Klimaschutzmanagerin schlägt Alarm

Corona als Klimaschutz-Bremse

Ein Foto aus dem Jahr 2019: Damals hatten die Gesamtschüler die Werdohler zur Teilnahme an einem Müll-Sortier-Spiel auf den Brüninghaus-Platz eingeladen, um auf ihr Projekt „Klimaziele Wedohl 2030 – die AEG macht mit“ aufmerksam zu machen. Öffentliche Aktionen wie diese konnten coronabedingt nicht mehr stattfinden. Das bremst die Bemühungen in Sachen Klimaschutz, unterstreicht Meike Majewski.
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Ein Foto aus dem Jahr 2019: Damals hatten die Gesamtschüler die Werdohler zur Teilnahme an einem Müll-Sortier-Spiel auf den Brüninghaus-Platz eingeladen, um auf ihr Projekt „Klimaziele Wedohl 2030 – die AEG macht mit“ aufmerksam zu machen. Öffentliche Aktionen wie diese konnten coronabedingt nicht mehr stattfinden. Das bremst die Bemühungen in Sachen Klimaschutz, unterstreicht Meike Majewski.

Die Corona-Krise lähmt das gesamte öffentliche Leben. Das hat auch dazu geführt, dass das deutsche Klimaschutzziel im vergangenen Jahr sogar übertroffen wurde. Auf der anderer Seite lähmt die Pandemie viele Bemühungen im Bereich des Klimaschutzes.

Werdohls Klimaschutzbeauftragte Meike Majewski zieht Bilanz und blickt in die Zukunft.

Meike Majewski ist inzwischen von ihrem Arbeitgeber gut ausgestattet worden: „Dienst-Laptop und -Handy bilden eine deutlich bessere Basis für das Homeoffice als während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr“, stellt sie fest. Dass die Arbeit im Homeoffice Vorteile für die Umwelt hat, steht für die Lüdenscheiderin außer Frage. Sie rechnet vor: Der tägliche Pendelei zwischen dem Wohnort und dem Werdohler Rathaus schlage mit 27 Kilometern zu Buche. Rechne man – nach Abzug von Urlaub und anderen Fehlzeiten – mit 200 Arbeitstagen jährlich, ergibt das eine Strecke von 5400 Kilometern. „Mein Kleinwagen hat laut Herstellerangaben eine kombinierte CO2-Emission von 105 g/km. Das ergibt für die Fahrten zur Arbeit jährlich einen CO2-Ausstoß von 567 Kilogramm.“

Ganz anders sieht diese Rechnung aber in den Zeiten der Corona-Pandemie aus: „Fahre ich nur einen Tag in der Woche zur Arbeit, spare ich durch das Homeoffice 453,6 Kilo Kohlenstoffdioxid pro Jahr.“ Einmal pro Woche am Arbeitsplatz präsent zu sein, das ist aus Sicht der Klimaschutzmanagerin auch im digitalen Zeitalter durchaus gerechtfertigt. „Dann besteht zum Beispiel die Möglichkeit, Dinge vor Ort auf direktem Weg zu klären oder das klassische Postfach zu leeren.“

Vorteile durch die Arbeit im Homeoffice

Auch außerhalb des Klimaschutzes sieht Majewski Vorteile durch die Arbeit im Homeoffice. „Die Arbeitszeit ist flexibler, so kommt es auch zu einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Außerdem hat man mehr Freizeit, da der Weg zur Arbeit wegfällt.“ Aus all diesen Gründen sollte zumindest darüber diskutiert werden, ob Mitarbeiter nach dem Ende der Pandemie weiterhin im Homeoffice arbeiten können, erklärt die Klimaschutzmanagerin. Diese Diskussion wünscht sie sich nicht nur im Rathaus, sondern in möglichst vielen Werdohler Unternehmen. „Leider wissen wir nicht, wie viele Firmen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt haben. Dazu gibt es keine belastbaren Zahlen.“ Allerdings habe Wirtschaftsförderer Andreas Haubrichs in Gesprächen i festgestellt: Je größer ein Unternehmen ist, desto eher bestehe die Bereitschaft, den Beschäftigten die Arbeit von zuhause aus zu ermöglichen.

Doch dem verringerten Schadstoffausstoß, der auch der verringerten Mobilität geschuldet ist, stehen auch Nachteile für den Klimaschutz gegenüber: „Dass die Klimakonferenz in Glasgow aufgrund der Krise verschoben worden ist, ist nur ein wichtiger Aspekt“, zählt Meike Majewski auf. Insgesamt bremse die Pandemie den Klimaschutz aus. Die Kampagnen der Bewegung Fridays for future fielen ebenso den Coronaschutz-Vorschriften zum Opfer, wie viele Informationsveranstaltungen.

Kaum öffentliche Aufmerksamkeit

„Diese fanden bestenfalls noch im Internet statt. Die öffentliche Aufmerksamkeit war aber deutlich geringer als bei früheren Präsenzveranstaltungen.“

Weniger Treibhausgase

Laut einer Analyse der Denkfabrik Agora Energiewende hat der Treibhausgas-Ausstoß im vergangenen Jahr 42,3 Prozent unter dem Wert von 1990 gelegen. Das eigentlich schon abgeschriebene Ziel für 2020 sah 40 Prozent weniger Emissionen als 1990 vor. Den Abschätzungen zufolge reduzierte Deutschland seine Treibhausgasemissionen um über 80 Millionen Tonnen CO2 auf rund 722 Millionen Tonnen. Zwei Drittel dieser Minderung sind laut Studie Corona-Effekte, ohne sie hätte der Rückgang bei etwa 25 Millionen Tonnen gelegen. Die Emissionsminderung gegenüber 1990 hätte dann 37,8 Prozent betragen.

Insgesamt, so stellt die Klimaschutzmanagerin fest, sei ehrenamtliches Engagement in vielen Bereichen in einem Dornröschenschlaf versunken. „Und auch politisch und in den Medien ist der Klimaschutz ein Stück weit in der Versenkung verschwunden. Im Augenblick konzentriert sich alles auf die Pandemie.“

Klimawandel langfristig das größere Problem

Grundsätzlich sei das nachvollziehbar. „Obwohl der Klimawandel langfristig das größere Problem für die Menschheit werden wird“, stellt Majewski fest. Voranschreitender Klimawandel bedeute auch mehr Klimaflüchtlinge, mehr Hitzetote – vor allem in den Städten –, höhere Ausgaben für die Beseitigung von Sturmschäden, Hochwasserschutz und Ernteausfälle. „Wir können weder die Folgen für die Gesundheit der Menschen abschätzen, noch die materiellen Schäden beziffern“, erklärt Majewski.

Vor Ort sind die negativen Folgen der Pandemie für den Klima- und Umweltschutz deutlich sichtbar: Einwegmasken werden achtlos in der Stadt weggeworfen, auch der Wald wird zusätzlich mit Müll belastet: Nicht nur die Anzahl der Spaziergänger, Wanderer und Fahrradfahrer in der Natur hat zugenommen, sondern auch der Anteil der Menschen, die ihren Abfall einfach im Wald liegenlassen. Plastikverpackungen, Papiertaschentücher und vieles mehr häuft sich an den Wegesrändern. „Auch in dieser Beziehung wäre es notwendig, mehr Aufklärungsarbeit zu leisten“, unterstreicht die Klimaschutzmanagerin. Doch genau das ist pandemiebedingt momentan nur sehr eingeschränkt möglich. „In Werdohl sind im vergangenen Jahr alle geplanten Veranstaltungen unter den Tisch gefallen.“ Majewski wollte eigentlich einen Workshop zum Klimanetzwerk organisieren und unter anderem im Rahmen des Stadt-, des Apfelfestes und des Bauernmarktes präsent sein.

Auch für 2021 schon Pläne verworfen

Auch für dieses Jahr hat die Klimaschutzmanagerin schon Pläne verworfen. „Der geplante Klima- und Umwelttag wird nicht stattfinden. Es gibt ja leider keine Planungssicherheit.“ Einzig das Stadtradeln sei 2021 „auf jeden Fall gesetzt“. Sollte sich die Corona-Situation ändern, sei es aber vielleicht möglich, noch eine kleinere Veranstaltung anstelle des Aktionstages zu organisieren.

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