„Bravo“-Rufe für Hör-Erlebnis

Harfinistin Hann Rabe präsentierte die 1000 Gesichter ihres Instrumentes. - Foto: Koll

WERDOHL - Überfüllt präsentierte sich das Kleine Kulturforum (KKF) am Sonntagmorgen. So viele Gäste waren zur Premiere im Kulturbahnhof erschienen, dass die Tür offen gelassen wurde und davor noch Zuschauer in mehreren Stuhlreihen Platz nahmen, um wenigstens dem Konzert zu lauschen.

Die gebotenen Musikstücke schienen – aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Instrumentierung und der „Für jeden etwas dabei“-Philosophie, die der Moderator Fredo Gansauge erwähnte, sehr unterschiedlich. So bildeten Violine, gespielt von Inna Kogan, und Aleksandra Diamantaki am Piano trotz romantischer Melodieführung einen Kontrast zu Harfe und Querflöte.

Noch ganz anders der Eindruck, den das dritte Musiker-Duo des Vormittags bot: So getragen die Instrumentalbegleitung von Moderator Gansauge am Klavier, so operettenhaft-leicht wirkte der Gesang der Sopranistin Doris Meinhard bei den beiden Schubert-Liedern „An die Nachtigall“ und „Frühlingsglaube“.

Das Konzert war auf diese Weise einerseits ein ziemlich belebendes Spiel der Gegensätze. Andererseits waren die Zuhörer stets gefordert, sich beziehungsweise ihr Ohr an andere Klänge und Stilrichtungen zu gewöhnen.

Harfenistin Hanna Rabe zeigte sich als Meisterin an ihrem Instrument. Sie wurde bei einem Großteil ihrer Stücke von der Querflötistin Verena Schulte kongenial begleitet. Ihr erstes Stück klang wie ein in Noten gefasstes Frühlingserwachen.

Das zweite Stück spielte die Harfinistin alleine. In einer Fantasie über Goethes Faust transportierte sie mit ausgesprochenem Wohlklang den Kampf der zwei Seelen in des Doktors Brust: mal zaghaft, mal aggressiv – erst verhalten, dann fordernd. Moderator Gansauge konstatierte: „ein aufregendes Erlebnis“.

Rabes Finger tanzten über die Saiten ihres monströs-großen Instrumentes – streichelten sie hier, schlugen sie dort hart an. Dazu bediente sie mit den Füßen die Pedale des Klangwunders. Das war ein außergewöhnlicher Hörgenuss – quittiert mit „Bravo“-Rufen aus dem Publikum, welche durch das Kleine Kulturforum schallten.

Beim dritten Harfen-Stück kehre Flötistin Schulte zurück auf die Bühne. Die dreisätzige Sonate des 1960 geborenen Komponisten Andy Scott machte der Trompete ihren angestammten Platz in der Welt des Jazz mit Nachdruck streitig. Jetzt kam die Harfe mal energisch-ratternd daher, mal lieblich-einschmeichelnd. Das Instrument zeigte innerhalb weniger Minuten seine 1000 Gesichter.

Vielleicht gelingt es den Verantwortlichen des KKF, die Ausnahme-Künstlerin für ein weiteres, reines Harfenkonzert zu gewinnen? Das wäre wünschenswert. Zudem ist die Harfe, seitdem die Amerikanerin Joanna Newsom das Instrument seit Mitte der Nuller-Jahre in die Popmusik eingeführt hat, wieder modern.

Die Luft im überfüllten KKF war stickig und heiß – trotz gekippter Fenster. Manch Zuschauer rief derweil schon nach dem vierten Stück sehnsüchtig nach einer Pause. In seiner Begrüßungrede hatte Dr. Hans-Joachim Hultsch die – in seinen Augen – zu kritische Berichterstattung über die Bahnhofssanierung gerügt. Diese sei „unpassend“ gewesen. Zudem sei der Wegfall der Veranstaltungsreihe Kulturbogen für das Kleine Kulturforum „eine große Last“.

Von Michael Koll

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