Schwimmverein kämpft mit vielen Problemen

Corona verhindert Kurse: 500 Kinder ohne Schwimmausbildung

Schwimmkurse sind in Werdohl coronabedingt momentan nicht möglich. Die Warteliste wird deshalb auch beim SV 08 immer länger.
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Schwimmkurse sind in Werdohl coronabedingt momentan nicht möglich. Die Warteliste wird deshalb auch beim SV 08 immer länger.

„Ohne Wasser ist ein Schwimmverein aufgeschmissen“, sagt Peter Guder, 2. Vorsitzender des Schwimmvereins 08 (SV08) Werdohl. Mit Verweis auf die Corona-Pandemie erklärt Guder, mittlerweile mehr als 50 Jahre im Vereinsvorstand: „So eine Situation gab es bisher noch nicht.“

Bekanntlich sind Schwimmbäder nun schon zum zweiten Mal über einen längeren Zeitraum seit Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 komplett geschlossen. Dadurch wachsen auch beim SV08 die Wartelisten für einen Platz in Schwimmkursen. Weil auch Wassertraining nicht möglich ist, verlassen Mitglieder den Verein, sodass die finanziellen Mittel knapp werden.

Im Sommer war der Schwimmbetrieb wenigstens eingeschränkt möglich: An fünf Tagen in der Woche konnten die erste und zweite Mannschaft des SV08 abwechselnd im Freibad trainieren. Für die Übergangszeit im Herbst hatte Werdohls Bäderchef Frank Schlutow Schwimmzeiten an drei Tagen pro Woche im Plettenberger AquaMagis arrangiert. Dort wäre auch Schwimmunterricht möglich gewesen, berichtet Guder. „Dieses Angebot wurde aber nicht so gut angenommen. Die Eltern haben da zum Teil nicht mitgezogen, weil ihnen das Risiko vermutlich schon zu groß war.“ Als die Temperaturen Ende im Herbst fielen, stieg analog dazu die Zahl der Corona-Infektionen. Hallenbädern wurde der Betrieb schließlich untersagt.

Vereine stehen vor immensen Herausforderungen

Die Vereine stellt dies in der Wintersaison vor immense Herausforderungen: „Ein Schwimmverein, in dem die Mitglieder nicht schwimmen dürfen, kann eigentlich direkt Insolvenz anmelden“, schildert Guder etwas überspitzt. Aber die Lage sei tatsächlich ernst. Noch könne der SV08 die laufenden Kosten durch anteilige Mitgliederbeiträge und Ersparnisse decken, wenn die Pandemielage aber weiter anhält und noch mehr Mitglieder austreten, könne sich das Blatt schnell wenden.

Mit Prognosen ist Guder eher zurückhaltend, sagt aber: „Sollte es noch ein Jahr oder länger so gehen, werden viele Schwimmvereine ihre Tore schließen müssen.“

Viele Grundschulkinder können nicht schwimmen

Für die Schwimmausbildung wäre das eine Katastrophe. Schon jetzt wisse man nicht, wie man dem Rückstau wieder Herr werden soll, der 2020 entstanden ist. „Wir haben Umfragen in Grundschulen gemacht und herausgefunden, dass von 170 eingeschulten Kindern meistens 150 noch nicht schwimmen können – pro Jahrgang“, berichtet Guder. Dazu kommen noch die, die auch während der Grundschulzeit das Schwimmen nicht lernen und beim Wechsel auf die weiterführende Schule kein Seepferdchen haben. Und natürlich die Kinder, die schon vor der Einschulung auf der Warteliste des SV08 standen und jetzt immer noch.

In Summe geht Guder davon aus, dass gut 500 Kinder und Jugendliche in Werdohl schwimmen lernen müssen, wenn die Bäder wieder öffnen. Kann dies nicht gewährleistet werden, rechnet er mit einer stark steigenden Zahl von Badeunfällen. „Ein Kurs dauert insgesamt 22 Übungsstunden – man kann sich ausrechnen, wie lange wir damit zu tun haben.“

Auch Trainer und Rettungsschwimmer können nicht ausgebildet werden

Problematisch auch: Ein ähnliches Problem gilt für die Trainer und Rettungsschwimmer. Sie können derzeit ihre Fähigkeiten ebenfalls nicht trainieren und Erste-Hilfe-Kenntnisse nicht auffrischen. Genauso wenig findet die Grundausbildung statt, die fast 190 Stunden umfasst. Rettungsschwimmer und auch Nachwuchs in dem Bereich sind jedoch wichtig, denn genau diese Personen werden „händeringend gebraucht“ für die Schwimmausbildung. Ebenso für den Wasserrettungsdienst im Sommer. Es ist ein riesiges und weitreichendes Problem, das auf die Schwimmvereine zurollt.

Peter Guder erzählt, dass er für die Trainer schon Kurse für 2022 gebucht hat, in der Hoffnung, dass diese stattfinden. Bis wieder Treffen und Trainings möglich sind, hält der SV08 zu seinen Mitgliedern online Kontakt, zum Beispiel mit Videoübungen und Bastelanleitungen. Außerdem konnte die Jugendabteilung Ende 2020 eine Schnitzeljagd so organisieren, dass nie größere Gruppen zusammentrafen. „Die Präsente wurden kontaktlos von den Jugendwarten an die Gewinner übergeben.“

Trainingsfreie Zeit für Vereinsheim-Sanierung genutzt

Der Vorstand hat die trainingsfreie Zeit genutzt, um das Vereinsheim zu sanieren und dafür viel Geld in die Hand genommen. Knapp 70 000 Euro sind in die energetische Sanierung des Gebäudes geflossen, weitere rund 19 000 Euro in die Erneuerung eines Kanals, der über das Grundstück führt. Ein Großteil der Summen waren Fördergelder über die Leaderregion Lenneschiene und das Landesprogramm Moderne Sportstätten. 14 800 Euro Zuschuss gab es für den Kanal, 61 000 Euro für das Klubhaus. Derzeit ruhen die Arbeiten wegen des Lockdowns. Pflastersteine müssen noch verlegt werden, außerdem fehlen an der Außenfassade Putz und Anstrich. „Böse Zungen im Vorstand haben schon gesagt: Was nützt uns das schönste Klubhaus, wenn wir keine Mitglieder mehr haben“, so Guder.

Mit jedem Vereinsaustritt fehlt dem SV08 Geld über die wegfallenden Beiträge. Doch viele Kosten laufen weiter. Peter Guter ist aber verständnisvoll: „Ich kann nachvollziehen, dass manche Familien in dieser Situation sparen müssen, gerade wenn die Eltern in Kurzarbeit sind und deshalb weniger Geld zur Verfügung haben.“

Impfungen sollen die Wende bringen

Große Hoffnung setzt Guder in die Impfungen, die derzeit – zumindest schleppend – laufen. Er hofft, dass die Pandemie so bis Jahresende überstanden ist. Für die Vereinstätigkeit 2021 macht er sich keine Illusionen. „Es wird ein herausforderndes Jahr werden“, sagt Guder. Der 2. Vorsitzende hofft, im Sommer im Freibad trainieren zu können. „Wir stehen als Verein mit dem Rücken zur Wand, ohne Wasser sind wir aufgeschmissen.“ Dass größere Events wie das internationale Schwimmfest stattfinden können, glaubt Guder nicht. Das deutlich kleinere Hallenschwimmfest Kindergetöse wurde bereits abgesagt. „Die Einnahmen aus den beiden Veranstaltungen werden uns in der Vereinskasse fehlen. Aber die Schwimmausbildung ist jetzt viel, viel wichtiger als Events oder Wettkämpfe.“

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