In Zeiten von Corona

Mietstundung: So wird die Möglichkeit in Werdohl, Neuenrade und Balve genutzt

Rund 1500 Mietwohnungen in Werdohl und Neuenrade hat die Woge in ihrem Bestand. Mittlerweile gibt es erste Anfragen bezüglich Mietstundungen.

Werdohl/Neuenrade/Balve – Wer erhebliche finanzielle Einbußen wegen der Corona-Krise aushalten muss, für den kommen die aktuellen Gesetze gerade recht.

Der Staat versucht die Folgen seines Handelns während der Pandemie abzumildern. Zu diesen Maßnahmen gehört die Stundung der Mietzahlungen. 

Soll heißen: Der Vermieter darf nicht außerordentlich kündigen, wenn die Mietzahlungen zwischen dem 1. April und dem 30. Juni ausbleiben. Er muss die Miete stunden. Der Mieter hat danach bis Juni 2022 Zeit, die ausstehende Summe plus Verzugszinsen zu zahlen. 

Coronavirus in Werdohl: Nachweis ist erforderlich

Doch einfach so mal nicht zahlen, weil derzeit Corona ist, das zieht nicht. Vielmehr muss der Mieter glaubhaft nachweisen, dass er nicht zahlen kann, weil die Auswirkungen der Pandemie seine Geschäfte und damit sein Einkommen beeinträchtigt. Das gilt für die ganz Großen wie Adidas, aber auch für die Menschen in der Region. 

So gibt es auch in Neuenrade bereits erste Anfragen gewerblicher Mieter, ob ein Verzicht möglich wäre. Das bestätigt zumindest Ruth Echterhage für die Eco-Plan GmbH, die unter anderem Objekte baut und verwaltet: „Wir haben einzelne sehr nette Anfragen, im Wesentlichen kleinere Selbstständige mit Praxen, aber auch Einzelhändler.“ Dem Wunsch nach Aufschiebung habe die Eco-Plan jeweils zugestimmt. Fakt sei: Dem Einzelhandel breche der Umsatz weg. Selbst die Großen könnten das mit Online-Geschäften nur bedingt kompensieren. Berücksichtigen müsse man zudem, dass es ja nur eine Verschiebung ist. 

Weitere Nachwirkungen befürchtet

Echterhage als erfahrene Geschäftsfrau rechnet mit weiteren Nachwirkungen der Corona-Krise. So seien im Bausektor schon jetzt erste Konsequenzen zu spüren. „Drei Industriekunden haben um Aufschub gebeten“, sagt Echterhage, die darauf verweist, dass man einen ausreichenden Auftragsbestand habe. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass sich die Industrie neue Investitionen wohl überlegen würde. 

Was Privatmieter anbelangt, so hat natürlich die Wohnungsgesellschaft Werdohl (Woge) in der Region ein Wörtchen mitzureden. Knapp 1500 Wohnungen vermietet die Woge in Werdohl und Neuenrade. Geschäftsführer Ingo Wöste hat bei dem Thema Mietstundung wegen der Corona-Pandemie gleich eine dicken Hals – auch wenn er einiges voranstellt: „Gut ist, dass die Menschen unter diesen Umständen ihre Wohnung nicht verlieren.“ Eine eigene Wohnung, das sei ein Menschenrecht, übrigens genauso wie Gesundheit. „Das gibt Sicherheit“, betont der Geschäftsführer. 

Woge-Geschäftsführer fordert Rettungsschirm

Er finde es aber mehr als bedenklich, dass es in dieser Sache keinen staatlichen Rettungsschirm gebe. Es könne doch nicht alles auf dem Rücken der Vermieter abgeladen werden. Schließlich gebe es nicht nur Wohnungsgesellschaften wie die Woge, sondern auch private Vermieter, die daraus ihre Existenz, ihr Einkommen, ihre Rente beziehen würden. „Was passiert mit denen?“, fragt Wöste. Das sei seines Wissens auch die größte Gruppe der Vermieter. Die hätten weiter ihre Kosten und Verpflichtungen, allerdings ohne Einnahmen, bis die Stundung nicht mehr greife. 

Wöste verweist auf den Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GDW), der der Bundesregierung einen Vorschlag unterbreitet hatte. Dieser sieht die Stundung um lediglich einen Monat vor. Danach soll jedoch ein Sicher-Wohnen-Fonds greifen, der aus öffentlichen Kassen bestückt würde. 

Fonds könnte ab dem zweiten Monat greifen

Der Fonds sollte ab Nichtleistung spätestens der zweiten Miete ansetzen und helfen, bis andere staatliche Sicherungssysteme wie Wohngeld oder Kosten der Unterkunft greifen. Dazu würde der Mieter beim Fonds die Übernahme seiner Miete beantragen, soweit diese nicht gezahlt werden könnte. Mit dem Eingang des Antrags wären die außerordentliche und ordentliche Kündigung ausgeschlossen, wobei die Notsituation gegenüber dem Fonds dargelegt werden müsste. Die Unterstützung würde dabei als Zuschuss oder zinsloses Darlehen gewährt. Noch ist dieses Konzept aber nur ein Vorschlag. 

Vor diesem Hintergrund verweist Wöste auf die Funktion der Woge als Auftraggeber: „Wir beschäftigen Handwerker, wir bezahlen pünktlich.“ Und was die Mietzahlungen anbelangt, gehe man „proaktiv auf die Mieter zu“. So habe man einiges an Mietbescheinigungen auszufüllen. „Wir machen Vorschläge, wenn jemand Kurzarbeitergeld bekommt, schlagen vor, dass er die Miete beispielsweise um 35 Prozent reduzieren kann. Das haben wir aber immer schon gemacht.“ Ohnehin wohne man preiswert bei der Woge. Die Grundmiete von im Schnitt 4,60 Euro pro Quadratmeter sei günstig. 

Mittlerweile "erste Anfragen"

Inzwischen gebe es durch das neue Gesetz tatsächlich „erste Anfragen“ wegen der Miete, aber „die großen Anläufe“ verzeichne er noch nicht. „Wir rechnen im Mai damit.“ 

Erreiche die Woge eine solche Anfrage, erläuterten die Mitarbeiter, dass es lediglich um eine Stundung, nicht um einen Erlass der Mietsumme geht. Und die Woge verweise auf die Beweispflicht der Mieter, darzulegen, dass wegen Corona die Miete nicht gezahlt werden könne. Es sei nicht immer einfach, ließ Wöste durchblicken, verstünden einige Mieter die jetzt geltenden Regelungen doch einfach auch nicht richtig. Aber auch mit diesen Fällen setze man sich intensiv auseinander: „Wir werden helfen, wir haben immer geholfen, das ist unser täglich Brot.“ Wöste gab noch einen Hinweis. „Die Leute sollen prüfen, ob sie überhaupt betroffen sind und sie nicht vielleicht ohnehin Wohngeld bekommen würden.“ 

Kritik an Adidas

In Balve besitzt Unternehmer Matthias Camminady (Matthias Camminady GmbH, Technik für Umwelt und Gebäude) einige Wohnungen. Er berichtet von bislang „keinen Anfragen von Mietern“ wegen einer etwaigen Mietstundung. Vor diesem Hintergrund kann er sich eine Bemerkung zu Adidas nicht verkneifen. Der Sportartikelhersteller mit den drei Streifen hatte zunächst angekündigt für seine Läden in Europa keine Miete mehr zahlen zu wollen, war nach heftiger Kritik an diesem Vorhaben im Laufe der Woche aber zurückgerudert. „Das ist eine Frechheit“, sagte Camminady über den Stundungsversuch. 

Der Konzern verfüge sicher über ganz andere Möglichkeiten, um Kosten zu sparen oder staatliche Hilfen zu generieren. Ansonsten verweist der Unternehmer darauf, dass auch er erste Einbrüche bei seinem Geschäft verzeichnet: „Bauvorhaben werden dicht gemacht.“ So sei er in Wuppertal und Bocholt betroffen.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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