Kritik an Vorgehensweise

Corona-Schutzimpfung wird für Senior aus Werdohl (90) zum Tagesausflug

Karlheinz Neumann aus Werdohl hält das Infoschreiben des Märkischen Kreises in der Hand. Er möchte sich unbedingt gegen das Coronavirus impfen lassen. Allerdings hat der 90-Jährige Probleme, nach Lüdenscheid zum Impfzentrum zu kommen.
+
Karlheinz Neumann aus Werdohl hält das Infoschreiben des Märkischen Kreises in der Hand. Er möchte sich unbedingt gegen das Coronavirus impfen lassen. Allerdings hat der 90-Jährige Probleme, nach Lüdenscheid zum Impfzentrum zu kommen.

Karlheinz Neumann hat es nicht eilig. „Ich habe da noch nicht angerufen. Warum soll ich mich denn ohne Not gleich am ersten Tag irgendwo anstellen?“, sagt er.

Werdohl ‒ Der 90-Jährige hält das Schreiben in der Hand, in dem ihn der Märkische Kreis auf die Möglichkeit der Corona-Schutzimpfung hinweist. Dass Karlheinz Neumann das Angebot annehmen wird, steht für ihn außer Frage. Nur mit der Art und Weise, wie die Impfung für die Über-80-Jährigen abgewickelt wird, ist der pensionierte Bahnbeamte überhaupt nicht einverstanden.

Die Corona-Pandemie haben Karlheinz Neumann und seine Ehefrau Helene (83), die seit mehr als 60 Jahren verheiratet sind, bisher trotz ihres fortgeschrittenen Alters recht gut überstanden. Weil insbesondere Helene Neumann gesundheitlich angeschlagen ist, unterstützt die älteste Tochter (63) die Eltern. Einkäufe und kleinere Besorgungen in der Stadt schafft aber auch Karlheinz Neumann noch ganz gut. Mit dem Bus fährt er von Ütterlingsen, wo die Neumanns wohnen, dann in die Innenstadt. „Zwei-, dreimal pro Woche komme ich so für eine Stunde raus“, sagt der 90-Jährige.

Familien werden getrennt: „Corona ist Gift“

Die Besorgungsfahrten bringen in der Pandemiezeit etwas Abwechslung, denn die Treffen mit Kindern, Enkeln und Urenkeln sind seit Monaten äußerst rar. „Unsere Urenkel haben wir schon seit vielen Wochen nicht mehr gesehen“, berichtet Neumann. Das mache insbesondere seiner Frau zu schaffen. „So etwas wie Corona ist Gift, weil Familien getrennt werden“, sagt er deshalb, ohne aber zu jammern. Menschen seiner Generation haben schon andere Dinge miterleben müssen.

Eine Verbesserung ihrer momentanen Situation versprechen sich die Neumanns insbesondere von der Impfung, die sie ja vor einer Infektion mit dem Sars-Cov2-Virus schützen soll. „Die Teilnahme an der Impfaktion ist für uns ein Muss“, stellt Karlheinz Neumann unmissverständlich fest. Und doch ist er nicht zufrieden damit, wie gerade den Ältesten der Gesellschaft das Vakzin verabreicht werden soll.

Brief des Märkischen Kreises erhalten

Den Brief des Märkischen Kreises, dem auch ein Schreiben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) beigelegt war, haben Karlheinz und Helene Neumann in der vergangenen Woche erhalten. Dass sie zur Impfung nach Lüdenscheid würden fahren müssen, hatten sie schon vorher aus den Medien erfahren. Und da beginnt für die Neumanns das Problem: Ihr Auto haben sie schon vor Jahren abgegeben; viel Geld für Taxifahrten auszugeben, sind sie nicht bereit. Und ihren Kindern oder Enkeln wollen sie möglichst auch nicht zur Last fallen. „Die haben doch alle ihr eigenes Leben und müssen arbeiten“, gibt Karlheinz Neumann zu bedenken.

Termine werden online und per Telefon vergeben

Die Terminvergabe für die Corona-Schutzimpfungen läuft seit Montag (25. Januar) über das Call-Center der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (Tel. 0 800/116 117-02) und über die Internetseite www.116117.de. Wer am Telefon einen Impftermin vereinbart, muss derzeit noch mit langen Wartezeiten rechnen und hält am besten Stift und Papier bereit, um die Daten zu notieren. Es werden zwei Termine im Abstand von etwa drei Wochen vergeben. Den ersten Termin für die Erstimpfung, den zweiten für die zweite Impfung. Erst durch die zweite Impfung ist der Impfschutz gewährleistet. Anmelden für die Corona-Schutzimpfung kann man sich übrigens auch, wenn man mindestens 80 Jahre alt ist und den offiziellen Info-Brief nicht erhalten haben sollte.

Deshalb sind die beiden Senioren auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Grundsätzlich hätte der ÖPNV-erfahrene Karlheinz Neumann auch damit keine Schwierigkeiten, obwohl die Busverbindung zum Impfzentrum in der Kreisstadt nicht optimal ist. Von der Haltestelle an der Leipziger Straße bis zur Schützenhalle Loh wären die Neumanns mit dem Bus gut 100 Minuten unterwegs, zwei Mal Umsteigen inklusive. Was Karlheinz Neumann dabei besonders stört: Am ZOB Sauerfeld in Lüdenscheid beträgt die Umsteigezeit nur zwei Minuten. „Das ist wahrscheinlich zu knapp für uns“, befürchtet er. Er müsste mit seiner Frau deshalb rund eine halbe Stunde auf den nächsten Bus warten – bei Wetterbedingungen, wie sie nun einmal im Februar oder März herrschen.

Der MVG-Bus fährt nur stündlich

Nach der Impfung ginge es dann für die Neumanns natürlich mit dem Bus zurück. Voraussichtliche Fahrtzeit diesmal: 75 Minuten. Inklusive Impfung wären die beiden Senioren dann also rund fünf Stunden unterwegs gewesen. Im günstigsten Fall, denn Karlheinz Neumann kennt den Fahrplan der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG) und weiß deshalb: „Man kommt da nur stündlich wieder weg!“

„Ich weiß nicht, ob ich meine Kräfte damit nicht überfordere“, ist der 90-Jährige, der nicht nur einen Herzschrittmacher und eine künstliche Herzklappe, sondern auch starke Rückenschmerzen hat, unsicher, ob er sich das antun soll. Und ob eine Busfahrt ins Impfzentrum für seine Ehefrau überhaupt machbar ist, erscheint noch ungewisser, denn Helene Neumann ist derzeit stark gehbehindert, wartet auf eine Hüftoperation.

Zentrale Impfung wirklich die beste Lösung?

Karlheinz Neumann fragt sich deshalb, ob die zentrale Impfung der Senioren wirklich die beste Lösung ist. Damit mache es sich die Regierung zu leicht, glaubt er. „Warum bietet man für uns nicht dezentrale Impfungen an, beispielsweise in den Seniorenzentren der Städte?“, wirft er eine grundsätzliche Frage auf.

Karlheinz und Helene Neumann wollen jetzt erst einmal abwarten, wie es weitergeht. Für die Vereinbarung eines Impftermins über das Internet wollen sie wohl ihre Tochter um Hilfe bitten. Denn mit der Bedienung ihres Laptops kommen die beiden Senioren seit der notwendigen Umstellung auf ein neues Betriebssystem nicht mehr zurecht, und in die vermutlich endlose Telefon-Warteschleife wollen sie sich nicht einreihen. „Es kann sich ja noch vieles ereignen – zum Negativen wie zum Positiven“, ist Karlheinz Neumann gespannt, was sich in den nächsten Tagen und Wochen tut.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare