Schulabschlüsse

Nach Corona-Unterrichtsausfall: VHS-Teilnehmer fühlen sich ungerecht behandelt

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An der VHS Lennetal stehen jetzt die Abschlussprüfungen für die Teilnehmer der Schulabschlusskurse an. Die VHS-Absolventen fühlen sich gegenüber Schülern an Regelschulen benachteiligt.

Werdohl – Beyza Yaman geht es um Gerechtigkeit. Sie möchte an der Volkshochschule Lennetal den Realschulabschluss nachholen und steht kurz vor der ZP10-Abschlussprüfung.

Die, befürchtet die 18-Jährige, dürfte für sie und ihre zehn Mitschüler zu einer höheren Hürde werden als für die Realschüler, die gleich nebenan in einer staatlichen Regelschule lernen. 

Der Reihe nach: Für die elf Absolventen des VHS-Lehrgangs, der zum Mittleren Schulabschluss führen soll, hatte vor rund einem Jahr alles ganz normal begonnen. Fünfmal wöchentlich hatten sie in der VHS an der Werdohler Brüderstraße den Unterricht in sechs Fächern besucht, nach gut 1000 Stunden wollten sie eigentlich gut vorbereitet in die Prüfungen gehen. Doch dann kam das Coronavirus. Wie an den Regelschulen auch, wurde der Unterricht an der VHS gestoppt. Die VHS-Absolventen bekamen Lernmaterial zugeschickt, mussten fast zwei Monate lang zuhause selbstständig weiterlernen. Erst am 11. Mai wurde der Schulabschluss-Lehrgang einigermaßen normal fortgesetzt. 

Coronavirus in Werdohl: Es bleibt nicht mehr viel Zeit

Bis zu den Abschlussprüfungen bleibt aber nun nicht mehr viel Zeit. Bereits gestern und in der nächsten Woche waren beziehungsweise sind die Prüfungen für diejenigen Absolventen an der Reihe, die einen Hauptschulabschluss und den Sekundarabschluss I nach Hauptschuklasse 10 anstreben. Die anderen Schüler, die wie Beyza Yaman die Fachoberschulreife erlangen wollen, müssen ihre Prüfungen ab Ende Juni ablegen. 

Das Problem der VHS-Absolventen ist jedoch: Sie haben in der wochenlangen coronabedingten Unterrichtsunterbrechung möglicherweise nicht genug lernen können, um die Prüfungen zu bestehen. Für die staatlichen Regelschulen hat das Schulministerium auf diese Situation reagiert und den Schulen erlaubt, die eigentlich landeseinheitlich gestellten Prüfungsaufgaben ausnahmesweise durch die Lehrer erstellen zu lassen. Sie könnten den tatsächlich erteilten Unterricht besser berücksichtigen, als es bei landesweit gestellten Aufgaben der Fall wäre, lautete die Begründung. 

Zentral gestellte Prüfungsaufgaben

Die VHS-Absolventen sollen dagegen zentral gestellte Prüfungsaufgaben lösen. „Ja, das ist richtig“, bestätigte Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung in Arnsberg. Die Volkshochschulen seien bei der Verabschiedung des Bildungssicherungsgesetzes am 30. April und bei den damit verbundenen Änderungen für die verschiedenen Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen nicht berücksichtigt worden. 

Beyza Yaman findet das ungerecht und hat – auch im Namen ihrer Mitschüler – in der vergangenen Woche bei der Bezirksregierung Protest eingelegt. Sie möchte erreichen, dass auch die Teilnehmer der VHS-Schulabschlusslehrgänge Prüfungsaufgaben erhalten, die von den Lehrern vor Ort erstellt worden sind. „Damit würde jeder von uns die Chance erhalten, einen guten Abschluss zu erreichen“, sagt sie. Ein Antwort aus Arnsberg hat Yaman noch nicht erhalten. 

VHS Lennetal zeigt Verständnis

Zumindest bei Ursula Fernholz, als Fachbereichsleiterin bei der VHS Lennetal verantwortlich für die Schulabschlusslehrgänge, findet Beyza Yaman Verständnis. Dass die Absolventen wochenlang alleine zuhause lernen mussten, sei für manchen sicherlich schwierig gewesen, räumt sie ein. Anders als Teenager beispielsweise an der Realschule seien die VHS-Absolventen vielfach junge Erwachsene, die auch noch einem Beruf nachgingen, gibt sie zu bedenken. Die Probleme des „Lernens auf Distanz“ seien dann auch offensichtlich geworden. „Die Rückgabe der Aufgaben war etwas schleppend“, deutete Fernholz an, dass Lehrgangsteilnehmern das Lernen zuhause wohl doch schwergefallen sei. Deshalb hätte sie auch gut gefunden, wenn die Dozenten die Prüfungsaufgaben hätten stellen dürfen, räumt Fernholz ein. Dass dies nicht möglich ist, hält sie wie auch Beyza Yaman für eine Ungleichbehandlung. „Das ist nicht gerecht“, gibt sie unumwunden zu. 

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Der Grund für diese Ungerechtigkeit liegt offenbar in der unterschiedlichen Zuständigkeit der Ministerien für die Regelschulen und für die Volkshochschulen. „Die Zuständigkeit für Volkshochschulen liegt beim Ministerium für Kultur und Wissenschaft, wohingegen das Schulministerium die Regelungen für beispielsweise die benachbarte Realschule vornimmt“, erklärten die beiden CDU-Landtagsabgeordneten Thorsten Schick und Marco Voge auf Nachfrage. Sie wiesen aber darauf hin, dass die Prüfungsgrundlage für Volkshochschulen „ohnehin bereits mehr Flexibilität zulässt“. 

Prüfungsfragen würden an Volkshochschulen vor Ort vom Prüfungsausschuss ausgewählt, behaupten die beiden Politiker. Dabei könne auf einen großen Pool von möglichen Fragen zurückgegriffen werden, sodass der jeweilige Lernstand der Schüler sehr genau berücksichtigt werden könne. „Eine Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern an Volkshochschulen sehen wir deshalb nicht“, erklärten Schick und Voge übereinstimmend. Die Auswahl der Prüfungsfragen durch die Dozenten vor Ort betrifft aber nur die Nebenfächer. Für die Hauptfächer Deutsch, Mathematik und Englisch werden die Fragen durch den VHS-Landesverband festgelegt. Dort existiert ein Fragenpool, der regelmäßig von VHS-Dozenten gefüllt wird. Die Befürchtung, dass in diesem Jahr zu schwere Fragen gestellt werden, die die von coronabedingtem Unterrichtsausfall betroffene Schüler nicht lösen können, sieht Monika Bothen vom VHS-Landesverband NRW übrigens nicht. Schließlich seien landesweit alle Teilnehmer betroffen. 

Bothen verweist außerdem wie auch Schick und Voge auf eine weitere Möglichkeit, den Schülern einen Abschluss zu ermöglichen, der trotz der schwierigen Situation den üblichen Standards entspricht. Die Volkshochschulen seien in der Wahl ihres Prüfungstermins frei, könnten ihn also auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Einrichtungen der Weiterbildung, wie zum Beispiel Volkshochschulen, dürfen staatliche Prüfungen durchführen, wenn vorbereitende Lehrgänge den entsprechenden staatlichen Bildungsgängen gleichwertig sind. Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird damit ermöglicht, von der Grundbildung über den Hauptschulabschluss bis zum Mittleren Schulabschluss (Realschule) entsprechende Lehrgänge zu belegen und sich neue Wege in Ausbildung und Beruf zu erschließen. Die VHS Lennetal bietet mit ihren Lehrgängen die Möglichkeit, nach systematischer Vorbereitung eine staatliche Prüfung abzulegen. Die Prüfung steht am Ende des jeweiligen Lehrgangs und wird von der VHS abgenommen. Die Lehrgänge umfassen Unterricht in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch sowie in Arbeitslehre, Gesellschaftslehre und Biologie.

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