Werdohler Stadtbücherei auf dem Weg ins digitale Zeitalter

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„Kinder der Freiheit“ aus der Jahrhundert-Trilogie von Ken Follett ist eines der Bücher, die Büchereileiterin Klaudia Zubkowski besonders gefallen.

Werdohl -  Der 24. Oktober ist der Tag der Bibliotheken. Das Datum geht auf die Gründung der ersten deutschen Stadtbibliothek 1828 im sächsischen Hayn (heute Großenhain) zurück. Alle Bürger erhielten damit unentgeltlichen Zugang zu Kultur und Bildung in gedruckter Form. So alt ist die Werdohler Stadtbücherei nicht, aber auch sie hat eine bewegte Geschichte - und wohl auch eine interessante Zukunft.

Ja, sie sei schon immer ein „Bücherwurm“ gewesen, gibt Klaudia Zubkowski zu. Seit 1979 leitet die 62-Jährige die Stadtbücherei. In dieser Zeit hat sie zwei Umzüge miterlebt – und viele Umbrüche in der Medienwelt.

Die Liebe zu Büchern war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt. „Meine Mutter hat damals in Ostpreußen in einem Geschäft für Schreibwaren und Bücher gearbeitet. Vielleicht habe ich es ja von ihr geerbt“, sagt die Bibliothekarin über ihre Liebe zum gedruckten Wort. 

Tatsache ist, dass Klaudia Zubkowski vor mehr als 40 Jahren ihr Studium am Bibliothekar-Lehrinstitut in Köln aufgenommen hat. Nach Abschluss des Studiums fand sie zunächst eine Anstellung an der Stadtbücherei Neheim-Hüsten, ehe sie 1979 Leiterin der Werdohler Stadtbücherei wurde, die sich damals noch an der Schulstraße befand. Bereits ein Jahr später zog die Bibliothek aber an die Freiheitstraße um, wo sie fast 30 Jahre lang im Gebäude neben der Sparkasse untergebracht war.

"Ausmisten" beim Umzug

2009 erfolgte dann ein weiterer Umzug in das neu errichtete Gebäude auf dem ehemaligen Störmer-Grundstück. Die Stadt Werdohl ermutigte den Investor damals zum Bau der Immobilie, indem sie als „Ankermieter“ auftrat, ihm also zusicherte, einen Teil des Gebäudes langfristig zu mieten. So zog die Stadtbücherei in den Neubau, in dessen Erdgeschoss die Drogeriemarkt-Kette Rossmann eine Filiale eröffnete. „Der Traum war, dass auch ein Café einzieht, aber der hat sich leider nicht erfüllt“, bedauert Zubkowski. Doch immerhin präsentiere sich die Stadtbücherei nun in hellen, freundlichen Räumen, was von den Lesern auch zur Kenntnis genommen werde.

Den Umzug nutzte Klaudia Zubkowski damals, um auszusortieren: Nicht alle Medien wurden an den neuen Standort mitgenommen. Die Videokassetten zum Beispiel wurden ganz bewusst aussortiert, denn die Technik dieses Mediums war überholt, ebenso wie die der Audiokassetten. DVD und CD hatten den Magnetbändern den Rang abgelaufen.

In der Stadtbücherei stehen auch noch Klassiker im Regal, beispielsweise die autobiographischen Schriften, Gedichte und Singspiele von Johann Wolfgang von Goethe. Ausgeliehen werden sie aber selten.

Die Büchereileiterin spricht ganz bewusst von Medien, denn in den Regalen stehen längst nicht mehr nur Bücher, obwohl die mit rund 31.000 Exemplaren natürlichen den größten Teil des Platzes einnehmen. Aber auch CDs und DVDs gehören dazu, ein paar CD-Roms – die ebenfalls veraltet sind und deshalb wohl als Nächstes verschwinden werden –, Spiele, Zeitschriften und auch etwa 50.000 virtuelle Bestände. Das sind Medien, auf die Benutzer über den Onleihe-Verbund zugreifen können, dem die Stadtbücherei angeschlossen ist. 41 Büchereien zwischen Hamm und Burbach, zwischen Hagen und Brilon gehören dazu.

Zugriff auf riesigen Bestand

Die Onleihe betrachtet Klaudia Zubkowski einerseits als Vorteil, weil sie ihren Kunden ohne Mehrkosten Zugriff auf einen riesigen Bestand an E-Books, Hörbüchern, Zeitschriften, Tageszeitungen, Musik und Videos eröffnet. Sie sieht aber auch die Grenzen, weil die Büchereien nicht alle auf dem Markt verfügbaren E-Books zur Ausleihe anbieten können.

Zubkowski erklärt, was es damit auf sich hat: „Büchereien können E-Books nicht wie gedruckte Bücher kaufen. Stattdessen erwerben sie Nutzungsrechte zum Verleih der E-Books. Einige Verlage weigern sich aber, den Onleihen entsprechende Lizenzen zur Verfügung zu stellen.“ Zahlreiche namhafte Autoren mitsamt ihren Titeln stünden Onleihe-Lesern deshalb nicht zur Verfügung.

Und noch ein Angebot soll dafür sorgen, dass die altbekannte Stadtbücherei den Sprung in die Zukunft schafft. Die Zauberformel heißt „Online Public Access Catalogue“, abgekürzt Opac. Dahinter verbirgt sich ein über das Internet zugänglicher Bibliothekskatalog, in dem alle Medien verzeichnet sind, die in der Stadtbücherei ausgeliehen werden können. Benutzer können über diesen Weg von zuhause oder unterwegs Medien reservieren, Ausleihfristen verlängern, sich über Neuanschaffungen informieren oder im Bestand der Bücherei stöbern.

Unbekanntes Internetangebot

Das Angebot ist alles andere als neu, schon seit 15 Jahren gibt es diese Möglichkeiten. „Deshalb finde ich es erschreckend, dass viele noch nichts von unserem Internetangebot wissen“, sagt Klaudia Zubkowski. Der Zugang ist über die Stadtbücherei-Rubrik auf der Homepage der Stadt Werdohl zu finden.

Im Online-Katalog finden Literaturfreunde dann nicht nur Klaudia Zubkowskis persönliche Favoriten wie die Jahrhundert-Trilogie von Ken Follett oder verschiedene Lokalkrimis, sondern auch Klassiker der Weltliteratur, wie zum Beispiel die gesammelten Werke von Theodor Fontane oder Johann Wolfgang von Goethe.

Eine "vom alten Schlag"

Auf die wichtigen Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung ist die Büchereileiterin besonders stolz. „Es gibt Büchereien, die haben keinen Goethe mehr in ihrem Bestand“, weiß sie vom Austausch mit Kollegen. Und sie weiß natürlich auch, „dass so etwas heute nicht mehr ganz gelesen wird“. Aber trotzdem hält sie es für wichtig, dass eine Stadtbücherei derartige Literatur bereit hält. „Manche unserer Kunden suchen nur ein bestimmtes Gedicht, und dann kann ich sagen: Wir haben Goethe!“

Dies sind die Momente, in denen spürbar wird, wie sehr Klaudia Zubkowski Bücher liebt. Gerne gibt sie zu, dass sie in dieser Beziehung noch „vom alten Schlag“ ist. Das ist wohl auch der Grund, warum sie es wichtig findet, dass Kinder nicht nur vom Tablet oder anderen Bildschirmen ablesen. Im Bestand der Bücherei finden sich deshalb auch Bilderbücher für die ganz Kleinen. „Sie müssen ein Gefühl für ein Buch bekommen, die haptische Wahrnehmung ist wichtig“, sagt die Bibliothekarin.

Dass elektronische Medien eines Tages einmal das gedruckte Buch ablösen könnten – Klaudia Zubkowski mag es sich nicht vorstellen. Möglicherweise wäre dies das Ende der klassischen Büchereien. Deshalb klingt es auch ein bisschen trotzig, wenn sie sagt: „Es wird weiterhin Bücherei heißen, auch wenn wir längst viele andere Medien anbieten.“

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