Die Bürgerbus-Familie wünscht sich Zuwachs

WERDOHL ▪ Eine kleine Gruppe älterer Menschen steht an der Bushaltestelle am Fritz-Keßler-Platz und unterhält sich angeregt. Kurz darauf kommt ein kleiner Bus um die nächste Häuserecke gefahren und bleibt in der Haltebucht stehen. Die Tür öffnet sich und Bruno Schürmann begrüßt die Wartenden fröhlich.

Schürmann ist einer von insgesamt 19 ehrenamtlichen Bürgerbusfahrern, die bei den täglichen Touren hinter dem Steuer sitzen. Vor- und nachmittags führen jeweils zwei Touren durch Werdohl.

Kaum haben die Senioren Platz genommen, wird das muntere Gespräch fortgeführt. Die Nutzer des Bürgerbusses kennen sich untereinander, erzählen sich den neuesten Klatsch und Tratsch und erkundigen sich nach dem Gesundheitszustand des Sitznachbarn.

Einige, wie zum Beispiel Ursula Maag, haben eine prall gefüllte Einkaufstasche dabei. Die Rentnerin nutzt den Bürgerbus mindestens zweimal in der Woche, hauptsächlich um zum Arzt oder zum Einkaufen zu fahren. „Ich könnte gar keine Termine wahrnehmen und wäre aufgeschmissen, wenn es den Bürgerbus nicht gäbe“, erklärt Rainer Sommer. Er fährt auch regelmäßig mit und kennt die meisten, die zusteigen, mit Namen. „Gerade die Frauen, die sich um ihre pflegebedürftigen Männer kümmern müssen, fahren oft mit dem Bürgerbus.“

Aus eben diesem Grunde wurde der Bürgerbusverein 1999 ins Leben gerufen: Er soll die Gebiete anfahren, in denen es keine anderen öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Allerdings ist gerade in Werdohl die Konkurrenz groß, denn die Busse der MVG decken viele Bereiche der Stadt ab, meint Ernst Armbrecht, der Fahrersprecher des Vereins. Auch bei den Preisen kann der Bürgerbus die normalen Linienbusse nicht unterbieten, sondern muss für die Fahrscheine den gleichen Betrag verlangen, wie die Verkehrsgesellschaft, erklärt der erste Vorsitzende Eint Meyer.

Ursula Maag dreht heute eine kleine Ehrenrunde. Sie ist nicht die Einzige, die länger im Bus sitzen bleibt, als sie müsste, weiß Armbrecht zu berichten. Sie wechselt noch einige Worte mit ihrem Sitznachbarn, dann hält der Bürgerbus auch schon direkt vor ihrer Haustür. Ein besonderer Service, den die Fahrer bei Bedarf anbieten: Wenn der Verkehr es zulässt, dürfen sie überall halten – selbst wenn es dort keine Haltestelle gibt.

Auch Ellen Jährling schätzt genau diese Eigenschaft am Bürgerbus und bringt es auf den Punkt: „Er fährt einfach anwohnernah.“

Kurz nachdem der Bus, der acht Fahrgästen Platz bietet, weiter gefahren ist, heißt es an der nächsten Haltestelle: „Da ist ja der Hansi!“ Wenn einmal jemand nicht zur gewohnten Zeit zusteigt, wird er sogleich vermisst – ein weiteres Indiz dafür, dass der Bürgerbus nicht nur Transportmittel, sondern auch Kontaktbörse ist.

Auch unter den Fahrern wird Geselligkeit groß geschrieben. Einmal im Jahr treffen sich alle zum Kegeln. Außerdem werden eine gemeinsame Tagesfahrt, eine Wanderung und ein Abschlusstreffen am Ende des Jahres veranstaltet. Und das alles zusätzlich zum monatlichen Treffen, bei dem geklärt wird, wer wann fahren kann. Hinter dem Steuer des Bürgerbusses kann jeder sitzen, der einen Führerschein der Klasse 3 oder den entsprechenden EU-Schein der Klasse B hat. Außerdem müssen ein Führungszeugnis vorgelegt und ein Gesundheits- check absolviert werden. Dann müssen Interessierte noch einen Personenbeförderungsschein erwerben – schon kann es losgehen.

Auch wenn die Stimmung unter den älteren Mitfahrern im Bürgerbus meistens gut ist: „Es bedrückt uns etwas, dass wir als Seniorenbus gesehen werden“, erklärt Armbrecht. Das Angebot sei offen für alle Altersklassen. Er hofft, dass außer den Stammgästen noch der ein oder andere Werdohler den Weg in den Bürgerbus findet. „Unsere Familie kann ruhig größer werden“, meint er lachend und hofft auf Zuwachs.

Die Haltestellen des Bürgerbusses sind am „b“ und am blauen Bürgerbusaufkleber zu erkennen.

Jeweils vormittags und nachmittags werden zwei Touren gefahren. ▪ mac

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