Kirche und Corona

Das hat einem Pfarrer in der Corona-Passionszeit gefehlt

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Dirk Grzegorek, evangelischer Pfarrer in Werdohl, hat den größten Teil der Passionszeit in diesem Jahr auf ganz besondere Weise erlebt. Im Interview blickte er jetzt auf diese Zeit zurück.

Werdohl - Die Corona-Pandemie hat die ganze Gesellschaft und damit auch die Kirchen kalt erwischt. Praktisch von einem Tag auf den anderen mussten die Menschen sich von ihren gewohnten Verhaltensmustern verabschieden. Im Interview mit Volker Griese schildert Dirk Grzegorek, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl, wie er die Passionszeit unter dem Einfluss des Coronavirus erlebt hat und was man daraus vielleicht für die Zukunft mitnehmen kann.

Herr Grzegorek, zu Beginn der Passionszeit am 26. Februar sind Sie sicherlich noch einem ganz normalen Verlauf der 40 Tage bis Ostern ausgegangen, oder? Was hatten Sie zu diesem Zeitpunkt für das Gemeindeleben geplant?

Ja, an diesem Aschermittwoch hatte ich überhaupt keinen Gedanken an eine so ganz andere Passionszeit im Kopf. Die Gottesdienste in der Passionszeit waren geplant und die ersten beiden Passionssonntage wurden gefeiert. Allerdings am Sonntag Reminiszere, am 8. März, schon unter den ersten Empfehlungen, sich zum Beispiel nicht mehr mit Handschlag zu begrüßen. Am Rand der CVJM-Jahreshauptversammlung gab es an diesem Sonntag auch erste Ausblicke, auf das, was möglicherweise an Veränderungen noch kommen könnte.

Zweieinhalb Wochen später wurden dann die ersten Verfügungen veröffentlicht, die das öffentliche Leben und auch die Gemeindearbeit nach und nach praktisch zum Erliegen gebracht haben. Was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Wir müssen Lösungen finden! Wir sind in der Verantwortung uns gut und durchdacht der Situation zu stellen. Es wird einschneidende Veränderungen geben, die zeitnah uns beschäftigen. Am 12. März haben Sie im Presbyterium noch festgelegt, dass zunächst alle Gottesdienste wie geplant gefeiert werden sollen.

Heißt dass, dass Ihnen die Tragweite der Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bewusst war?

Am 12. März war es so, dass sich am Abend zum allerersten Mal der sogenannte Corona-Krisenstab der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl getroffen hat. Bei diesem Treffen haben wir überlegt, was die Kirchengemeinde zur Umsetzung des in der Öffentlichkeit ausgegebenen vorrangigen Ziel aller Infektionsschutzmaßnahmen, die Ausbreitung des Virus so weit wie möglich zu verlangsamen, verantwortlich beitragen kann. Bei dem Bemühen, dieses Ziel mit der nötigen Ruhe, aber konsequent zu verfolgen, mussten Risiken und Notwendigkeiten fortlaufend bewertet und abgewogen werden.

Coronavirus in Werdohl: Kirche in der Verantwortung

Als Kirchengemeinde sahen wir uns in einer besondere Verantwortung. Aus Rücksicht auf die durch ihr Lebensalter oder durch Vorerkrankungen besonders gefährdeten Menschen war es dringend geboten, die Übertragung des Virus soweit wie möglich einzudämmen und zu verhindern. Es gab eine Handlungsempfehlung der Landeskirche, zunächst bis zu Beginn der Karwoche, Veranstaltungen möglichst abzusagen beziehungsweise zu verschieben, die ohne Not zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden können.

Was waren das für Handlungsempfehlungen und welche Veranstaltungen, haben Sie absagen mussten?

Konkret absagen mussten wir zum Beispiel den Themenabend „Sterbefasten“, das Klöncafé, den Seniorenkreis und so weiter. Bei Gottesdiensten und allen Veranstaltungen, die nach entsprechender Abwägung aus wichtigem Grund weiterhin stattfinden, sollte deutlich und konsequent auf die von den Behörden empfohlenen Schutzmaßnahmen hingewiesen werden: Verzicht auf Begrüßung durch Handschlag, Abstand, Vorkehrungen persönlicher Hygiene und Auslegen von Listen und einiges mehr. Vorbehaltlich konkreter Empfehlungen oder Weisungen der zuständigen Gesundheitsbehörden sollten und wollten wir als Kirchengemeinde das Gemeindeleben unter Einhaltung der notwendigen Schutzvorkehrungen aufrechterhalten.

Entscheidungen waren schnell überholt

Die Dynamik der Veränderungen in einer zeitlich schnellen Abfolge, mit Informationen der Landeskirche, der Gesundheitsämter, der Stadt, des Landes NRW haben uns auch von Tag zu Tag auf Trab gehalten. Am 13. März gab es am Nachmittag die Pressekonferenz mit NRW-Ministerpräsident Laschet, auf der unter anderem die Kita- und Schulschließungen ab dem 16. März verkündet wurde. Zeitnah hat sich dann unser Corona-Krisenstab“ am 13. März getroffen, denn manche Entscheidungen vom Vortag waren überholt und mussten anders formuliert werden.

Sie haben in der Gemeinde dann schnell reagiert und Ihre Aktivitäten ins Internet verlegt. Sie haben Mut-Gebete gestreamt und einen Gottesdienst-Kanal eingerichtet...

Weil klar war, dass – in einem ersten Schritt – keine Gottesdienste mehr bis zu Beginn der Karwoche gefeiert werden konnten, gab es schnell die Idee, im Gemeinderaum Friedenskirche ein sogenanntes Studio einzurichten. Bei einem ersten Gedankenaustausch waren begabte Ehrenamtliche sofort bereit, etwas in Form einer Gottesdienstaufzeichnung umzusetzen. Dafür brauchte es Bild, Ton, Ideen, Hardware, notwendige Zeit, Musik, Dekoration und einen Start. Ziel war es am Sonntag, 22. März. zum ersten Mal, einen YouTube-Gottesdienst im Kasten zu haben.

Was war das für Sie für ein Gefühl, plötzlich vor einer Kamera anstatt vor der in der Kirche versammelten Gemeinde predigen zu müssen?

Es ist gefühlsmäßig etwas komplett anderes, in einem nur mit Technik ausgestatteten Raum etwas einzusprechen, ohne mit einer Gemeinde live und in Farbe zu interagieren. Dennoch habe ich daran auch Spaß und Freude gefunden, weil es ein Ziel hatte: Gottesdienste zu feiern und Gemeinde mit auf den Weg zu nehmen.

Fehlte Ihnen in diesen Momenten etwas? Sie hatten ja keinen wirklichen Kontakt zu den Menschen mehr…

Kontakte gibt es in gewohnter Art und Weise nicht. Aber ich bin dankbar, dass es die digitale Technik gibt. Und das Telefon ist noch mehr in den Kommunikationsmittelpunkt gerückt. Ich besuche Menschen am Telefon, per WhatsApp, per Mail und den Social-Media-Kanälen. Aber ja, mir fehlen die persönlichen, zwischenmenschlichen Begegnungen. Sie werden diese ersten Gehversuche im Internet statistisch ausgewertet haben. Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden? Ja, sind wir. Es zeigt sich, dass wir mit unserem Angebot viele Menschen erreichen. Ich weiß aber auch, dass längst nicht alle digitale Medien nutzen – und dennoch lohnen sich der Zeitaufwand und der Aufwand. Ein dickes Dankeschön richte ich an dieser Stelle, an jeden, der sich ehrenamtlich, neben Homeoffice, Abiturvorbereitungen und seinem privaten, eingeschränkten Leben Woche für Woche einbringt.

Ich wage jetzt einmal eine steile These: Die Wortverkündigung über das Internet ist die Zukunft, weil man damit Menschen überall erreichen kann, auch abseits der klassischen kirchlichen Kommunikationswege. Sehen Sie auch, dass vielleicht gerade eine neue Epoche der Glaubensverkündung beginnt?

Kirche muss immer in Bewegung bleiben. Es gilt nach dieser besonderen, herausfordernden Zeit, ganz nüchtern abzuwägen, was wir davon mit in die veränderte Zukunft einer Gemeinde nehmen. Die digitalen Medien bieten Chancen und Möglichkeiten. Kirche muss sich aber bewusst sein, dass in diesen Medien eine ganz andere Bild- und Textsprache gefordert ist. Ich sehe keine neue Epoche, eher eine Ergänzung zu traditionellen und kostbaren Formen. Naiv wäre es, sich einer verändernden Zeit zu verschließen.

Noch einmal ein Blick zurück auf die Passionszeit, die die Katholiken ja Fastenzeit nennen. Haben Sie auch manchmal darüber nachgedacht, dass die durch die Corona-Krise auferlegten Beschränkungen eine Art Fastenopfer gewesen sein könnten?

Das ist mir zu steil gedacht. So erfahre ich es nicht. Es gibt Einschränkungen, die einer christlichen Gemeinde viel abverlangen. Aber ein Opfer sehe ich darin nicht. Interessant finde ich das Nachdenken darüber, was Kirche vor Ort aus dieser Zeit lernt und verändert.

Was lernt die Kirche denn daraus? Und was verändert sie – oder was sollte sie verändern?

Zum Beispiel, alles scheinbar Selbstverständliche auf den Prüfstand zu stellen und nach dem zu schauen, was uns auch durch diese Zeit trägt. Zum Beispiel, ebenso genau zu überlegen, wo die sich auftuenden Chancen, aber auch die Grenzen für die Nutzung der sozialen Medien, uns als Gemeinde, als Kirche neue Wege gehen lassen und wie sich das dann auch mit einer Selbstverständlichkeit im Gemeindealltag widerspiegelt.

40 Tage nach Ostern folgt Christi Himmelfahrt, weitere zehn Tage später feiern die Christen Pfingsten. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Sie diese Feste wieder im gewohntem Rahmen mit der Gemeinde feiern können?

Die Hoffnung lebt, dass eine Gesellschaft langsam und Schritt für Schritt in eine Normalität zurückkehrt. Damit verbunden sind dann auch die Feiern von christlichen Festen.

Das Interview haben wir aufgrund der besonderen Situation im Zusammenhang mit der Corona-Krise per E-Mail geführt.

Alle Informationen rund um das Coronavirus im Märkischen Kreis gibt es hier.

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