Branche im Krisenmodus

Coronavirus: Reisebüro-Chef sieht wieder Chancen ab Mitte Juni

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Geschäftsführer Wolfgang Reinhardt ist meistens allein in seinem Reisebüro in Neuenrade. Die zehn Mitarbeiter haben achtzig Prozent Kurzarbeit. Reinhardt ist verhalten optimistisch und glaubt, auch diese Krise überstehen zu können.

Werdohl/Neuenrade – Das Lennetaler Reisebüro mit seinen Filialen in Werdohl und Neuenrade ist für ein paar Stunden pro Woche per Telefon zu erreichen, beim Reisecenter Hönne in Balve und bei Kardes Reisen in Werdohl geht niemand ans Telefon. Der Reiseclub Werdohl bietet trotz Kurzarbeit seit Anfang Mai auch wieder persönliche Beratungen an.

Wolfgang Reinhardt ist als Geschäftsführer von RBT in Neuenrade und Plettenberg einer der wenigen in der Gegend, der jeden Tag Vollzeit in seinem Büro sitzt und Kunden bei Problemen hilft. 

Er kann mit diesem Satz sicher für die ganze Branche sprechen: „Bis auf zwei oder drei kleine Erbsen haben wir seit Mitte März praktisch keine Reise mehr verkauft.“ Seine zehn Mitarbeiter haben achtzig Prozent Kurzarbeit, für Reinhardt als Chef von „Reinhardt Business Travel“ gilt das nicht. So wickelt er vor allem Stornos ab. Natürlich, so seine Einstellung, müsse er auch in Krisenzeiten für seine treuen Stammkunden da und ihnen behilflich sein. 

Coronavirus in Werdohl: Erste Lockerungen gelten

Seit in dieser Woche erste Lockerungen für die Tourismus-Branche gelten und Hotels und Restaurants wieder öffnen dürfen, hat er sogar die allerersten Buchungen für Kunden vornehmen können: „Einmal Norderney, einmal Sylt, einmal Hamburg.“ Richtig große Reisen seien das natürlich nicht, aber immerhin ein Zeichen, dass es aufwärts gehe. 

Wolfgang Reinhardt denkt positiv: Die ganz große Reisekrise samt massiver Flugangst nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe er ebenso überstanden wie die Wirtschaftskrise 2009. „Der 11. September hatte uns ein Jahr nach Betriebsgründung beinahe umgehauen“, erinnert sich Reinhardt. In den 20 Jahren des Bestehens von RBT habe er ein paar Reserven anlegen können, die dem Betrieb jetzt über die Runden helfen. Miete und Technik müssen weiter bezahlt werden, auch die 20 Prozent Lohnanteil muss er bringen. „Bis Weihnachten können wir es so schaffen“, schätzt Reinhardt. 

Mallorca bald wieder besuchbar

Doch so lange soll es nicht mehr dauern, bis er und sein Team in Plettenberg und Neuenrade wieder Reisen in alle Welt vermitteln können. Er erwartet nach dem 15. Juni einen großen Schritt nach vorn. Österreich öffne ab diesem Tag die Grenzen. 

Die Filialen des Lennetaler Reisebüros in Werdohl und Neuenrade sind nur telefonisch zu erreichen.

Aber nicht nur ein Bergurlaub im Nachbarland scheint bald wieder möglich, selbst Mallorca und die Kanaren werden wohl wieder besuchbar. Reinhardt: „Da wollte ich nicht dran glauben: Spanien hat den Sommer für die Touristen nicht abgeschrieben.“ 

Baden zwischen Acrylglasabtrennungen

In den meisten Urlaubsorten könne man mit Einschränkungen wieder Essen gehen und bummeln. Nur baden zwischen Acrylglasabtrennungen sei nicht jedermanns Sache. 

Reinhardt hat jedenfalls den Dienstag nach Pfingsten fest im Blick. Dann soll entschieden werden, wie es ab Mitte Juni mit der europäischen Reisewarnung weitergehe. „Ab dann reden wir Tacheles“, meint er. 

Auch persönlich von Absage betroffen

Ganz persönlich waren er und zehn Freunde von einer Absage betroffen. Dieser private Reiseclub hatte für den Maifeiertag eine Flug-Städtereise nach Budapest gebucht. Das Hotel hatte frühzeitig abgesagt, die Kosten wurden zurückerstattet. Nur der Flug ab Dortmund wurde nicht storniert. Reinhard hat die Airline im Internet verfolgt: „Die sind tatsächlich geflogen und haben uns die Kosten nicht erstattet. Das ist Abzocke, keine Kulanz, kein Gutschein, nichts.“ Er habe sich gegenüber der Fluggesellschaft als Inhaber eines Reisebüros geoutet, dort habe man dennoch nicht mit sich reden lassen. Flüge nach Budapest waren zugelassen, um Ungarn aus Dortmund nach Hause bringen zu können. 

Was der tiefere Sinn dieser Episode ist: Reinhardt will seinen Kunden in der Krise auch in solchen undurchsichtigen Situationen helfen und dafür sorgen, dass die Leute ihr Geld zurück bekommen. Denn er weiß: „Sobald wir wieder loslegen können, werden unsere Kunden wieder bei uns buchen.“ Reinhardt bedankt sich auch im Namen seiner Mitarbeiter für das entgegengebrachte Vertrauen. 

Lufthansa will wieder fliegen

In die Karten spielt ihm dieser Tage eine Nachricht der Lufthansa. Die Kranich-Airline will ab Anfang Juni knapp 100 Flugzeuge in die Luft bringen. „Unglaublich“, meint Reinhardt, „aber die fliegen nicht nur wieder Griechenland und Spanien an, sondern tatsächlich auch New York und Los Angeles, aber auch Phuket.“ Die Angebote seien allerdings das eine, die Angst der Gäste vor einer Ansteckung im engen Flieger das andere. 

Ab kommender Woche ist jedenfalls bei RBT auch wieder zu bestimmten Zeiten eine persönliche Beratung möglich: Die Acrylwand zwischen Kunde und Beraterin ist schon angeliefert.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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