Dokumentation und Abschreckung

Mit Bodycam auf Streife: So arbeitet die Polizei mit der neuen Technik

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Werdohl/Neuenrade – Was ein Polizist im Einsatz auf der Straße bei sich hat, ist nicht zu verachten: Ein Beinholster mit Pistole, in der Schutzweste ein Ersatzmagazin, Taschenlampe, Pfefferspray, Notizbuch, Diensthandy, Handfesseln und – seit Januar – eine Bodycam.

Die können Polizisten in gewissen Situationen einschalten, um den Einsatz zu dokumentieren. 

Pflicht ist das Tragen einer solchen Bodycam noch nicht, doch eine Vielzahl von Polizisten im Märkischen Kreis tragen eine solche Kamera bereits. Dietmar Boronowski, Sprecher der Kreispolizeibehörde, schätzt, dass „70 bis 80 Prozent der Polizisten“ die Möglichkeit nutzen. Boronowski und auch sein Kollege in der Pressestelle, Marcel Dilling, finden den Einsatz der Kamera ebenfalls gut. Auch als Gegengewicht zu den ständigen Handyfilmereien, denen die Kollegen ausgesetzt seien. Kreisweit hätten die Beamten die Bodycams durchaus schon bei einigen Einsätzen nutzen müssen, sagte Boronowski, ohne genaue Zahlen nennen zu können. 

Valide Zahlen liegen bislang nicht vor

Auch Volker Bootz, Leiter der Werdohler Wache, kann nach mittlerweile einem guten halben Jahr, in dem seine Kollegen die Kamera auf Streife in Werdohl und Neuenrade einsetzen, noch nicht mit „validen Zahlen“ dienen. So gibt es seiner Ansicht nach auch noch keinen offensichtlichen Beweis dafür, dass die Kamera einen Effekt habe. Jedenfalls habe es Reaktionen nach dem Motto „Weil Ihr die Kamera anhabt, verhalte ich mich ordentlich!“ bislang zumindest im Beritt der Werdohler Wache nicht gegeben. „Nicht jeder Bürger weiß auch, dass es diese Bodycam gibt“, glaubt Volker Bootz. 

Dieser Polizist ist schon lange an der Werdohler Wache. Hier präsentiert er die tägliche Ausrüstung, mit der er unterwegs ist. Seit Januar gehört auch eine Bodycam dazu.

Dass die Erfahrungswerte bislang noch eher gering sind, liegt nach Ansicht von Bootz auch an der Corona-Pandemie. Die Kriminalität sei zurückgegangen. Damit habe sich auch die Zahl der Gelegenheiten, die Kamera einzusetzen, drastisch reduziert. So hätten beispielsweise Kneipen oder Bars, wo es sonst schon mal rundgehe, lange geschlossen bleiben müssen. Einen Vorher-Nachher-Effekt kann der Werdohler Wachleiter deshalb noch nicht ausmachen. Das ließe sich sicher erst über einen viel längeren Zeitraum herausfinden. 

Abschreckungswirkung als Haupteffekt

Ob die Kamera im Fall der Fälle immer ihre Wirkung tut – das ist für Bootz gar nicht zwingend. Der Haupteffekt solle die Abschreckungswirkung sein. Im selben Atemzug verweist er aber auch auf Studien, die aggressive Reaktionen des Gegenübers eher mit dem Verhalten der Beamten in Beziehung setzten. Allein durch das Tragen der Kamera ließen sich manche Personen also nicht unbedingt beruhigen. 

Es ist auch nicht so, dass die Bodycam ununterbrochen läuft. Vielmehr gibt es aus Datenschutzgründen Beschränkungen, sagt Bootz. Die Kamera darf quasi nur im Bedarfsfall unter bestimmten Voraussetzungen eingesetzt werden, muss zudem im Vorfeld auch angekündigt werden. Beispielsweise wenn die Beamten im Einsatz auf eine Gruppe von Randalierern trifft, von denen aggressives Verhalten auch den Polizisten gegenüber zu erwarten ist oder die nächtliche Verkehrskontrolle in Industrie- oder auch Wohngebieten (Einbrecher). Auch bei Einsätzen im Zusammenhang mit Drogen, Alkohol und einer möglichen Bewaffnung kann die Bodycam hilfreich sein, könnte es nötig machen, die Kamera einzuschalten. 

Abwehr von Gefahren

Hinzu kommt: Die Daten auf der Bodycam dürfen nicht einfach so vom Datenträger gelöscht werden. Es gibt zudem Löschungsfristen, ansonsten dürfe das nur der Vorgesetzte, erläutert Bootz, der in diesem Zusammenhang noch einmal ausdrücklich auf den Sinn der Kameras verweist, der in der Prävention liegen würde: „Es geht um die Abwehr von Gefahren und um Abschreckung.“ 

Wer die Kamera nutzt, findet sie auch gut. So sagt ein erfahrener Polizist, dass im Fall der Fälle sich ja auch mal ein Richter von einer Situation ein Bild machen könne und so bei der Verhandlung nicht allein den Anblick des Angeklagten im Anzug vor sich habe. Deutschlandweit machen einige Richter bereits seit 2017 von dieser Möglichkeit Gebrauch. 

Auch privat Übergriffen ausgesetzt

Dass der langjährige Polizist seinen Namen nicht nennen möchte, hat seinen Grund. Die Beamten seien privat durchaus Übergriffen ausgesetzt. Es habe schon Drohbesuche zuhause, demolierte Autos gegeben – und sogar ein Kopfgeld sei schon ausgesetzt worden, hieß es auf der Wache. 

Auch im Dienst nimmt die Zahl der Angriffe und Beleidigungen zu. Eine Erklärung dafür haben die erfahrenen Polizisten nicht. Da müsse man einen Kriminalpsychologen fragen. Und Wachleiter Bootz sagt: „Mit Beleidigungen und dergleichen – damit müssen die Kollegen umgehen können“. Das fällt sicher nicht immer leicht. Und so kommt durchaus Frust auf. Wenn es um Dinge geht wie die Glosse in der Tageszeitung TAZ, in der sich die Kolumnistin damit auseinandersetzt, was man mit Polizisten anfangen solle, wenn die Polizei abgeschafft werde und zum Schluss kommt, dass Polizisten auf dem Müll am besten aufgehoben seien, dann ist das für einen gestandenen Polizisten „wie ein Schlag ins Gesicht.“ Bootz verweist auch empört auf das Anti-Diskriminierungsgesetz, das in Berlin erlassen wurde. In dieser Kolumne würden Polizisten „unter Generalverdacht“ gestellt. 

20 Polizisten in Werdohl und Neuenrade im Einsatz

Insgesamt 20 Polizisten sind für Werdohl und Neuenrade nebst Dörfer zuständig. Die haben meist alle Hände voll zu tun: Kümmern sich abends um Körperverletzungsdelikte, morgens um Einbrüche und verteilt über den Tag um häusliche Gewalt. Ab und zu gibt es auch mal ein Danke zu hören. „Das tut gut,“ hieß es in der Wache.

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