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Cannabis-Freigabe unter neuer Regierung? Es gibt fachliche Kritik

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Von: Maximilian Birke

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Cannabiskonsum
Ein Mann raucht einen Joint mit Marihuana. © Oliver Berg/dpa/Symbolbild

Nach der Bundestagswahl ist vor der Regierungsbildung. Viele Bürger favorisieren dabei die sogenannte Ampel-Koalition, die Regierungsbildung durch SPD, FDP und Grüne. Dadurch könnte sich künftig unter anderem bei der Legalisierung von Cannabis etwas tun.

Werdohl – FDP und Grüne sprechen sich in ihren Wahlprogrammen für die kontrollierte Abgabe von Cannabis aus – auch die SPD sperrt sich nicht völlig: „Eine regulierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene soll in Modellprojekten von Ländern und Kommunen erprobt werden können.“ Die Diskussion nimmt jetzt schon deutlich an Fahrt auf. Was hält man davon im Lennetal?

Stefan Tertel, Geschäftsführer der Drogenberatungsstelle (Drobs), die für alle Kommunen im Lennetal zuständig ist, bewertet die Legalisierung von Cannabis durchaus kritisch. „Meiner Meinung nach berücksichtigt die politische Diskussion zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse“, sagt er.

Es sei erwiesen, dass das menschliche Gehirn erst nach dem 25. Lebensjahr vollständig entwickelt ist und gleichermaßen, dass sich der Konsum von Cannabis auf den Hirnstoffwechsel auswirkt. „Fachlich ist es deshalb zu kritisieren, die Abgabe an Personen ab 18 Jahren legal zu machen“, betont Tertel.

Aus der Praxis weiß er zu berichten, dass der erste Kontakt mit Cannabis bei den Jugendlichen meist sogar schon vor dem 18. Lebensjahr stattfindet. Etwa die Hälfte der jungen Menschen würde erste Konsumerfahrungen bis zum 16. Lebensjahr machen.

In der öffentlichen Diskussion wird als Argument für die Legalisierung häufig angeführt, dass die Zusammensetzung der Cannabis-Produkte offengelegt werden müsse. Das Risiko von Streckmitteln nähme dann ab. Stefan Tertel meint dazu, dass Verunreinigungen bei Marihuana eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Gelegentlich komme es vor, dass dem Produkt Glaswolle beigemischt wird, um das Gewicht zu erhöhen und so auf dem Schwarzmarkt mehr Gewinn zu erzielen. Cannabis wird in der Regel pro Gramm verkauft. Von der Glaswolle gehe natürlich ein potenzielles Risiko aus. „Die Gefahr durch Streckmittel ist bei harten Drogen wie Heroin aber deutlich höher“, sagt Tertel.

In der Drogenberatungsstelle (hier am Standort in Werdohl), kümmert sich ein Beratungsteam um Suchtkranke, die Hilfe suchen.
In der Drogenberatungsstelle (hier am Standort in Werdohl), kümmert sich ein Beratungsteam um Suchtkranke, die Hilfe suchen. © Volker Heyn

Für sinnvoll hält der Geschäftsführer der Drogenberatungsstelle, dass der THC-Gehalt – also die Konzentration des psychoaktiven Stoffes, der den Rauschzustand auslöst – angegeben wird. „Es wird häufig unterschätzt, dass Cannabis heute viel potenter ist als noch vor 20 Jahren. Die Pflanzen wurden hochzüchtet, ähnlich wie man es auch bei Tomaten machen kann.“ Um die Rauschwirkung vor dem Konsum einschätzen zu können, wären Angaben daher sinnvoll.

Ohnehin ist Tertel der Meinung: Sollte Cannabis tatsächlich legalisiert werden, müsse die Politik mehr Geld in Präventionsarbeit investieren, unter anderem in den Schulen. Dann sei es nämlich wichtiger denn je, über die Wirkung und mögliche Folgen von Cannabis aufzuklären und eine Konsumkompetenz aufzubauen.

Als Einstiegsdroge zu härteren Substanzen sieht Tertel Cannabis übrigens weniger. „Da würde ich eher das Nikotinrauchen als Einstiegsdroge bezeichnen. 99 Prozent der Heroin- und Kokainkonsumenten sind Raucher.“

Was die Parteien schreiben

Die FDP fordert eine kontrollierte Freigabe von Cannabis. Besitz und Konsum soll volljährigen Personen erlaubt werden. So könne die Qualität kontrolliert werden und der Jugendschutz gewährleistet. Steuereinnahmen aus dem Cannabisverkauf sollen unter anderem zur Suchtbehandlung eingesetzt werden.

Das derzeitige Verbot von Cannabis verursache mehr Probleme, als es löst, schreiben die Grünen. Durch einen strikt regulierten Verkauf solle dem Schwarzmarkt der Boden entzogen werden. Klare Regeln für die Teilnahme am Straßenverkehr will die Partei einführen. Die Forschung und Versorgung im Bereich von medizinischem Cannabis soll sich verbessern.

Auch die SPD spricht sich nicht grundsätzlich gegen Cannabis aus. Es sei eine gesellschaftliche Realität, mit der man einen adäquaten politischen Umgang finden müsse. Verbote hätten den Konsum nicht gesenkt. Deshalb wollen die Sozialdemokraten es ermöglichen, eine regulierte Abgabe an Erwachsene modellhaft zu erproben, zeitgleich mit verstärkter Präventionsarbeit im Jugendbereich.

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