Täglich an der Nähmaschine

Coronavirus in Werdohl: Darum hat "Hilla" Armbrecht mit 69 Jahren einen "neuen Job"

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Der neue Arbeitsplatz: „Hilla“ Armbrecht“ verbringt derzeit täglich viele Stunden an der Nähmaschine. Sie produziert Atemschutzmasken.

Werdohl – Als einige besorgte Kunden vor ein, zwei Wochen keine Mitarbeiter der Firma Armbrecht mehr in ihre Wohnung ohne Gummihandschuhe und Atemschutzmaske lassen wollten, beschloss die 69-Jährige zu handeln, setzte sich dafür zunächst an ihren Computer.

Brunhilde Armbrecht, die alle nur als „Hilla“ kennen, landete bei ihrer Recherche auf der Homepage der Stadt Essen. 

Dort fand sie Skizzen und eine Nähanleitung für wiederverwendbare Atemschutzmasken. Kurzerhand baute sie im Büro des Elektrohauses an der Hasenhelle 2 eine Nähmaschine auf. Und sie produzierte 20 Masken für die zehn Außendienstmitarbeiter. „Wenn eine benutzt wurde, sammele ich die ein. Dann wird sie gewaschen und gekocht“, verrät Armbrecht. 

Coronavirus in Werdohl: Kunde schickt Dankesschreiben

Jeder Mitarbeiter ist derzeit angehalten, diese Masken zu tragen. Gummihandschuhe stehen in zwei verschiedenen Größen zudem bereit. Armbrechts Tochter Sabine erzählte am Freitag: „Erst heute Morgen haben wir ein Dankesschreiben von einem Kunden bekommen dafür, dass wir so vorsichtig sind.“ Der Kunde sei älter, habe eine Vorerkrankung, gehöre mithin zu einer der Risikogruppen. 

Ihre 69-jährige Mutter, die nicht nur tagsüber näht, sondern „auch abends beim Fernsehen“, schafft nach eigener Schätzung „etwa zehn Atemschutzmasken am Tag“. Zwei, die sie übrig hatten, gab Geschäftsführerin Sabine Armbrecht an eine Freundin, die bei einem Pflegedienst in Altena arbeitet. 

Schon bald wünschten sich deren Kollegen auch alle Masken: 30 Stück wurden bei „Hilla“ Armbrecht so geordert. Deshalb näht sie fleißig weiter. „Ich bin da so reingeschlittert“, wundert sie sich selbst noch über ihren „neuen Job“, wie Sabine Armbrecht das Engagement ihrer Mutter nennt. Die sagt selbst: „Ach, wenn ich sowieso nicht raus darf, kann ich doch auch was Sinnvolles tun. Es geht doch um die alten Leute.“ 

Anfrage aus Altenheim

Sabine Armbrecht verrät: „Am Freitag kam noch eine Anfrage aus einem Altenheim in Halver. Die haben 80 Mitarbeiter und bräuchten somit 160 Masken. Aber die haben mittlerweile schon wieder angerufen. Sie hätten eine Spende mit 500 Einmal-Masken bekommen.“ „Hilla“ Armbrecht winkt ab: „Ach, Einmalmasken. Wie schnell sind die denn aufgebraucht?“ Also wird ihr wohl auch in nächster Zeit selbst bei miesem TV-Programm an den Abenden nicht langweilig werden. 

„Ich nutze für die Masken alte Bettwäsche, die ich noch von meiner verstorbenen Mutter habe“, schildert die 69-Jährige ihre Vorgehensweise. „Das Mundstück ist 17 mal 34 Zentimeter groß. Dazu kommen noch die Bänder zum Zuschnüren“, erläutert sie. Geld nehme sie für ihre Atemschutzmasken keines. „Die verschenke ich. Vielleicht kann ich dadurch in dieser Lage ein bisschen helfen“, gibt sie ihrer Hoffnung Ausdruck. 

Armbrecht gibt Stoff auch ab

„Die Kunden erzählen immer wieder, dass sie auch selbst Menschen kennen, die derzeit Masken nähen“, weiß „Hilla“ Armbrecht zu erzählen. „Ich gebe also von der alten Bettwäsche ab, damit andere damit auch helfen können.“ Sie lächelt und fügt hinzu: „Denn die Stoffgeschäfte haben derzeit ja alle zu – und ich habe noch genug.“ Sie selbst braucht derzeit jedenfalls keine neuen Aufträge. „Ich bin ausgelastet“, sagt sie und lacht.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie hier im MK-Liveticker.

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