Ex-Werdohler erinnert sich

Geistersiedlung wird abgerissen: Kein Tag ohne Gedanken an Elverlingsen

Christoph Weber besuchte kurz vor dem Abriss das Haus Bergfelder Weg Nummer 16, sein Elternhaus in Elverlingsen. Er wird ganz wehmütig, wenn er in das entkernte Haus hineinblickt, in dem er mit seinen Eltern und der Schwester seine Kindheit verbracht hat.
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Christoph Weber besuchte kurz vor dem Abriss das Haus Bergfelder Weg Nummer 16, sein Elternhaus in Elverlingsen. Er wird ganz wehmütig, wenn er in das entkernte Haus hineinblickt, in dem er mit seinen Eltern und der Schwester seine Kindheit verbracht hat.

„Das ist für mich alles wie ein Film.“ Sichtlich ergriffen wischt sich Christoph Weber über die Augen und blickt wehmütig auf das fensterlose Loch in dem Abrisshaus in den Raum, der einmal sein Kinderzimmer war. Weber, 55 Jahre alt, verheiratet, U-Bahn- und Straßenbahnfahrer in Dortmund, ist kurz vor dem Verschwinden der Siedlung Elverlingsen noch einmal ganz tief in seine Vergangenheit eingetaucht.

„Es vergeht wirklich kaum ein Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal an Elverlingsen denke“, sagt er. Wenn man ihn erzählen hört, entsteht ganz schnell ein Bild einer traumhaft unbeschwerten Kindheit Ende der 1960er-Jahre.

Werdohl – Der Mann gibt beim Besuch des Geisterdorfs viel von sich und seinen Gefühlen preis. Von außen frei zugänglich ist in diesen Tagen nur noch das Haus Bergfelder Weg 16, in dem er mit seiner Familie gewohnt hatte. Drei Mal waren Marlies und Wolfgang Weber mit ihren Kindern Manuela und Christoph in Elverlingsen umgezogen. Die ersten fünf Jahre ab 1965 lebten sie in einem Mehrfamilienhaus Am Hang, dann etwa ein Jahr in einer Wohnung Am Junkernberg und die letzten sechs Jahre eben im Haus am Bergfelder Weg, ganz oben und nahe am Wald.

In Elverlingsen aufgewachsen

Weber wurde am 26. März 1965 im Altenaer Krankenhaus geboren, seine Mutter Marlies stammt aus der Brachtenbeck und lebt heute in Holzwickede. 1976 verließ Christoph Weber mit seiner Mutter die Siedlung und zog erst für zwei Jahre nach Werdohl an die Hohe Straße. 1978 gingen Mutter und Sohn komplett weg nach Dortmund. Die Eltern hatten sich getrennt, Vater Wolfgang blieb mit Tochter Manuela noch eine Weile in Elverlingsen wohnen. Wolfgang Weber war selbst in Elverlingsen aufgewachsen, er war erst Maschinenschlosser bei der Elektromark, bis er umschulen musste und später als Masseur und Bademeister arbeitete. Wolfgang Weber ist verstorben, Christophs Schwester Manuela lebt in Bayern.

„Es roch nach verbrannter Milch, irgendwo ging der Staubsauger an und ich schaute den Bauarbeitern am Kraftwerk zu“, transportiert Christoph Weber den Zuhörer mit einem Satz in die heile Kinderwelt um 1970. Spielzeug gab es nicht viel, die Tage nach der Schule verbrachten alle Kinder auf der Straße. Die Mütter machten die Tür auf und ließen Jungen und Mädchen nach draußen, fertig. „Was sollte schon passieren?“, erinnert sich Weber. Jeder kannte jeden, niemand musste sich Gedanken über eine vielleicht schlechte Welt da draußen machen.

Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen wird abgerissen

Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen wird abgerissen

Die erste Mondlandung, die er mit seinem Vater im Wohnzimmer auf dem Schwarzweiß-Röhrenfernseher anschauen durfte, war das bisher größte Abenteuer der Menschheit. Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong den Mond, Wahnsinn. „Wir haben danach die Mondlandung in Elverlingsen nachgespielt“, erinnert sich Weber noch heute genau. Kindergarten und Grundschule waren in Ütterlingsen, den komplette übrige Zeit waren die Straßen zwischen Junkernberg unten und Bergfelder Weg oben die ganze Welt.

Für den heute 55-Jährigen bedeutet die sichere und behütete Kindheit in Elverlingsen viel. Mit feierlichem Ernst sagt er: „Elverlingsen ist meine Wiege, ich bin mit Elverlingsen aufgewacht und zu Bett gegangen. Das Empfinden ist immer noch sehr stark.“ Vielleicht ist es diese absolute Unbekümmertheit, die Kinder in den 1960er- und 1970er-Jahre erlebten und die besonders heute in Zeiten stärkster Verunsicherung als eine tröstliche und heile Welt in der Erinnerung bestehen bleibt.

So spielte sich das Leben von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen im durch Lenne, Kraftwerk und Wald klar eingegrenztem Elverlingsen ab. Die Brücke von der Siedlung zum Kraftwerk gab es damals noch nicht, Vater Wolfgang stieg einfach zu Fuß über die Schienen zur Arbeit. Überhaupt war das Kraftwerk 1965 noch nicht die riesige Anlage von heute. Der Kühlturm, der später die Siedlung quasi überschattete, war gar nicht gebaut.

Tante Petra findet große Liebe in Elverlingsen

Christoph Weber kann sich erinnern, wie das Kohlekraftwerk vergrößert wurde. So war sein erster Berufswunsch Bauarbeiter: „Ich habe den Männern oft stundenlang zugeguckt und wollte mithelfen.“ Opa Peter und Opa Hugo waren beides Elverlingser, nur Mutter Marlies war aus Altena zugezogen. Die Schwester seiner Mutter, also Tante Petra, hatte in Elverlingsen ihre große Liebe kennengelernt.

Christoph Weber hat mit seiner Frau in der Vergangenheit immer wieder Elverlingsen und ehemalige Werdohler Bekannte besucht. So weiß er, dass es bis heute alte Cliquen aus Elverlingsen gibt, die sich regelmäßig treffen.

Foto-Reise durchs Geisterdorf Werdohl-Elverlingsen

Foto-Reise durchs Geisterdorf Werdohl-Elverlingsen

Ursprünglich sollte die Siedlung abgerissen werden, weil Enervie den Kraftwerksstandort erweitern wollte. 2010 wurden die Grundstücke zurückgekauft, im Frühjahr 2013 zog der letzte Bewohner aus. Die Neufassung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes warf alle Pläne über den Haufen, seitdem verfällt die Siedlung. Zu Jahresbeginn 2021 wird sie komplett abgerissen.

Christoph Weber betrachtet vom Absperrzaun aus die Abrissbagger bei der Arbeit. Noch steht das Haus Bergfelder Weg 16, es ist aber bloß noch eine Ruine. Weber ist kein besonders forscher Mann, auch wenn ihn damals alle „Kolumbus“ genannt hatten. Christoph „Kolumbus“ Weber nimmt vorsichtig ein paar moderige Latten vom verrottenden Holzzaun mit nach Dortmund. In original tannendunkelgrün will er sie wieder auffrischen, die Wurzeln seiner Elverlingser Kindheit.

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