Feiern können nicht stattfinden

Heiratswillige unter Zeitdruck: Türkische Paare sehnen das Ja-Wort herbei

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„Hier ist Platz genug“, sagt Harun Cici. In seiner Eventhalle Cici Saray könnten nach seiner Auffassung jetzt wieder Hochzeiten mit bis zu 400 Gästen stattfinden. Dafür hat er ein Hygiene- und Schutzkonzept erarbeitet, das aber noch genehmigt werden muss.

Werdohl – Betreibern von Eventlocations, speziell von Hochzeitssälen, geht momentan durch die Corona-Verordnungen und das damit verbundene Versammlungsverbot das komplette Geschäft flöten. 

Einen solchen Saal betreiben mit dem Cici Saray an der Gewerbestraße im Gewerbegebiet Bauckloh auch Harun Cici und sein Sohn Hakan. Seit März ruht auch dort der Betrieb. Sicherlich zehn Hochzeiten hätten seitdem abgesagt werden müssen, sagt Harun Cici. Er drängt nun darauf, den Saal wieder nutzen zu dürfen. 

Dabei geht es Cici gar nicht vorrangig um die entgangenen Einnahmen. „Klar“, sagt er, „wir machen seit März jedes Wochenende Verlust.“ Das stürze ihn und sein Unternehmen aber nicht in finanzielle Probleme. Der türkische Geschäftsmann, der in Werdohl auch ein Immobilienunternehmen leitet, hat vielmehr seine Landsleute im Blick, die gerne heiraten möchten. Was in der deutschen Kultur kein Problem wäre, nämlich, dass Mann und Frau schon vor der Hochzeit zusammenziehen, ist für die meisten Türken undenkbar. Das führe in Verbindung mit den Corona-Beschränkungen zu Problemen, schildert Cici: „Es gibt Paare, die im März heiraten wollten und schon ein Haus gemietet haben“, erzählt er. 

Coronavirus in Werdohl: Häuser können nicht bezogen werden

Durch die Aufschiebung der Hochzeit könnten sie nun das Haus nicht beziehen, das sei mit der türkischen Tradition nicht vereinbar, verdeutlicht er. Ein anderes Problem: „Manche Paare haben einen Kredit aufgenommen in der Erwartung, ihre Hochzeit feiern zu können“, erzählt Cici weiter. Die Hochzeit habe nun noch nicht stattfinden können, der Kredit müsse aber zurückgezahlt werden. Cici: „Das führt zu Streit unter Paaren. Manche weinen und bitten mich um Hilfe, damit sie endlich heiraten können.“ 

Harun Cici und sein Sohn Hakan haben sich bei der Stadt Werdohl erkundigt, was zu tun ist, um den Hochzeitssaal wieder betreiben zu können. „Wir sollten ein Hygienekonzept vorlegen“, gibt der Vater wieder, was die Stadtverwaltung gefordert habe. Gut eine Woche habe er mit seinem Sohn daran gearbeitet, sagt Cici über das Papier, in dem genau vorgegeben ist, wie Hochzeiten im Cici Saray abzulaufen haben: „Das fängt mit dem koordinierten Parken an, damit nicht schon bei der Ankunft Chaos herrscht“, sagt Hakan Cici. Ein- und Ausgang sind getrennt, dort gibt es jeweils Desinfektionsmittelspender, ebenso auf den Toiletten. Gäste müssen sich in Teilnehmerlisten eintragen, dürfen nur mit Mund-Nase-Schutz in die Halle und müssen dort an den Tischen im vorgeschriebenen Abstand voneinander sitzen. 

Markierungen auf der Tanzfläche

Doch wie kann man unter solchen Bedingungen unbeschwert und fröhlich eine Hochzeit feiern? Wie sollen die sicherlich überwiegend türkischen Gäste miteinander tanzen wie es ihre Traditionen vorsehen? Das sind offenbar auch Fragen, die sich die Behörden stellen. Die Cicis geben in ihrem Konzept Antworten. „Auf der Tanzfläche werden wir runde Markierungen mit jeweils 1,50 Meter Abstand in jegliche Richtung anbringen, in denen nur maximal ein Paar oder zwei Personen tanzen dürfen“, heißt es da. Bei gutem Wetter bestehe auch die Möglichkeit, die Tanzfläche nach draußen zu verlegen. Bis zu 400 Gäste, also nicht einmal halb so viele wie bei türkischen Hochzeiten zu normalen Zeiten, könnten so in den beiden Sälen des Cici Saray Hochzeiten feiern, versichert Harun Cici. 

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Ob die Gesundheitsbehörde diese Regeln, deren Einhaltung übrigens bei jeder Veranstaltung von einem fünfköpfigen „Corona-Team“ überwacht werden soll, überzeugen – Harun und Hakan Cici wissen es nicht. Sie haben das Konzept in dem irrigen Glauben, in der Stadtverwaltung die richtigen Ansprechpartner zu finden, im Rathaus vorgelegt. „Dort hat man uns dann gesagt, dass das ja Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen seien und wir das Konzept deshalb vom Gesundheitsamt des Märkischen Kreises genehmigen lassen müssten“, berichtet Harun Cici vom Gang durch die Behörden. Andrea Mentzel. Ordnungsamtsleiterin in Werdohl, klärt auf: „Ein Hygiene- und Schutzkonzept braucht man nur für Veranstaltungen mit mindestens 100 Personen. Und das muss dann eben vom Gesundheitsamt genehmigt werden, das beim Märkischen Kreis angesiedelt ist.“ Cici hätte sich den Weg ins Rathaus also sparen können. Er ärgert sich darüber: „So verlieren wir wieder Zeit!“ 

Gerne würde er sich die Diskussionen mit den Behörden ersparen, aber dafür bräuchte es eine Regelung für Veranstaltungshallen wie den Cici Saray. Denn der Werdohler Geschäftsmann ist mit seinem Problem nicht allein. Erst am vergangenen Wochenende haben mehr als 250 Mitglieder von Unternehmerfamilien aus der Eventbranche in NRW vor dem Düsseldorfer Landtag demonstriert. Sie hatten sich kurz zuvor in dem neugegründeten Verband der Eventlocations NRW (VDE) zusammengeschlossen und ihre Forderungen schriftlich niedergelegt. Der Verband fordert eine auf die Branche zugeschnittene Finanzhilfe und einen zumindest ungefähren Fahrplan zur Wiedereröffnung der Eventsäle für Hochzeits- und Familienfeiern unter Einhaltung der Hygienevorschriften. Am Sonntag soll in Düsseldorf wieder demonstriert werden. 

Sonderbehandlung nicht erwünscht

Auch Harun Cici wünscht sich endlich klare Regeln. Dabei möchte er keine Sonderbehandlung. „Ich möchte, dass wir behandelt werden wie ein Gastronomiebetrieb“, sagt er. Hoffnung setzt er jetzt aber erst einmal auf das Hygienekonzept, das dem Gesundheitsamt beim Märkischen Kreis zur Genehmigung vorliegt. „Unsere Kultur soll an dem Coronavirus nicht zerbrechen“, sorgt sich der Geschäftsmann um den Fortbestand türkischer Hochzeitstradition.

Mit einem Aufwand von rund 1,5 Millionen Euro hat der Werdohler Immobilienunternehmer Harun Cici 2011 die ehemaligen Fabrikhallen des Ofen-Anlagenbauers Walter Brinkmann an der Gewerbestraße zu einer modernen Eventhalle umgebaut und ihr den Namen „Cici Saray“ (zu deutsch etwa: „Cicis Palast“) gegeben. In zwei Hallen finden auf rund 2000 Quadratmetern bis zu 800 Personen Platz. Seit Ende 2011 finden dort regelmäßig Veranstaltungen und Feiern statt, meistens mit muslimischem oder türkischen Hintergrund. Aber auch die Arbeitsagentur hat sich dort schon für eine größere Veranstaltung eingemietet.

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