Bundestagswahlen 1961 bis 1969: Wolfram Dorn macht über die Liste Karriere

+
1961 an der Werdohler Stadtbrücke: Wo auch heute noch bei jeder Wahl die Plakate der Parteien hängen, warben schon damals SPD, CDU und FDP um die Wählergunst. Heute wie damals scheint das aber nicht jede(n) zu interessieren.

Werdohl - In einer sechsteiligen Serie blickt der Süderländer Volksfreund auf die bisherigen Bundestagswahlen zurück. Diesmal geht es um den Zeitraum zwischen 1961 und 1969, als die schwarz-gelbe Koalition durch ein sozial-liberales Bündnis abgelöst wurde.

Der Fokus liegt allerdings auf den Geschehnissen in Werdohl und im Wahlkreis Altena-Lüdenscheid (124).

Bei der Bundestagswahl 1961 verloren die Unionsparteien ihre absolute Mehrheit, und daran hatten auch die Werdohler einen kleinen Anteil. 45,4 Prozent der Wähler an Lenne und Verse hatten den SPD-Kandidaten Erwin Welke, einen 51-jährigen Journalisten aus Lüdenscheid gewählt. Im gesamten Wahlkreis Altena-Lüdenscheid holte Welke 43,3 Prozent der Stimmen und schnappte damit der CDU, die diesmal den Meinerzhagener Juristen Dr. Manfred Luda (40) ins Rennen geschickt hatte, das Direktmandat weg. Im Wahlkreis 124 hatte die CDU gegenüber der Wahl vier Jahre zuvor 9,4 Prozent, in Werdohl sogar 11,4 Prozent, verloren. 

Einen Stimmenzuwachs verbuchte dagegen die FDP, die den Werdohler Wolfram Dorn (37) aufgeboten hatte: In Werdohl holte der Lokalmatador 78,5 Prozent mehr Stimmen als vier Jahre zuvor der Plettenberger Paul Thomée. Das Ergebnis der Bundestagswahl 1961, das übrigens die Deutsche Bundespost per Telefonansage bekannt gab, sorgte auch dafür, dass der Wahlkreis Altena-Lüdenscheid erstmals mit vier Abgeordneten in Bonn vertreten ist. Neben Welke (SPD) kommen über die jeweiligen Landeslisten auch noch Karl Bewerunge und Dr. Manfred Luda (beide CDU) sowie Wolfram Dorn (FDP) ins Parlament. Die Splitterparteien waren bei dieser vierten Wahl zum Deutschen Bundestag in Werdohl übrigens ohne Chance. 

339 ungültige Stimmen bei der Wahl 1957 - Süderländer Volkfreund erklärt Regeln

Die gerade erst gegründeten Parteien Deutsche Friedens-Union (DFU) und Gesamtdeutsche Partei, die Deutsche Reichspartei (DP) und die Deutsche Gemeinschaft (DG) erhielten zusammen gerade einmal 291 Zweitstimmen (2,3 Prozent). Vor der Wahl bemühte sich der Süderländer Volksfreund mit mehreren Artikeln, den Wahlberechtigten noch einmal die Spielregeln der Bundestagswahl näher zu bringen. Weil bei der Wahl 1957 in Werdohl 339 ungültige Stimmen gezählt worden waren, erläuterte die Zeitung noch einmal, wie die Stimmzettel ausgefüllt werden müssen und erklärte unter der Überschrift „Wer wählt? – Wer und wie wird gewählt?“ die Zusammenhänge zwischen Erst- und Zweitstimme. 

In der noch jungen Republik schien auch der Hinweis wichtig zu sein, dass sich zur Wahrung des Wahlgeheimnisses auch Ehepaare nicht gegenseitig bei der Stimmabgabe zusehen dürfen. Von einer „auffallend hohen Wahlbeteiligung trotz des schönen Wetters“ berichtete der Süderländer Volksfreund im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 1965. In Werdohl gaben 87 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die meisten Stimmen entfielen erneut auf den SPD-Kandidaten Welke (50,2 Prozent), der damit dem CDU-Bewerber Luda (36,4 Prozent) einmal mehr das Nachsehen gab. Etwas knapper ging das Rennen auf Wahlkreisebene aus, doch am Ende hatte Welke mit 46,2 Prozent gut fünf Prozent mehr geholt als Luda. 

Sprung ins Parlament über die Landesliste

Mit solchen Anzeigen wurde Anfang der 1960er-Jahre versucht, die Wahlbeteiligung anzukurbeln.

Der CDU-Mann schaffte aber trotzdem wieder über die Landesliste den Sprung ins Parlament. Auch Wolfram Dorn, der für die FDP in Werdohl 11,5 Prozent und im gesamten Wahlkreis 9,5 Prozent geholt hatte, erhielt über die Liste einen Platz im Bundeshaus. Er wurde 1968, gegen Ende der Legislaturperiode, sogar stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion. Neu auf dem Stimmzettel war bei dieser Bundestagswahl die erst im November 1964 gegründete NPD. In Werdohl holten die Rechtsextremen aber nur rund 1,2 Prozent der Stimmen, bundesweit kamen sie auf zwei Prozent. Ihr lautstark ausgegebenes Ziel, die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden, hatten sie damit verfehlt. 

Im Wahlkampf erlebten besonders die CDU-Anhänger in der Region einen besonderen Tag: Am 1. September 1965 kam Bundeskanzler Ludwig Erhard nach Meinerzhagen und Lüdenscheid. Tausende hätten diese Kundgebungen besucht, berichtete der Süderländer Volksfreund anschließend. In Lüdenscheid spielte der Musikzug des Versetaler Schützenvereins für den „Vater des Wirtschaftswunders“ auf. Nach der Bundestagswahl 1969 konstituierte sich erstmals in der damals 20-jährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine sozial-liberale Koalition auf Bundesebene. Dabei gab es am Wahlabend in der Bonner Parteizentrale der CDU, die die meisten Stimmen (46,1 Prozent) geholt hatte, schon roten Sekt – die Farbe des vermeintlichen Siegergetränks war medienwirksam gewählt worden, denn in Deutschland hatte zwei Jahre zuvor das Farbfernsehen seinen Siegeszug angetreten. 

SPD (42,7 Prozent) und FDP (5,8 Prozent), die die Schreibweise ihrer Partei im Jahr zuvor in „F.D.P.“ geändert hatte, einigten sich derweil auf eine Koalition unter der Führung des Bundeskanzlers Willy Brandt. Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD war allerdings schon vor der Wahl brüchig geworden. In Werdohl konnte der neue SPD-Kandidat, der Altenaer Bürgermeister Friedhelm Halfmeier, das gute 1965er Wahlergebnis seines Vorgängers Erwin Welke noch übertreffen: 53 Prozent der Erststimmen gingen auf sein Konto. Die Kandidaten von CDU und FDP verloren dagegen weiter: die Union 1,3 Prozent, die Liberalen 2,4 Prozent. 

Rechtsextreme legten zu, NPD kam jedoch nicht in den Bundestag

Im ganzen Wahlkreis verpasste Halfmeier mit 49,2 Prozent nur knapp die absolute Mehrheit, aber das Direktmandat war ihm mit diesem Ergebnis natürlich sicher. Aber auch CDU-Mann Dr. Manfred Luda und Wolfram Dorn (FDP) zogen wieder in den Bundestag ein, beide erneut über die Landeslisten ihrer Parteien. Im Vorfeld der Wahl war mit dem erstmaligen Einzug der NPD in den Bundestag gerechnet worden Dazu kam es dann aber nicht, obwohl die Rechtsextremen zulegen konnten, auch in Werdohl: An Lenne und Verse holte die NPD 3,1 Prozent, im gesamten Wahlkreis Altena-Lüdenscheid sogar 4,2 Prozent. 

Im Bund scheiterte die Partei, die während der Zeit der Großen Koalition eine Serie von Wahlerfolgen erzielt hatte, mit 4,3 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. Die rund 145 Werdohler Wahlhelfer der Bundestagwahl hatten an diesem Abend des 28. September übrigens weniger Arbeit beim Auszählen der Stimmen, denn nur 79,3 Prozent der Werdohler und Werdohlerinnen hatten von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare