Gefühle tief aus dem Herzen

Cassie Taylor und ihr Gitarrist Steve Mignano zeigen Livemusik hautnah.

WERDOHL ▪ Nein, kalt war es nicht am Mittwochabend in der Musikkneipe Alt Werdohl. Ganz im Gegenteil: Die Konzertbesucher standen sogar dicht gedrängt vor der Bühne. Und doch hatten wohl die meisten von ihnen eine Gänsehaut. Cassie Taylor und ihre beiden Mitstreiter erzeugten diese Wohlfühl-Schauer mit ihren Songs und ihrer Spielfreude.

Eigentlich sollte die amerikanische Blues-Sängerin mit ihrer Band The Soul Cavalry auftreten. Doch – laut Aushang an der Tür des Alt Werdohl – seien Promotiontermine dazwischen gekommen. In Bezug auf den nun nicht in Werdohl spielenden Gitarristen Jack Moore, Sohn des britischen Ausnahmemusikers Gary Moore, las sich der Aushang vernichtend, stand dort doch zu lesen: „Als Ersatz wurde Steve Mignano aus den USA eingeflogen. Laut Plattenfirma ist das für die Qualität der Show aber eher als Vorteil anzusehen.“

Taylor stellte den Ersatzmann an den sechs Saiten mit den Worten vor: „Okay, er hat keinen berühmten Vater.“ Dann fragte sie jedoch rhetorisch: „Doch wer ist denn schon der Papa von Gary Moore?“

Am Schlagwerk saß der britische Drummer Jamie Little nur mit Snare, Bassdrum und einem Becken – das war’s. Was der Vollbartträger allerdings daraus machte, darum würde ihn manch anderer Schlagzeuger beneiden.

Cassie Taylors Stimme, Mignanos Finger und die Handgelenke des Drummers verband eines: ein tief aus dem Herzen kommendes Gefühl. Dazu kam ein überlebensgroßes musikalisches Einfühlungsvermögen. Da wurden die Snare gestreichelt, die Saiten massiert, das Mikrofon geküsst und die Basssaiten mit Cassies Fingernägeln gekitzelt.

Im nächsten Augenblick aber wurde die Musik härter, der Sound zackiger, der Rhythmus akzentuierter – was blieb war das zuckersüße Lächeln der Frontfrau dieses bemerkenswerten Trios. Dann wurde aus Blues Hardrock und aus Cassie eine freche Göre.

Sie sang, stöhnte, lachte, flüsterte und kreischte. Sie litt, verführte, forderte und wütete. Sie spielte Bass, als hätte sie die Gitarre schon im Augenblick ihrer Geburt in den Händen gehalten.

Die 26-Jährige holte das Publikum zum Tanzen auf die Bühne. Sie setzte sich samt Gitarrist und Drummer auf den Mauervorsprung vor die Bühne. Livemusik hautnah – einmal ganz wörtlich genommen. „Closer“ (zu deutsch: näher) hieß dann auch der ungewöhnliche Coversong, den Taylor zwischen ihre Eigenkompositionen streute. Der Song der brettharten Industrial-Band Nine Inch Nails wurde aber im Handumdrehen zu ihrem Song, zu zartestem Blues.

Fazit: Wer sich am Ende dieses Abends nicht in diese Band verliebt hatte, war taub und blind. - Michael Koll

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