Eine Betroffene berichtet

Notstand im Märkischen Kreis: Durch Corona fehlen polnische Pflegerinnen

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Eine Pflegerin hilft einer alten Frau einen Pullover anzuziehen. In vielen pflegenden Familien ist die Situation angespannt, weil private Pflegerinnen aus Osteuropa wegen der Corona-Krise nicht einreisen können.

Märkischer Kreis – Die Corona-Krise greift überall tief in das Alltagsleben der Familien ein. Durch die Reiseeinschränkungen zwischen Deutschland und Polen sitzen viele private Altenpflegerinnen in ihrem Heimatland fest, in Deutschland müssen die Angehörigen die häusliche Pflege ihrer Angehörigen selber organisieren.

Ein Gespräch mit einer 59-jährigen pflegenden Angehörigen offenbart einerseits die aktuell schwierige Situation, gibt aber andererseits tiefe Einblicke in ein seit langem privat organisiertes Pflegesystem. Die 59-Jährige möchte anonym bleiben, sie lebt in dörflichen Strukturen im Märkischen Kreis. 

Vor einigen Jahren ging es mit der bis dato im eigenen Hausstand selbstständig lebenden Mutter gesundheitlich bergab. Die körperlichen Einschränkungen wurden altersbedingt immer schwerwiegender, nach und nach schlich sich die Demenz ein. Die alte Frau konnte nicht mehr unbeaufsichtigt allein leben, ihre Kinder konnten die Betreuung nicht mehr sicherstellen. 

Kontakt war schnell hergestellt

„Bei uns im Bekanntenkreis war jemand verstorben, dessen Pflegerin suchte eine neue Stelle“, erinnert sich die heute 59-jährige Tochter an die Tage vor ein paar Jahren, an denen sie für ihre Mutter eine Betreuungskraft suchte. Die Familien kannten sich, der Kontakt zu der polnischen Frau war schnell hergestellt. Nachdem sich Mutter, Tochter und die Pflegerin sowie der Rest der Familie aus dem Sauerland kennengelernt hatten, wurden sich beide Parteien einig: Der Frau aus dem Nachbarland wurden ein Bett und eigenes Zimmer bei der Mutter eingerichtet, die private Pflegerin zog für ein paar Monate bei ihrer Pflegeperson ein und betreute sie fortan fast rund um die Uhr. Medizinisch ist die Mutter anderweitig betreut: Neurologe, Hausarzt und Pflegekasse sind mit im Boot. Bald stellte sich heraus, dass die heute 65-jährige Pflegerin eine Freundin hatte, die dieselbe Arbeit machte. Die beiden Polinnen wechselten sich alle drei Monate ab und pendelten zwischen ihren eigenen Familien und dem Sauerland hin und her. 

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„Wir wissen ganz genau, was wir an unseren beiden Pflegerinnen haben. Es war absolut keine finanzielle Entscheidung“, betont die 59-Jährige. Die polnischen Frauen seien wie Familienmitglieder, gemeinsam habe man Ausflüge zum Stausee unternommen. Für die demenzkranke Mutter sei es wichtig, stets von denselben Personen betreut zu werden. 

Finanziell alles geregelt

Beide Frauen seien krankenversichert, finanziell sei alles geregelt. „Wir vertrauen den beiden sehr, sie setzen sich für uns und unsere Mutter ein, die beiden sind absolut tadellos“, berichtet die Tochter. Berichte von Familien, die sich von Agenturen mit Privatpflegerinnen versorgen ließen, seien nicht ermutigend gewesen. Pflegerinnen seien unzuverlässig oder einfach nicht freundlich zu den alten Leuten. So jemanden wolle man nicht im Hause haben und ihnen die Betreuung der nächsten Angehörigen überlassen. Die Angehörige weiß von Agenturen, die Pflegerinnen häufig wechseln würden. Außerdem könne man sich diese Betreuerinnen nur bedingt selber aussuchen. 

Dass die beiden Pflegerinnen schon über die 60 Jahre alt seien, sieht sie als Vorteil. Gerade auf dem Dorf oder in der Kleinstadt gebe es absolut keine weiteren Angebote zur Zerstreuung. „Die Frauen in dem Alter wollen abends nichts erleben oder unterwegs sein, die sind zuverlässig für unsere Mutter da.“ Ältere Pflegerinnen fühlten sich in solchen Strukturen wohler, weil sie dem Leben in ihrem Heimatland ähnlich seien. 

Coronavirus im MK: Krise macht privatem Abkommen ein Ende

Doch die Corona-Krise machte diesem privaten Pflegeabkommen ein Ende. Die eine Frau war gerade nach einem dreimonatigen Einsatz nach Polen zur Familie zurück, nach dem Wochenende sollte die andere Frau kommen. Die Koffer waren schon gepackt. Corona schloss von einem auf den anderen Tag die Grenzen, die Mutter war quasi über Nacht ohne Betreuung. 

Die 59-jährige Tochter besprach sich mit ihrem Arbeitgeber, der sie für ein halbes Jahr freistellte. Sie hat jetzt selbst Betreuung und Pflege ihrer Mutter übernommen, schließlich müsse sie auch ihre Mutter vor dem Virus abschotten und selbst in einer Art Quarantäne leben. 

Telefonkontakt mit den Betreuerinnen

Bislang laufe alles gut, sie warte, dass sich die Lage normalisiere. „Aber ich weiß nicht, wie es danach weitergehen soll“, erzählt die Frau. Sie telefoniere mit den beiden Betreuerinnen: „Ich bin froh, dass die beiden bei ihren Familien sein können in dieser schweren Zeit.“

Der Fachkräftemangel in Pflegeberufen führt in Deutschland seit Jahren zu Engpässen, die zum Teil durch ausländische Beschäftigte ausgeglichen werden. Wie viele es insgesamt sind, kann die Bundesregierung nicht mitteilen. Das ging aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag 2019 hervor. Schätzungen zufolge dürften etwa 600 000 Pflegekräfte zumeist aus Osteuropa kranke und bettlägerige Menschen hierzulande versorgt haben. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der Reisebestimmungen im Schengen-Raum gehen die Zahlen zurück. „Dramatisch“ nannte jetzt in einem Bericht der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) die Lage und schätzte, dass mittelfristig bis zu 200 000 Haushalte in Deutschland in große Nöte stürzen könnten.

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