Gesamtschulen: Fusion krachend gescheitert

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Vor vier Monaten waren alle Beteiligten sehr zuversichtlich: Ende November stellten Vertreter der Bezirksregierung, Werdohls Bürgermeisterin Silvia Voßloh und der Finnentroper Bürgermeister Dietmar Heß sowie die Schulleitungen das pädagogische Konzept der Fusionsschule Werdohl/Finnentrop vor, jetzt hat die Bezirksregierung das Projekt als gescheitert erklärt.

Werdohl – Die Bezirksregierung Arnsberg hat die Fusion der Bigge-Lenne-Gesamtschule Finnentrop und der Albert-Einstein-Gesamtschule Werdohl zu einem Zweckverband widerrufen. In beiden Schulen waren viel zu wenige Kinder für die Eingangsklassen angemeldet worden (wir berichteten). Sicher ist jetzt nur, dass die angemeldeten Kinder im Sommer die Gesamtschule auf dem Riesei besuchen und ihre Schullaufbahn an der AEG bis zum geplanten Ziel beenden können.

Mittwochvormittag war die Werdohler Verwaltung mit Bürgermeisterin Silvia Voßloh, Fachbereichsleiter Michael Grabs und Abteilungsleiter Reinhardt Haarmann zur Bezirksregierung nach Arnsberg gefahren. Dort trafen die Werdohler unter anderem auf den Finnentroper Bürgermeister Dietmar Heß. Bei diesem Gespräch, so sagte es Donnerstagabend Fachbereichsleiter Michael Grabs, sei den Kommunen das Scheitern der Schulfusion mitgeteilt worden. Die entsprechenden Bescheide seien ebenfalls am frühen Donnerstagabend versandt worden. Gleichzeitig gab es eine knappe Pressemitteilung der Bezirksregierung.

104 von 150 nötigen Anmeldungen

Darin steht, dass die Bezirksregierung die erst am 29. Januar 2019 genehmigte Gründung des Zweckverbandes für die beiden Gesamtschulen widerrufen müsse. Die verpflichtende Zahl von 150 Anmeldungen für das kommende Schuljahr sei nicht erreicht worden. 104 Anmeldungen gab es.

Bürgermeisterin Silvia Voßloh gab auf Nachfrage der Redaktion keinerlei Stellungnahme ab. Stattdessen meldete sich – wie stets in dieser Angelegenheit – der auch für Schulen zuständige Fachbereichsleiter Michael Grabs. Er schilderte die zeitlichen Abläufe des Informationstransports. Die Ratsvertreter seien Donnerstag am frühen Abend durch das Ratsinformationssystem über den Bescheid der Bezirksregierung informiert worden. 

Darin heißt es auch, dass „in Kürze mit den Schulträgern Beratungsgespräche zu weiteren schulorganisatorischen Maßnahmen ab dem Schuljahr 2020/2021“ stattfinden würden. Grabs kündigte an, dieses dem Schulausschuss am kommenden Montag mitzuteilen. Einen Tagesordnungspunkt werde es nicht geben, weil es nichts zu beraten oder zu beschließen gebe.

Bürgermeisterin sagt nichts dazu

Ein Wort des Bedauerns über das Scheitern der Schulfusion gab es weder von Bürgermeisterin Voßloh noch von Grabs. Dem Fachbereichsleiter war es wichtig, den Eltern der zukünftigen fünften Klassen der AEG Sicherheit zu geben. 42 Jungen und Mädchen waren für die Eingangsklassen angemeldet worden. Grabs betonte, dass diese Kinder bis zum Ende ihrer schulischen Laufbahn an der AEG bleiben könnten. Das sei eine positive Nachricht, die sicher auch so von den Werdohler Politikern gesehen werde.

In Finnentrop war Bürgermeister Dietmar Heß wieder einmal etwas schneller als seine Werdohler Amtskollegin. Bereits am Mittwochabend teilte Heß den Kommunalpolitikern mit, dass aus der geplanten Fusion nichts werden würde. „62 Anmeldungen für Finnentrop sind zu wenig“, erklärte er. Der Finnentroper Standort bleibe „dennoch erstmal selbstständig, auch wenn die Genehmigung für die Kooperation widerrufen wird“, wird Heß zitiert.

Finnentrop denkt schon an Sekundarschule

Bezugnehmend auf die Oberstufe für das kommende Schuljahr geht Heß davon aus, „dass sie nach wie vor beginnen wird“. Auch drei Eingangsklassen 5 seien sicher. Langfristig sei die Form der Sekundarschule denkbar.

KOMMENTAR

Scherbenhaufen der Schulpolitik

Jetzt ist das Kind doch in den Brunnen gefallen! Die Gründung des Zweckverbandes der Gesamtschulen Werdohl und Finnentrop muss widerrufen werden, weil er für das Start-Schuljahr zu wenige Anmeldungen bekommen hat. Was die Räte und Oberhäupter beider Kommunen noch vor wenigen Monaten als großen Wurf verkauft haben, ist damit krachend gescheitert.

Die Verantwortung dafür trägt niemand anderes als die Politik selbst, die – zumindest in Werdohl – zu lange gewartet und nichts unternommen hat, um der Albert-Einstein-Gesamtschule den Rücken zu stärken. Im Gegenteil: Für die CDU und die Bürgermeisterin war stets und vor allem wichtig, die Realschule zu sichern. Auch die WBG als drittstärkste Kraft im Rat hat sich nicht wirklich zur Gesamtschule bekannt.

Von dieser Kritik auszunehmen ist die SPD, die sich stets hinter die Gesamtschule gestellt hat, was nicht verwundern kann. Immerhin war es diese Partei, die die Schulform Gesamtschule in den 1970er-Jahren zum Kernstück ihrer schulreformerischen Politik gemacht hat.

Doch den Vorwurf, zu zögerlich gehandelt zu haben, muss sich der Werdohler Rat in seiner Gesamtheit machen lassen. Seit mindestens fünf Jahre schon ist die Zahl der Anmeldungen für die Sekundarstufe 1 an der AEG eigentlich zu gering, ebenso lange hat der Arbeitskreis Schule hinter stets verschlossenen Türen nach einer Lösung gesucht.

In dieser Zeit hat die Politik zu wenig unternommen, um den Ruf der AEG zu verbessern. Das hat dazu geführt, dass viele Eltern kein Vertrauen mehr in diese Schule gesetzt haben. Und die Politiker haben auch versäumt, die Eltern davon zu überzeugen, dass mit dem Zweckverband der Gesamtschulen alles besser werden kann.

Jetzt müssen sie erkennen, dass es nicht reicht, auf dem Papier Schülerzahlen zu addieren. Werdohl und Finnentrop stehen vor einem Scherbenhaufen. Man darf gespannt sein, was sich die Entscheider in den Rathäusern einfallen lassen, um ihre Gesamtschulen in eine bessere Zukunft zu führen. - VOLKER GRIESE

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