Armutsmigration

Mehlschwitze und Staplerfahren

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Michael (41, rechts) und Krasimir (43) stammen aus Burgas an der bulgarischen Schwarzmeerküste und leben seit Jahren in Werdohl. Die beiden waren die einzigen, die sich bei der Tertia-Fördermaßnahme in Eveking fotografieren ließen. De facto sprechen sie gar kein Deutsch.

Werdohl - Ohne Job in Deutschland, das bedeutet für Bürgerinnen und Bürger aus anderen EU-Ländern zunächst einmal keinerlei staatliche Unterstützung. Laut den EU-Regeln können sich Neu-Eingewanderte zur Arbeitssuche bis zu sechs Monate in einem anderen Mitgliedsland aufhalten. Danach haben sie kein Recht zu bleiben, es sei denn, es besteht konkret Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Es reicht allerdings schon eine arbeitnehmerähnliche Tätigkeit nach EU-Richtlinie: Ein Monat Arbeit für deutlich unterhalb der 450-Euro-Grenze beschert dem EU-Ausländer ein Recht auf sechs Monate Hartz IV.

Um diese Arbeitsmöglichkeiten wird unter den 317 Bulgaren schwer gerungen. Die meisten sind kaum qualifiziert, Sprachfähigkeiten sind so gut wie keine da, manche sind sogar Analphabeten. Ungefähr die Hälfte (157) der in Werdohl gemeldeten Bulgaren sind Hartz-IV-Empfänger. Gerd Konopka, gebürtiger Werdohler und Sachgebietsleiter Markt und Integration des Jobcenters auf der Lenneschiene, kennt sich mit der Situation bestens aus.

Die meisten bulgarischen Familien wohnen in der Innenstadt: Neustadtstraße, Schulstraße oder auch die Friedrichstraße in Bahnhofsnähe. Täglicher Treffpunkt für viele ist der Colsman-Platz. Dieser Ort ist für die Männer gleichzeitig die Jobbörse: „Arbeitgeber“ aus der unmittelbaren Umgebung suchen hier nach Männern für Abbrucharbeiten, zum Kellnern, zum Aufräumen oder Putzen, für Lagerarbeiten oder als Hausmeister.

Die Familien brauchen Geld zum Leben, allein deshalb sind sie hergekommen. Die Verhältnisse im eigenen Land sind so aussichtslos, dass sie lieber das ungewisse Leben in der Fremde ertragen als noch größere Armut und Korruption in Bulgarien. Keine Problemgruppe aus Sicht des Jobcenters sind die 123 Rumänen in Werdohl, von denen 19 Personen Leistungen nach Hartz IV erhalten.

Beim Werdohler Jobcenter an der Heinrichstraße werden die Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 66 erfasst, die zumindest theoretisch erwerbstätig sein können. Wer ein halbes Jahr lang für etwas mehr als 250 Euro Lohn im Monat gearbeitet hat, darf Arbeitslosengeld II beziehen. Das sind die Hilfen zum Lebensunterhalt und zum Wohnen, bekannt unter Hartz IV.

„Hier wird es für EU-Ausländer seit der Arbeitnehmerfreizügigkeit sehr interessant“, stellt Gerd Konopka ganz sachlich fest. Ein volljähriger Alleinstehender bekommt 424 Euro Regelsatz, ein Ehepaar pro Person 382 Euro. Kinder von sechs bis 13 Jahre erhalten 302 Euro, Kinder unter sechs Jahren 245 Euro. Kindergeld wird eingerechnet, die Miete samt Heizkosten von 781 Euro direkt an den Vermieter überwiesen. Ein Ehepaar mit drei Kindern beispielsweise kommt so auf Hilfszahlungen von knapp 1800 Euro pro Monat. Davon lässt sich leben. Ein Problem sind die sehr geringen Löhne für wenig qualifizierte Arbeit: Die Spanne zwischen Hartz IV und dem Niedriglohnsektor ist nicht groß, oft nicht vorhanden. Im Gespräch mit Sozialarbeitern wird klar, dass das häufig ein Problem ist. Wer ohne Arbeit mehr staatliche Unterstützung bekommt als Lohn durch eine Vollzeitarbeit, der überlegt sich das.

Auch für manche Vermieter seien die Bulgaren lukrativ, meint Konopka. Schlechte Wohnungen, die auf dem freien Markt kaum zu vermieten seien, würden an Osteuropäer vergeben. Die Miete komme vom Jobcenter, um die Wohnung kümmere sich der Vermieter in der Regel nicht. Auf diese Weise Geld für sonst leer stehende Wohnungen zu bekommen, ist für manchen Hausbesitzer interessant. Konopka: „Das sind schon sehr schwierige Strukturen.“

Hans-Jürgen Bauer, stellvertretender Standortleiter der Tertia Berufsförderung Märkischer Kreis (rechts), mit Anleiter Peter Schwamborn im Keller der ehemaligen Commerzbank. Die Regale bleiben stehen, hier wird Lagerwirtschaft vermittelt.

Konopka hat erst kürzlich eine Fachtagung zum Thema „Zuwanderung aus Europa in den Märkischen Kreis“ besucht, bei der auch Vertreter aus den Problembezirken Dortmund Nordstadt, Duisburg-Marxloh und Hagen über ihre Erfahrungen berichtet haben. Die dort versammelten Sozialexperten stellen fest, dass es Wanderungsbewegungen zwischen den Städten gebe. Der Dortmunder Norden bekomme die Probleme in den Griff, die Menschen seien zum Beispiel nach Hagen oder in die kleineren Städte abgewandert.

Werdohl habe da durchaus eine Ausnahmerolle im Märkischen Kreis. Konopka sagt, dass in Werdohl überdurchschnittlich viele Bulgaren angesiedelt sind. Er spricht von einer Art „Brennpunkt.“

Bislang hat das Jobcenter in Zusammenarbeit mit dem Maßnahmenträger „Tertia Berufsförderung“ im Gewerbepark Eveking ein „Förderzentrum für Migranten“ angeboten. Seit August 2016 wurden dort niederschwellige Angebote zur Qualifizierung für Flüchtlinge gemacht. Seit Anfang 2018 ist das Förderangebot auf EU-Migranten aus Osteuropa abgestimmt worden. Frauen lernen, Gardinen selbst zu nähen oder eine Mehlschwitze anzurühren, Männer können Lagerarbeiten üben oder den Staplerschein machen. Ein begrenztes Sprachtraining gibt es auch, lebenspraktische Anleitung gehört zum täglichen Programm.

Die Leute wollen nicht mehr zur Schule gehen, sie wollen arbeiten und Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Förderung nicht nur der Osteuropäer läuft so gut, dass die Tertia den Standort von Eveking in die Stadtmitte verlegt. Ab dem 2. September gibt es Förderangebote für Deutsch, Hauswirtschaft, Handel und Kochen sowie Lager und Logistik im ehemaligen Commerzbank-Gebäude. Nach den Sommerferien werden Gruppenmaßnahmen und Einzelcoaching angeboten.

Die Tertia Berufsförderung hat ihren Hauptsitz in der Nähe von Bonn, im Kreis hat sie Standorte in Plettenberg, Lüdenscheid und Iserlohn. Sozialarbeiterin Karola Schulte, mehrere Anleiter und eine Verwaltungskraft ziehen vom Gewerbepark Eveking in die Stadtmitte um, direkt in die Nähe ihrer Klientel. Die Anbindung an den Linienbus ist viel besser.

Viele Menschen, die Qualifizierung brauchen, haben ein grundsätzliches Problem: Weil sie Geld verdienen müssen, haben sie keine Zeit für Weiterbildungskurse und bleiben so auf schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs angewiesen.

Hier setzt das Jobcenter mit dem Förderzentrum in Werdohl an: Das Programm soll helfen, die Menschen schnell für einfache Arbeitsplätze fit zu machen. Dauerhaft sollen sie damit von der Grundsicherung durch Hartz IV unabhängig werden.

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