Seltene Diagnose im Strafrecht

Nach vielen Ausreden: Werdohler Schläger muss sich vor Gericht verantworten

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Werdohl/Lüdenscheid - „Zwei Frauen in höherem Alter, die nachts in einer Kneipe einen betrunkenen Russen schlagen – das ist blanker Unsinn!“ Für Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli sind die Angaben eines 34-jährigen Werdohlers und seines Kumpels nichts als Ausreden.

Am wenigsten erklären sie den Umstand, dass der Lagerarbeiter in Lüdenscheid in der Stadtfest-Nacht 2017 vor dem Lokal einen weiteren Gast so zusammengeschlagen hat, dass der bleibende Schäden davongetragen hat. 

Nach den ersten Ermittlungen ist zunächst nur so viel klar: Im Gewimmel der übrig gebliebenen Stadtfest-Besucher taucht der Angeklagte mit seinem Bekannten „auf einen Absacker“ in der kleinen Innenstadt-Pinte auf. Doch die Wirtin will endlich Feierabend machen und weigert sich, den beiden ein Bier zu zapfen. Als es deshalb Ärger gibt, will die Wirtin (57) den Werdohler rausbugsieren, eine 55 Jahre alte Freundin eilt ihr zu Hilfe. 

In dem kleinen Handgemenge in der offenen Tür schlägt der Arbeiter nach der Gastronomin, sie weicht aus, und die Freundin kassiert stattdessen den harten Schwinger. Das wiederum sieht ein 56 Jahre alter Mann an der Theke, springt auf und verfolgt den Schläger mit den Worten „Ey, was soll der Scheiß?“ auf die Knapper Straße. 

Jochbeine, Nase und Kiefer gebrochen 

Sekunden später fängt er sich einen Faustschlag, geht zu Boden und wird ins Gesicht getreten. Es brechen zwei Jochbeine, die Nase und der Kiefer des Opfers. Dabei werden Nerven in Mitleidenschaft gezogen. „Ich kann nichts mehr riechen und schmecken“, teilt er dem Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Thomas Kabus mit. „Da ist ein Stück Lebensqualität verloren gegangen.“ 

Der Angeklagte, einschlägig vorbestraft, sagt, er könne sich „nicht so richtig erinnern“. Sein Freund, von Strafverteidiger Ralf Lengelsen zur Entlastung seines Mandanten in den Zeugenstand gerufen, macht eine „Gefälligkeitsaussage“, wie Kabus feststellt. 

Seltener Fall von "aberratio ictus"

Das Gericht erkennt im Fall der Attacke gegen die Frauen auf „aberratio ictus“, wie die Juristen sagen. Der 34-Jährige habe sich der versuchten Körperverletzung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung schuldig gemacht – eine höchst seltene Diagnose im Strafrecht, heißt es in der Verhandlung. 

Dafür und vor allem für den Angriff auf den 56-Jährigen verurteilt das Gericht den Angeklagten zu einem Jahr Freiheitsstrafe – mit Bewährung.

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