Ein Geschichtsbuch mit Zähnen

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Briefmarkenfans unter sich: Für Rolf Heinemann und Jutta Fredrich-Kampowski gibt es kein schöneres Hobby.

Werdohl – Rolf Heinemann liebt Beagles. Schon seit vielen Jahren hält er sich jeweils ein Exemplar dieser aus Großbritannien stammenden Jagdhunderasse. Eine ganz besondere Faszination üben diese Hunde aber auf ihn aus, wenn sie als Foto oder Zeichnung ein winziges Stück Papier zieren: Heinemann ist leidenschaftlicher Philatelist – er sammelt Beagle-Briefmarken.

Natürlich war der Vorsitzende des heimischen Briefmarken- und Münzsammlerverein Lenne-Hönne – die Gruppe war früher unter dem Namen Verein der Briefmarken- und Münzsammler Werdohl bekannt – auch während des Großtauschtags am Sonntag auf der Suche nach neuen Marken. Doch so viel Auswahl wie in früheren Jahren haben Sammler bei dieser Veranstaltung nicht mehr. „Früher kamen zu einem normalen Tauschabend 35 Teilnehmer. 

Heute sind es beim Großtauschtag nicht mehr Besucher“, stellt Heinemann bedauernd fest. Und so gab es im Konferenzraum der Volksbank, den der Verein nutzen kann, von Andrang keinen Spur. Schon längst ist das Sammeln von Briefmarken kein Allerweltshobby mehr. „Früher hatte jeder ein Album im Regal stehen“, blickt der 44-jährige Plettenberger zurück. Ihn selbst habe die Sammelleidenschaft schon als Zehnjährigen gepackt. Doch schon seit vielen Jahren haben E-Mails den Briefen den Rang abgelaufen. Die Postwertzeichen sind längst nicht mehr bedeutend. „Und damit ist auch die Zahl der Sammler in Deutschland immer weiter rückläufig“, stellt Rolf Heinemann fest. 

Die Entwicklung ist auch im Sauerland deutlich: Der heimische Verein hat nur noch 16 Mitglieder. Der Vorsitzende bedauert die Entwicklung, hat sich aber damit abgefunden: „Jede Nation, die mal ein Wirtschaftswunder erlebt hat, ist genau diesen Weg gegangen.“ Neben den eingefleischten Sammlern verirren sich heute nur noch wenige Interessierte, wenn Tauschtage oder Börsen stattfinden. „Der Klassiker ist, dass jemand zuhause den Keller oder den Dachboden aufräumt und eine Kiste mit Marken findet“, erzählt der Plettenberger. Auf den ersten Blick sei dann meist nicht erkennbar, ob sich vielleicht begehrte Sammlerobjekte in der Masse verbergen. „Ich als Sammler muss dann meistens die ganze Kiste kaufen, um herauszufinden, ob für mich eine Marke dabei ist.“ Für Heinemann sind Briefmarken übrigens weit mehr als nur ein Stück Papier; sie hätten Bestand, erklärt er. „Eine Mail oder eine WhatsApp sind schnell gelöscht; eine Briefmarke liegt aber auch in 100 Jahren noch hier.“ 

Der Philatelist sieht in einem Postwertzeichen folglich auch sehr viel mehr. „Für mich ist eine Marke ein kleines Geschichtsbuch, das zufällig Zähne hat.“ Dass sein Herz ausgerechnet für Beagle-Marken schlägt, begründet er augenzwinkernd und lächelnd: „Jeder hat so seinen Spleen. Manche sammeln Marken aus bestimmten Ländern, andere suchen sich Themen heraus. 

Manche Sammler sind nur hinter gestempelte Marken her, andere wollen auf ihrer Marke keinen schmierigen Stempel.“ Genau diese Leidenschaft für ganz bestimmte Objekte zeichne einen Sammler aus, sagt auch Jutta Fredrich-Kampowski: „Sonst wäre das Ganze doch langweilig. Es muss schon speziell sein.“ Die 57-Jährige aus Hohenlimburg ist Mitglied in drei benachbarten Vereinen und besucht gerne den Großtauschtag in Werdohl. 

Sie sucht Marken aus der Zeit des Zusammenbruchs der Donaumonarchie Österreich-Ungarn zwischen 1914 und 1919. Wie es dazu kam? Die Hohenlimburgerin lacht. „Ich komme aus einer Sammlerfamilie – und das war das einzige Fachgebiet, das noch keiner hatte und in das mir keiner reinreden konnte.“ „Suchen, wühlen, finden“ – das mache für sie den Reiz aus, wenn sie Sammler-Veranstaltungen besucht.

 „Ich bin oft unterwegs“, gesteht sie. Meistens gebe sie aber nur ein paar Euro aus – in Werdohl sei es ausnahmsweise etwas mehr gewesen. Dass sie überhaupt ihr Geld für Briefmarken ausgeben kann, sei nicht überall selbstverständlich, berichtet die Sammlerin – und erzählt von der Eindringen der Frauen in eine der letzten Männer-Domänen: „Früher mussten nur die Männer Eintritt zahlen, wenn sie eine Sammlermesse besuchen wollten. 

Die Frauen kamen umsonst rein.“ Die – männlichen – Veranstalter seien davon ausgegangen, dass Frauen nur als schmückendes Beiwerk ihre Männer begleiten, und ohnehin keine Ahnung hätten: „Ein älterer Mann wollte mir tatsächlich nichts verkaufen. Er sagte: ,Ich hätte bestimmt was Passendes für dich in meinem Album, aber da schaue ich nicht nach.‘“

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