Großfamilien als Inzidenztreiber

Corona-Inzidenz im MK-Stadt über 300: Bürgermeister nennt die Gründe

In dieser Hütte wird vorerst niemand mehr sitzen können. Die Stadt Werdohl wird die Hütte am Lenneufer sperren, weil das ordnungsamt hier immer wieder Corona-Verstöße registriert hat. Weitere Maßnahmen plant Bürgermeister Andreas Späinghaus derzeit nicht.
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In dieser Hütte wird vorerst niemand mehr sitzen können. Die Stadt Werdohl wird die Hütte am Lenneufer sperren, weil das ordnungsamt hier immer wieder Corona-Verstöße registriert hat. Weitere Maßnahmen plant Bürgermeister Andreas Späinghaus derzeit nicht.

Das Telefon im Vorzimmer des Bürgermeisters klingelt an diesem Montagmorgen beinahe ununterbrochen. Den meisten Anrufern geht es um die Zahl 305,8 – den aktuellen Inzidenzwert der Stadt Werdohl.

„Alle machen sich Sorgen. Kommunalpolitiker und Bürger rufen an“, berichtet Werdohls Bürgermeister Andreas Späinghaus (SPD). „Das ist auch kein Wunder: Dieser Inzidenzwert ist eine absolute Katastrophe.“

Dennoch habe der Krisenstab nach eingehender Überlegung beschlossen, keine neue Allgemeinverfügung für Werdohl zu erlassen. „Das bringt uns nicht weiter. Weder eine Maskenpflicht in der Innenstadt, noch Geschäftsschließungen oder eine Ausgangssperre helfen in dieser Situation weiter“, erklärt der Bürgermeister – und begründet diese Entscheidung: „Wir wissen genau, wo sich die Menschen infiziert haben. Alle Kontaktpersonen stehen unter Quarantäne.“

Drei bis vier Großfamilien mit Migrationshintergrund

Der größte Teil der Coronainfizierten lebe in einer von drei bis vier Großfamilien mit Migrationshintergrund. „Es handelt sich vornehmlich um türkische Großfamilien“, sagt Späinghaus, der mit dieser Information aus zwei Gründen ganz bewusst an die Öffentlichkeit geht: „Werdohl hat kein strukturelles Problem. Niemand muss Angst haben, dass er sich in der Stadt infiziert.Zudem möchte der Bürgermeister deutlich machen, dass das Infektionsgeschehen mit den Wohnverhältnissen zusammenhängt: „Grundsätzlich ist es etwas Positives in einer Großfamilie zu leben. Aber gerade in dieser Pandemie-Situation infizieren sich diese Menschen natürlich ganz besonders schnell. Da gibt es nichts zu beschönigen und nichts schlecht zu reden.“

Nachwirkungen des Zuckerfestes

Bei den Ausbrüchen handele es sich möglicherweise um Nachwirkungen des Zuckerfestes, das vom 12. bis zum 13. Mai gefeiert wurde. „Die Veranstaltung der Ditib-Gemeinde im Stadion Riesei verlief vorbildlich“, stellt Späinghaus, der vor einigen Monaten selbst schwer an Corona erkrankt war, fest. Doch ob anschließend jede Familie nur im engsten Kreis gefeiert habe, sei fraglich.

Vorwürfen, die Mitarbeiter des Ordnungsamtes würden ihre Kontrollaufgaben nicht wahrnehmen, tritt Andreas Späinghaus energisch entgegen. „Ich lade jeden ein, sich abends mit den Mitarbeitern zu unterhalten. Sie sind Nonstopp unterwegs und abends fertig. Sie werden angepöbelt und sogar bespuckt.“ Die vier Ordnungsamtsmitarbeiter könnten nicht überall gleichzeitig sein. „Aber sie kontrollieren regelmäßig – auch im Bereich vor dem Discounter in der Innenstadt.“

Holzpavillon wird abgesperrt

Auch aufgrund der regelmäßigen Kontrollen wisse man, dass sich in dem Holzpavillon am Lenneufer gegenüber der Einfahrt zum Lidl-Parkplatz regelmäßig Menschen treffen und ohne Maske zu eng beieinander sitzen würden. „Deshalb werden wir diesen Treffpunkt mit einem Bauzaun dicht machen“, sagt Späinghaus.

Weitere Maßnahmen seien aber nicht geplant. „Wir haben leider keine Kontakte in die Großfamilien. Aber das Gesundheitsamt des Märkischen Kreises ist dort jetzt aktiv.“ Innerhalb der bulgarischen Familien solle Kulturmittlerin Margarita Encheva die Menschen verstärkt sensibilisieren und auf die Gefahren der Pandemie aufmerksam machen.

Unerlaubte Hochzeitsfeier mit 53 Gästen

Darüber hinaus werde das Ordnungsamt aktiv bleiben – und bei Verstößen Bußgeldverfahren einleiten. Das drohe auch den Menschen, die sich am Samstag in Kleinhammer zu einer unerlaubten Hochzeitsfeier getroffen hatten. Anwohner hatten das Ordnungsamt verständigt. „53 Menschen wurden angetroffen. Es gab Verstöße gegen die Maskenpflicht“, schildert Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel. Zumindest hätten sich die Feiernden einsichtig gezeigt – vielleicht auch, weil der Sicherheitsdienst des Ordnungsamtes und die Polizei mit vor Ort gewesen seien. Einen ähnlichen Einsatz hatte es in Werdohl bereits vor einigen Monaten gegeben.

Die Verantwortlichen des Märkischen Kreises haben die Situation in Werdohl im Blick. Dabei spielt sicher auch die Tatsache eine Rolle, dass sich die hohe Zahl der Infektionen in Werdohl negativ auf die Kreisinzidenz auswirkt. Diese lag am Montag bei 43,4 – und ist maßgeblich für weitere Öffnungsschritte. „Um die Situation zu analysieren, befindet sich der Märkische Kreis im engen Austausch mit der Stadt Werdohl“, erklärt Kreispressesprecher Alexander Bange. Hotspots oder ein „Superspreader-Event“ seien für die hohe Inzidenz nicht erkennbar verantwortlich. Der Kreis vermutet ebenso wie Späinghaus, dass die Wohnverhältnisse der Infizierten eine Rolle spielen: „Von den Corona-Neuinfektionen betroffen sind mehrere Großfamilien. Entsprechende Wohnverhältnisse sind möglicherweise mit ein Grund dafür, warum sich hier die im Kreis vorherrschende und ansteckendere britische Virusmutation B.1.1.7 schneller verbreiten konnte.“

Kreis wird in Werdohl nicht eingreifen

Bange macht deutlich, dass der Märkische Kreis in Werdohl nicht eingreifen werde. „Da die verstärkte Virusverbreitung sich zurzeit lokal auf das Stadtgebiet Werdohl beschränkt, obliegt der Stadt die Entscheidung, ob und in welchem Umfang zielgerichtete Eindämmungs- und Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden.“ In der Vergangenheit hätten mehrfach einzelne Städte, beispielsweise Lüdenscheid oder Iserlohn, zielgerichtete Maßnahmen ergriffen – beispielsweise, in dem sie eine Allgemeinverfügung erlassen hätten.

Die von Bürgermeister Späinghaus gewünschten Schwerpunktimpfungen in bestimmten Bereichen der Stadt, werde man nicht realisieren können: „Aufgrund der sehr begrenzten Impfstoffmenge, die das Land NRW dem Kreis bis weit in den Juni hinein zur Verfügung stellen wird, können über den Kreis bis auf Weiteres keine Erstimpfungen und somit auch keine ,Schwerpunktimpfungen’ vor Ort durchgeführt werden.“

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