: Ende 2011 lieh der Geschädigte seiner Freundin mehrere Male Geld – insgesamt rund 26 000 Euro – und bekam im Gegenzug Schuldscheine von seiner Gläubigerin.

Als der bereits erwähnte 26-jährige Zeuge aus der Haftanstalt in Werl entlassen wurde, vermittelte die Werdohlerin ihrem langjährigen früheren Freund ebenfalls ein Darlehen des großzügigen Herrn in Höhe von 10 000 Euro. Dafür sollten relativ zeitnah 3000 Euro Zinsen fließen. Der junge Mann behauptete, sich selbstständig machen zu wollen und zeigte dem Geschädigten später stolz ein Internetcafé in Ihmert. „Ich habe so getan, als ob das meines war“, erklärte er.

Es ging also um viel Geld, und es gab für alle Beteiligten an dem Überfall deshalb gute Gründe, die unterschriebenen Schuldscheine wieder an sich zu bringen. Am 2. Oktober 2012 lockte der 26-jährige Zeuge das 62-jährige Opfer an einen Treffpunkt in Iserlohn, wo ihm angeblich das Geld im Austausch gegen die Schuldscheine zurückgegeben werden sollte. Stattdessen erwartete den 62-Jährigen ein unbekannter Mittäter. Dieser schlug dem Opfer mit einem Baseballschläger gegen den Kopf, was Platzwunden und einen ausgebrochenen Schneidezahn zur Folge hatte. Ein weiterer unbekannter Mittäter nahm kurz darauf die Schuldscheine an sich. Wegen seiner Beteiligung an diesem Raubüberfall wurde der 26-Jährige vom Landgericht zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Als Zeuge belastete der 26-Jährige die Werdohlerin massiv: „Sie hat alles organisiert.“ So sei sie zwar nicht direkt am Tatort gewesen, habe sich aber in der Nähe aufgehalten.

Genau dies bestritt die Angeklagte: „Ich war nicht dabei.“ Die beiden Unbekannten, die dem Opfer aufgelauert haben sollen, kenne sie nicht. In der fraglichen Zeit sei sie zudem viel zu krank gewesen, um das Haus zu verlassen.

Drei Verhandlungstage hat sich die 9. große Strafkammer für die Klärung dieser und anderer Fragen gegeben.

Von Thomas Krumm

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