Berufswunsch: Menschen segnen und Kinder taufen - Christine Köntopp will Pfarrerin werden

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Christine Köntopp steht vor dem Altar und hat die Hände segnend zur imaginären Gemeinde in der Christuskirche gehoben. Auch solche liturgische Präsenz wird im Vikariat ausprobiert und trainiert.

Werdohl - „Mit 16 war mir klar, dass ich mich von Gott beschenkt weiß, dass ich das an andere weitergeben will“, sagt Christine Köntopp. Außerhalb frommer Kreise wirkt so ein Satz ganz schön steil. Sie kennt es.

„Päpstin“ gaben ihr Mitschüler in der Abi-Zeitung als Berufsempfehlung mit. Mit 18 Jahren wurde ihr klar, dass sie Gemeindepfarrerin werden wollte. Der Verwirklichung dieses immer seltener gewordenen Berufswunsches kommt sie in Werdohl näher. Noch bis März 2019 absolviert sie ihr Vikariat bei Pfarrer Dirk Grzegorek. Sie ist damit in Zeiten immer größerer Kirchenferne eine Exotin, in vielerlei Hinsicht. 

Die 30-Jährige wirkt im Gespräch konzentriert, zielstrebig, selbstbestimmt und sortiert. Sie weiß, was sie will und was nicht. Mit dem Verlauf ihres Vikariats ist sie sehr zufrieden. „Ich kann viel lernen und wollte keine Frusterfahrung.“ Bei ihrem Vikariatspfarrer Dirk Grzegorek fühle sie sich sehr gut aufgehoben, er lasse ihr viel Freiheit zum Ausprobieren. Auf der anderen Seite gebe ihr der Pfarrer auch die nötige Orientierung. 

Eine lebendige Gemeinde

Die evangelische Kirchengemeinde in Werdohl empfinde sie als sehr lebendig, viele Ehrenamtliche engagierten sich. „Eine Gemeinde mit wenig Leben hätte ich doch sehr anstrengend gefunden“, sagt sie. In der Werdohler Gemeinde gebe es ein breites Spektrum an praktischen Lernfelder für die Theologin. Ganz bewusst habe sie sich eine Kleinstadt als Vikariatsort gesucht. Viele junge Menschen verlassen heute den ländlichen Raum und ziehen in die Großstädte – in ihrer aktuellen Lebensphase ist das genau anders herum. Köntopp stammt aus Hemer und verbrachte Zeiten in London, Mainz und Leipzig. Sie kennt also das Leben in der Großstadt. 

Doch zurück zu den Anfängen. Christine Köntopp wurde katholisch getauft. Ihr Vater war Presbyter in der evangelischen Kirchengemeinde in Hemer, ihre Mutter katholisch und ebenfalls ehrenamtlich engagiert. So kam sie von Geburt an mit dem christlichen Glauben unterschiedlicher Konfessionen im Elternhaus in unmittelbare Berührung, war als Kind sogar einige Jahre Messdienerin. Als Jugendliche sammelte sie Lebenserfahrungen im eher evangelisch geprägten CVJM und sozialisierte sich dort. 

Katholisch getauft und nicht konfirmiert 

Als Jugendliche konvertierte sie zur evangelischen Kirche. „Ich habe mich aber nicht mehr konfirmieren lassen, das fand ich mit 16 nicht so passend.“ Sie dürfte damit zukünftig eine der wenigen evangelischen Pfarrerinnen sein, die katholisch getauft und nicht konfirmiert ist. 

Ihre Eltern hätten ihr zwar den Beruf der Pfarrerin nahegelegt, doch das sei damals noch nichts für sie gewesen. Sie dachte eher in die Richtung, hauptamtlich in der kirchlichen Jugendarbeit tätig zu werden. Den letzten Anstoß bekam sie in der Oberrahmede bei Pfarrerin Monika Deitenbeck-Goseberg. Köntopp war als Gast zu der Trauung ihrer damaligen Jugendreferentin aus Hemer in die Kirche in Lüdenscheid eingeladen. Danach habe sie Deitenbeck-Goseberg näher kennengelernt und sie für sich als Vorbild erkannt. Das war mit 18 Jahren. „Menschen segnen, trauen, Kinder taufen, das könnte etwas für mich sein“, habe sie damals gedacht und den Entschluss gefasst, Pfarrerin werden zu wollen. 

Eine herzliche Jesusfrömmigkeit 

Die beiden Werdohler Pfarrer gelten als fromm und orientieren sich sehr stark am Wort der Bibel. „Die pietistische Linie schreckt mich nicht ab“, stellt die junge Theologin fest: „Eine herzliche Jesusfrömmigkeit – darum geht es, würde ich sagen.“ Sie bezieht eine klare theologisch-praktische Position: Engstirnig sein und Druck ausüben möchte sie nicht. Erfahrungen mit unterschiedlichen Ausprägungen des evangelischen Glaubens habe sie ausreichend. Sie kenne charismatische Kirchen, die anglikanische Kirche, Pfingstgemeinden und die Freikirche. Als Konvertitin bringt sie auch Erfahrungen aus dem katholischen Glaubensleben mit. 

Ihre Leitsätze formuliert sie so: „Sich Offenheit bewahren für andere Menschen und andere Glaubensrichtungen und nicht jemandem etwas überstülpen wollen.“ 

Auf ihren Traumberuf hat sie sich gründlich und umfassend vorbereitet. Nach dem Abitur verließ sie das beschauliche Hemer und zog für ein diakonisches Jahr nach London. Dort engagierte sie sich in zwei Gemeinden in der Jugendarbeit. Eigentlich hätte sie danach sofort mit dem Theologiestudium beginnen können. 

Köntopp betrieb im niedersächsischen Krelingen zunächst zwei Jahre ein freiwilliges Vorstudium, unter anderem lernte sie hebräisch und altgriechisch. Das eigentliche Studium der Theologie absolvierte sie in Leipzig und in Mainz. 

Überkonfessionelle Studienleiterin

In Leipzig war sie als evangelische Studentin Mitglied der katholischen Studentengemeinde. Nach dem ersten theologischen Examen lebte und arbeitete sie weitere zwei Jahre in Mainz als Studienleiterin im Philipp-Jakob-Spener-Studienhaus. In dieser Wohn- und Lehreinrichtung, der aus einem Bibel- und Gebetskreis hervorgegangen ist, leben knapp zehn junge Protestanten, Katholiken und Freikirchler als Studierende zusammen. 

Nicht jeder, der Theologie studiert, will auch in den Pfarrberuf. Deshalb gibt es in der Evangelischen Kirche die praktische Ausbildung für den Pfarrberuf in Form eines Vikariats. In dieser Stufe befindet sich gerade Christine Köntopp. Für die Dauer ihres Vikariats wohnt sie in Eveking. 

Im Oktober 2016 aus Mainz an die Lenne

Im Oktober 2016 kam Christine Köntopp aus Mainz an die Lenne und absolvierte erst einmal ein halbjähriges Schulvikariat an der Gesamtschule. Ihr Vikariat in Werdohl endet im März 2019. Dann muss sie ihr zweites theologisches Examen im Landeskirchenamt in Bielefeld ablegen. 

Das zweite Examen ist überaus anspruchsvoll und besteht aus insgesamt neun Prüfungen in Pädagogik, Gottesdienst, Seelsorge und anderen praktisch-theologischen Disziplinen. Mündlich werden zum Beispiel Ökumene, Mission, interreligiöse Verständigung und Zusammenarbeit, Diakonie und soziale Verantwortung, Kirchenrecht, westfälische Kirchengeschichte und kirchliche Zeitgeschichte geprüft. 

Danach ist der Weg frei in eine Gemeinde. Als examinierte Theologin kann sie sich auf eine Pfarrstelle in einer Gemeinde bewerben. Dort würde sie zur Pfarrerin ordiniert und wäre an ihrem Berufsziel und in ihrer Berufung angekommen. 

Reformation war auch eine Kirchenspaltung 

Ein Teil ihres Vikariats fiel genau ins Reformations-Jahr. „Wir haben es in Werdohl aber nicht mit Veranstaltungen übertrieben“, meint sie. Die vier Luther-Abende seien jedenfalls gut besucht worden, ebenso das Reformationsfest. „Es war ja eine ganze Reformations-Dekade, die die Evangelische Kirche gefeiert hat“, stellt sie fest. „Da hätte ja auch mal ein Jahr der Trauer ausgerufen werden können.“ 

Warum? „Die Reformation hat uns schließlich nicht nur viel Segen für unser Land und unsere Kultur gebracht, sondern aus ihr ging auch eine Kirchenspaltung hervor, die bis heute zum Teil schmerzlich zu spüren ist“, spricht aus ihr wohl die katholisch getaufte Protestantin.

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