Das Chemielabor flog in die Luft

Elisabete Vidal, bekannte Werdohler Sängerin, hätte vor vier Jahren fast die Stimme verloren. Weihnachten kam die Entwarnung.

WERDOHL - Ferngesteuertes Auto oder Barbie-Puppe? MP3-Player oder Reitstiefel? Was sind die schönsten Weihnachtsgeschenke, die die Werdohler jemals bekommen haben? „Die Erinnerung an alle materiellen Geschenke verblassen im Gegensatz zu denen an die bewegenden Momente, die zusammen erlebt wurden“, meint etwa Woge-Chef Ingo Wöste.

Sein schönstes Geschenk bekam er folgerichtig auch zum vergangenen Weihnachtsfest von seinen Lieben: „einen Jahresrückblick in Form eines Familienbildbandes“. Und auch für Pater Irenäus steht das Dingliche nicht im Vordergrund. Er hat am 24. Dezember Geburtstag und sagt deswegen: „Jedes Jahr ist für mich ein Geschenk.“

Gesundheit steht schließlich für viele über allem anderen. Elisabete Vidal, bekannte Werdohler Sängerin, sieht das genauso. 2009 verlor sie – nach Auftritten bei drei Schützenfesten in der Region – ihre Stimme. Sie erinnert sich: „Beim Spezialisten wurden Ödeme auf den Stimmlippen festgestellt.“ Eine OP schien unausweichlich, die Erfolgsaussichten lagen bei gerade einmal 50 Prozent.

„Mir ist da erst wirklich klar geworden, wie verdammt wichtig mir das ist und wie gesegnet ich bin, das Talent mitbekommen zu haben“, sagt Vidal im Rückblick. Sie ging von Arzt zu Arzt: „Der letzte versuchte es mit Tabletten und Stimm-Übungen.“ Doch die waren oft frustrierend: „Ich habe manchmal so geweint, weil Tonfolgen, die ich sonst unbewusst und locker vom Hocker hin bekam, auch nach Stunden nicht funktionieren wollten.“ Weihnachten 2009 „nach einem halben Jahr Zittern, Angst und Verzweiflung versicherte mir der Arzt aber, dass ich – auch ohne Stimmband-OP – in Zukunft weitersingen kann“. Das sei ihr schönstes Geschenk überhaupt gewesen.

Musik spielt auch im Leben von Martin Theile eine besondere Rolle. So erinnert er sich vor allen Dingen an das Weihnachten, als er 14 Jahre alt war: „Da lag plötzlich eine B-Klarinette unter dem Baum. Vorher hatte ich eine alte Leihklarinette des Musikvereins, min der ich gespielt habe.“ Eines bedauert Theile heute allerdings: „Leider gibt es diese B-Klarinette der Marke Keilwerth nicht mehr, die ist beim Kauf meiner Profiklarinette im Jahr 1999 verkauft worden.“

Nur indirekt mit Musik hat das schönste Weihnachtsgeschenk von Kirchenmusikerin Marion Jeßegus zu tun: „Am 18. November 1982 habe ich in der Düsseldorfer Andreaskirche als Abschluss meines Studiums bei Prof. Johannes Geffert die ‘Künstlerische Reifeprüfung’ im Fach Orgel abgelegt“, berichtet sie.

„Nach bestandenem Examen gingen mein Mann und ich – als jung verheiratetes Paar – in ein winzig kleines Lädchen in der Düsseldorfer Altstadt, dessen Regale übervoll waren mit weihnachtlicher Schnitzkunst aus der damaligen DDR. Dort erfüllten wir beide uns mit dem Kauf einer nur in naturfarbenem Holz gehaltenen Pyramide einen lang gehegten gemeinsamen Weihnachtswunsch.“

Diese erzgebirgische Pyramide steht noch heute – 31 Jahre später – im Advent bei ihr Zuhause. „Für uns und unsere drei erwachsenen Kinder gehört diese geflügelte Krippendarstellung mit den sechs Kerzen fest zur Weihnachtstradition der Familie.“

Kinder sind es auch, die Geschenke in einzigartiger Weise ersehnen. So erinnert sich Heimatvereinsvorsitzender Heiner Burkhardt an seine Jugend: „Weihnachten war bei uns immer das Fest der Familie. Die Großeltern vom Niederrhein waren da und gemeinsam wurde der Heilige Abend verbracht.“ Zunächst sei dann im Fernsehen „Wir warten auf das Christkind“ angeschaut worden. „Bis der Baum geschmückt war, mussten wir Kinder in der Küche warten.“

Das Geschenk, welches ihn am meisten erfreut habe, „war eine Modellbahnlok, die für die gemeinsame Märklin-Anlage mit meinem Bruder bestimmt war“. 50 Jahre später befindet sie sich weiterhin in seinem Besitz „und sie fährt auch heute noch“.

Nicht jedes Geschenk aber funktioniert so, wie erhofft. Sportwart Udo Müller vom Werdohler Schützenverein kann davon sprichwörtlich ein Lied singen: „Als ich sieben Jahre war, wünschte ich mir ein paar Ski , die ich auch bekommen habe, aber es lag kein Schnee. Zu der Zeit konnte man rund um Werdohl noch auf den Wiesen Ski und Schlitten fahren.“

Doch damit hatte die Leidenszeit Müllers erst angefangen, denn „als es endlich anfing zu schneien wurde ich krank. Und als ich wieder gesund war, lag für den restlichen Winter kein Schnee mehr.“

Namesvetter und Gewerkschafter Udo Böhme hatte da etwas mehr Freude an seinem Chemiebaukasten, den er bekam „als ich so zwölf oder 13 Jahre alt war“. In dem Kasten seien „allerlei Glasröhrchen, Reagenzgläser, diverses Werkzeug und Pulver in den buntesten Farben“ gewesen, erinnert er sich. Doch als der Baukasten einige Monate alt gewesen sei, hätte Böhme alle Experimente aus dem beiliegenden Buch ausprobiert gehabt.

„Also fing ich an mir selber Versuche auszudenken. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich mit dem Ergebnis anfangen konnte, aber ich fand es besser als immer genau nach der Vorschrift ‘Man nehme…’ zu hantieren.“ Eines Tages habe er also alle Teile des Baukasten miteinander verbunden, alle Chemikalien eingefüllt und diese mit dem Spirituskocher erhitzt.

„Nach einer Weile blubberte und brodelte es in meinem selbstgebauten ‘Chemielabor’. Weil nichts außergewöhnliches passierte, wollte ich den Vorgang schon abbrechen. Plötzlich gab es einen lauten Knall und ein Teil des Gemisches habe ich ins Gesicht bekommen.“

Böhme wusch sich die Augen im Bad aus und besah sich dann die „Bescherung“: „Nicht ein Reagenzglas ist heile geblieben. Die Flecken an der Tapete habe ich auch nicht mehr weg bekommen. Und die Tropfen, die meinen Pullover trafen, fraßen sich zu kreisrunden Löchern durch den Stoff.“ Fortan sei seine „Neugier zur Chemie erloschen“ gewesen.

Auch Sozialdemokrat Andreas Späinghaus blickt zurück in seine Kindheit: „Als Junge habe ich mir mal ganz ganz dolle einen Lkw von Corgi Toys gewünscht, den ich dann auch bekommen habe.“ Aber eigentlich sei für ihn jedes Geschenk „in dem Moment das schönste“

Für dieses Jahr hat aber auch er einen inmateriellen Wunsch: „Seit 4. September ist unser Kater Herr Elmo verschwunden. Es ist ganz und gar nicht seine Art, so lange aushäusig zu bleiben. Es wäre für lange Jahre das schönste Geschenk, wenn er wieder auftauchen würde.“

Von Michael Koll

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