Besuch der Kleiderkammer: Komplett angezogen für genau zehn Euro

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Redakteurin Carla Witt probiert im Selbstversuch, ob sie sich in der Kleiderkammer für zehn Euro von Kopf bis Fuß einkleiden kann.

Werdohl - Komplett einkleiden für zehn Euro können sich Bedürftige in der Kleiderkammer der Caritas. Wie das funktioniert: Redakteurin Carla Witt machte den Selbsttest.

„Das hier wäre doch ideal für die Silvesterparty“, stellt Marianne Aistermann fest. Sie lacht fröhlich, und hält sich das graue, glänzende Cocktailkleid vor den Körper. Dann greift sie in die große Plastiktüte und befördert eine dezent gemusterte Bluse ans Tageslicht, die jetzt ebenfalls in der Kleiderkammer an der Schnurrestraße auf eine neue Besitzerin wartet.

Ganz so einladend wie der mit Glasscheiben bestückte Eingangsbereich eines Modehauses wirkt die Metalltür an der Schnurrestraße 7 nicht. Und der große Raum, der sich dahinter verbirgt, verspricht auch nicht unbedingt das ultimative Shopping-Erlebnis. Aber die Menschen, die hierhin kommen, um sich einzukleiden, nehmen das in Kauf: Die Preise für die gut erhaltenen, gebrauchten Kleidungsstücke sind niedrig, die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen freundlich und zuvorkommend.

Monika Sandt, Marianne Aistermann und Inge Fenner haben Dienst, als SV-Redakteurin Carla Witt ihren Testeinkauf in der Caritas-Einrichtung startet. Sie will herausfinden, ob es möglich ist, sich zum Preis von zehn Euro von Kopf bis Fuß einzukleiden. Monika Sandt deutet auf die Preisliste, die mit Klebestreifen auf der Theke befestigt ist. Sie kennt die Antwort natürlich schon im Voraus – und schmunzelt.

"Socken und Unterwäsche sind da hinten"

„Socken und Unterwäsche sind da hinten“, erklärt Inge Fenner, und deutet mit dem Finger in die Richtung, wo sich die entsprechenden Waren türmen. Schon nach dem ersten Blick ist eines klar: Wer hier einkaufen möchte, der muss unbedingt Zeit mitbringen. „Denn wir können es nicht leisten, die Kleidung nach Größen zu sortieren“, stellt Monika Sandt fest. Sie nutzt die Gelegenheit, um sich bei der Bevölkerung zu bedanken: „Die Werdohler unterstützen uns sehr gut. Wir schaffen es manchmal kaum noch, alles auszupacken.“

Folglich ist auch das Angebot groß. An einigen Textilien hängen sogar noch Preisschilder – teurer als auf der Preisliste am Eingang vermerkt wird es aber trotzdem nicht. Unterhemd und -hose sind für insgesamt einen Euro zu haben, eine warme Strumpfhose – die sollte es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schon sein – kostet ebenfalls einen Euro. Weiter geht es zum gut gefüllten Hosenregal. Neben Stoffhosen geben hier vor allem Jeans in diversen Blautönen und anderen Farben den Ton an. No-Name-Produkte liegen neben Markenjeans, die allesamt einen mindestens ordentlichen Eindruck machen. Egal, wofür sich der Käufer oder die Käuferin entscheidet: Eine lange Hose kostet zwei Euro, Leder-Modelle das Doppelte.

Inzwischen sind vier Euro verplant – jetzt muss ein Pullover her. Marianne Aistermann hat gerade zwei Sweat-Shirt-Jacken entdeckt, die noch richtig gut aussehen und sicher nicht oft getragen wurden. Das graue Modell harmoniert eindeutig besser mit der Haarfarbe der Testkäuferin; es schlägt mit zwei Euro zu Buche.

Warme Jacke mit Kapuze für zwei Euro

Besonders wichtig ist in dieser Jahreszeit natürlich auch eine warme Jacke. Ab Damengröße 42 ist die Auswahl in diesem Bereich groß, die kleineren Größen sind dagegen beinahe vergriffen. Ein Problem ist das aber nicht. Schließlich schadet es nicht, wenn das Modell der Wahl – es kostet zwei Euro, hat eine Kapuze und erspart somit gleich die Mütze – etwas weiter ausfällt. Dann passt zur Not sogar noch eine weitere wärmende Schicht drunter.

Acht Euro sind jetzt weg – und es fehlt noch ein Paar Schuhe, das genau zwei Euro kostet. Eine Punktlandung also – wobei Monika Sandt noch einen warmen Schal als Zugabe obendrauf legen würde. Allerdings: Winterschuhe sind jetzt Mangelware, als Alternative kommen Turn- oder Halbschuhe in Frage, die wären in der richtigen Größe vorrätig. Inge Fenner lächelt verschmitzt, greift hinter sich ins Schuhregal, und hält zwei Paar High Heels in den Händen. „Wie wäre es denn mit diesen Mordinstrumenten?“ Zugegeben: Schön und so gut wie neu sind diese Schuhe, aber leider viel zu klein für die Testkäuferin – und vielleicht auch nicht ganz das Richtige bei Eis und Schnee.

Die Auswahl ist beachtlich

Dennoch: Die Auswahl in der Kleiderkammer ist beachtlich. Neben dem eingangs erwähnten Cocktailkleid warten an der Schnurrestraße gerade auch ein Hofstaatkleid und sogar ein Brautkleid auf Käuferinnen. Auch Taschen und Koffer, Lesebrillen und Stofftiere, Bettwäsche, Tischwäsche und Handtücher sind zu haben.

Apropos Käuferinnen – und Käufer: „Bei uns kann grundsätzlich jeder einkaufen“, unterstreicht Monika Sandt. Nicht nur arme Menschen seien willkommen, sondern jeder, der preiswerte Kleidung erstehen möchte. „Auch für Familien bietet sich die Kleiderkammer an“, stellt Inge Fenner fest, und sagt: „Bei uns ist es eigentlich, wie in einem Second-Hand-Laden.“

Gemeinsam mit fünf weiteren Mitarbeiterinnen, die teilweise bis zu zehn Stunden wöchentlich im ehrenamtlichen Einsatz sind, stehen die Frauen den Kunden gerne mit Rat und Tat zur Seite. „Der Zusammenhalt in unserem Team ist toll“, sind Aistermann, Sandt und Fenner einer Meinung – „und es ist schön, zu erleben, dass Menschen glücklich sind, wenn sie hier etwas für sich oder ihre Lieben gefunden haben.“

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