Besonders die Grundschulen leiden

Corona-Lockdown: Kinder gehen der Schule verloren

So arbeitet eine Grundschullehrerin in Pandemie-Zeiten: Lara Frenzel von der Grundschule Ütterlingsen klingelt bei einer Familie, um an der Tür ein Arbeitsblatt für ein Kind zu übergeben. Trotz digitaler Offensive gingen ohne solche Hausbesuche manche Kinder der Schule verloren.
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So arbeitet eine Grundschullehrerin in Pandemie-Zeiten: Lara Frenzel von der Grundschule Ütterlingsen klingelt bei einer Familie, um an der Tür ein Arbeitsblatt für ein Kind zu übergeben. Trotz digitaler Offensive gingen ohne solche Hausbesuche manche Kinder der Schule verloren.

Eigentlich sollte im Schulausschuss nur über die Erfolge der städtischen digitalen Offensive berichtet werden – nachdem aber alle Schulleitungen anschaulich über ihren jeweiligen Corona-Alltag berichtet hatten, herrschte Betroffenheit im Saal.

In den Grundschulen geht es den Kollegien vor allem darum, keine Kinder aus den vielen Einwandererfamilien zu verlieren. An den weiterführenden Schulen scheint die tägliche Motivation in den Klassen ohne Präsenzunterricht das größte Problem zu sein.

Bürgermeister Andreas Späinghaus (SPD) hatte die Digitalisierung durch die Verwaltung gelobt: „Unsere Schulen sind da sehr weit vorne. Andere Kommunen im Kreis beneiden uns. Die IT in Werdohl hat etwas geleistet, das seinesgleichen sucht.“ Er sei „persönlich stolz“, dass die Werdohler Verwaltung zu Coronazeiten viel dazu beigetragen habe, dass „die Schulen arbeiten konnten.“

Der analoge Alltag macht Probleme

Für Hardware und Datenleitungen an den Schulen ist sicher gut gesorgt, doch der analoge Alltag vor allem an den Grundschulen sieht ganz anders aus. So passten die Schilderungen der Ütterlingser Grundschulleiterin Britta Schwarze so gar nicht ins Bild einer hell leuchtenden digitalen Zukunft. Die evangelische Grundschule habe bislang weder iPads noch Whiteboards, stellte Schwarze nüchtern fest.

Sehr viele Kinder seien in ihren Familien ohne ein digitales Endgerät. In ihrer Klasse seien gerade einmal sechs von 25 Kindern so ausgestattet, dass sie am digitalen Unterricht teilnehmen könnten. Schwarze: „Wir müssen sehr gut aufpassen, dass wir kein Kind verlieren, weil es technisch nicht gut ausgestattet ist.“ Der evangelische Pfarrer und Ausschussmitglied Martin Buschhaus fragte ein wenig verwundert nach, er stelle sich vor, dass es gerade in den jüngeren Familien doch wohl wenigstens ein digitales Endgerät gebe? Die realistische Antwort: „Das digitale Endgerät ist ein Handy, und das hat der Vater mit auf der Arbeit.“

Schulleiterin: „Die Kinder werden täglich müder“

Britta Schwarze führte dem Ausschuss die Situation in den Familien vor Augen: „Die Eltern haben ihre Kinder seit einem Jahr mehr oder weniger komplett zuhause. Das zerrt allen an den Nerven.“ Auch die Kinder würden täglich müder: „Das sind keine Studenten oder Gymnasiasten.“ Von sechs- und siebenjährigen Kindern werde erwartet, dass sie sich seit mehr als einem Jahr „jeden Morgen dahinsetzen“. Die Erstklässler haben seit einem Jahr keine normale Schule gesehen. „Wir sind in großer Besorgnis“, sagte Britta Schwarze. Es gebe keinen Sport, keine Musik: „Wir dürfen ja noch nichtmal singen.“ Dann kämpfe man mit Tests, deren Handhabung wochenweise wechsele oder die erst gar nicht ankämen.

Die Kolleginnen machten wieder Hausbesuche bei den Elternhäusern. „Da stehen wir vor den Haustüren und versuchen, mit den Eltern irgendwelche Dinge zu regeln.“ Das sei oft sehr schwierig, weil es viele Haushalte gebe, in denen die Eltern nicht lesen und nicht schreiben könnten. Von Deutsch ganz zu schweigen.

Vielfach überhaupt keine Unterstützung

Schwarze wurde sehr eindrücklich: „Wir müssen gucken, dass wir keinen verlieren.“ In vielen Familien von Zuwanderern gebe es überhaupt keine Unterstützung der Kinder von zuhause. „Und im Distanzbetrieb ist das alles noch viel schwieriger“, so Schwarze. Immerhin könne sich die Schule durchs Jugendamt abgesegnet Kinder in die Notbetreuung holen. So habe man immerhin einige der schwer zu erreichenden Klientel im Blick.

Ähnliches berichtete Nina Manns für die städtische Gemeinschaftsgrundschule mit ihren Standorten in Kleinhammer und auf der Königsburg. „Die Verzweiflung in den Elternhäusern wird immer größer.“ In vielen Familien seien die berühmten „digitalen Endgeräte“ einfach nicht vorhanden. In den Familien nähmen die Streitigkeiten zu. Mittlerweile mache man sich Sorgen um die Schulreife der Kinder, die ab Sommer in die Grundschulen kommen werden. Die Kinder würden natürlich aufgenommen, es ginge gesetzlich ja nicht anders.

Grundschulleiterinnen setzen Hilferuf ab

Britta Schwarze setzte im Namen aller Grundschulleiterinnen einen deutlichen Hilferuf ab: „Wir sehen die ganzen Schwierigkeiten, wir wissen, was die Probleme sind, aber wir können keine Lösung anbieten.“

Politiker aller Fraktionen bedankten sich bei Schulen und Elternhäusern, für die SPD sagte zum Beispiel Jan Vidal Canas: „Wir haben tiefsten Respekt und sagen herzlichen Dank, dass Sie den staatlichen Bildungsauftrag hoch halten.“

Weiterführende Schulen: Digitale Ausstattung hervorragend

Die digitale Ausstattung an den beiden weiterführenden Schulen ist mittlerweile hervorragend, das bestätigten Sven Stocks für die Gesamtschule und Oliver Held für die Realschule. Letzterer griff das Selbstlob des Bürgermeisters dankbar auf: „Sie haben sich nicht der Versuchung hingegeben, die in ein paar Jahren auslaufende Realschule abzukoppeln.“ Es sei im zweiten Jahr gelungen, junge Lehrkräfte nach Werdohl zu holen, weil sie von den technischen Möglichkeiten der Schule beeindruckt seien.

Die pädagogischen Schwierigkeiten seiner Kollegin Schwarze konnte er für seine Schule bestätigen: „Wir machen Hausbesuche, weil es sonst passieren könnte, dass jemand von unserem Radar verschwinden würde.“ Held sprach von einer „gewissen Müdigkeit“ aller Beteiligten.

Unterrichtsalltag wird immer schwieriger

Die Gesamtschule ist zwar technisch bestens ausgestattet und wird nächsten Sommer von 103 Jungen und Mädchen in den Eingangsklassen besucht, doch der Unterrichtsalltag werde immer schwieriger. Schulleiter Stocks: „Die Bildungsschere geht immer weiter auseinander, wer mehr Platz und bessere Voraussetzungen zuhause hat, ist im Vorteil.“ Die Jahrgänge fünf bis neun und elf hätten in diesem Jahr keine einzige Klassenarbeit geschrieben. Für die Sekundarstufe I gebe es keine Anpassungen seitens des Landes. Eine Arbeit dürfe auch erst nach zwei Wochen Präsenzunterricht geschrieben werden. Stocks: „Bei den Inzidenzen hier im Kreis frage ich mich, wie das gehen soll.“

Seine Antwort spiegelte die allgemeine Ratlosigkeit im Ausschuss wider: „Ich sehe das nicht.“

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