Haare werden zu Wolle versponnen

Besonderes Hobby: Werdohlerin macht Kleidung aus Hundehaaren

Im Laufe der Zeit hat sich Bettina Birkhahn in die Kunst des Spinnens eingearbeitet. Doch der Umgang mit dem Spinnrad ist nicht einfach; trotz regelmäßiger Übung sind Konzentration und Geduld unerlässlich, damit der Faden nicht zwischendurch reißt.
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Im Laufe der Zeit hat sich Bettina Birkhahn in die Kunst des Spinnens eingearbeitet. Doch der Umgang mit dem Spinnrad ist nicht einfach; trotz regelmäßiger Übung sind Konzentration und Geduld unerlässlich, damit der Faden nicht zwischendurch reißt.

Wenn der nordische Göttervater Odin wüsste, dass aus seinem wallenden Haar eine Jacke gestrickt werden soll, wäre er bestimmt nicht sonderlich amüsiert. Zum Glück sieht sein Namensvetter aus Werdohl das sehr viel gelassener.

Und nicht nur das: Der 19 Monate alte Berner Sennenhund Odin genießt sichtlich das tägliche Bürsten, bei dem er immer ein paar Haare verliert. Bei den meisten Hundehaltern landen die anschließend in der Mülltonne – aber nicht bei Bettina Birkhahn.

Die 60-jährige Werdohlerin verspinnt die Hundehaare zu flauschiger Wolle. Ganz zufällig hat sie dieses ungewöhnliche Zweithobby – an erster Stelle steht natürlich der etwa 50 Kilogramm schwere Rüde – für sich entdeckt. „Meine Schwiegermutter hatte einen Siebenschläfer auf ihrem Dachboden. Sie bat mich, Hundehaare zu sammeln, um den ungebetenen Gast damit zu vertreiben.“

Sammelleidenschaft ist vor fünf Jahren erwacht

Schon während des Sammelns überlegte sie, dass die Haare doch eigentlich generell zu schade zum Wegwerfen wären. An diesem Tag – inzwischen sind etwa fünf Jahre vergangen – ist die Sammelleidenschaft der Tierfreundin erwacht.

Nachdem Bettina Birkhahn einige Zeit später im Fernsehen einen Bericht über eine Frau gesehen hatte, die mit Hundehaaren spinnt, und die Wolle anschließend verstrickt, war für die Werdohlerin klar, dass auch sie ein solches Kleidungsstück haben möchte. Sie suchte jemanden, der ihr diesen Wunsch erfüllen könnte, wurde aber enttäuscht: „Die Dame hat mir für teueres Geld Schrott hergestellt“, ärgert sie sich rückblickend. „Die Jacke war zwar schön, fiel aber nach der ersten Wäsche auseinander.“

Die Wolle wird mit einem Spinnrad selbst hergestellt

Also überlegte sich die Werdohlerin, selbst aktiv zu werden. Denn das Stricken gehörte schon immer zu ihren Freizeitbeschäftigungen; nur Wolle hatte Bettina Birkhahn noch nicht selbst hergestellt. Das änderte sich vor zwei Jahren: „Ich habe mir eine Handspindel gekauft und bei Ebay online ein gebrauchtes Spinnrad erstanden“, erzählt sie. Bevor Bettina Birkhahn endlich loslegen konnte, war das handwerkliche Geschick ihres Mannes Hans-Jürgen gefragt: „Er hat das Spinnrad wieder gängig gemacht.“

Bettina Birkhahn bürstet ihren 19 Monate alten Berner Sennenhund Odin täglich. Die Haare, die dabei in der Bürste hängen bleiben, verwendet die Werdohlerin weiter.

Im Laufe der Zeit hat sich Bettina Birkhahn in die Kunst des Spinnens eingearbeitet. „Zuerst werden die Haare kardiert, also in eine Richtung gekämmt“, erzählt sie. Das dazu notwendige Werkzeug, die sogenannte Handkarde, hat Hans-Jürgen Birkhahn selbst gebaut. Sind genug Haare zusammengekommen, spinnt die 60-Jährige zunächst jeweils zwei Knäuel Wolle, um diese miteinander zu verzwirnen. Klingt kinderleicht, doch trotz regelmäßiger Übung sind Konzentration und Geduld unerlässlich, damit der Faden nicht zwischendurch reißt.

Fertige Wolle muss sorgfältig gereinigt werden

Bevor die fertige Wolle weiter verarbeitet wird, wird sie sorgfältig gereinigt. Ganz vorsichtig wäscht die 60-Jährige den wertvollen Rohstoff im Wasserbad mit Babyshampoo. Dann muss die Wolle trocknen – dann kann endlich mit dem Stricken begonnen werden, und das Kleidungsstück nimmt Gestalt an. Theoretisch jedenfalls.

Die Wolle aus Hundehaaren verarbeitet Bettina Birkhahn unter anderem zu einer Strickjacke.

„Denn bis ich genügend Haare für die Strickjacke gesammelt habe, wird es wohl noch etwa anderthalb Jahre dauern“, schätzt Bettina Birkhahn. Und das, obwohl ihr Bekannte hin und wieder Hundehaare schenken. Zum Beispiel Gleichgesinnte, die ebenfalls in der Berner-Sennen-Nothilfe aktiv sind und sich für Vierbeiner engagieren, die es längst nicht so gut wie der imposante und kuschelbedürftige Odin haben.

Nicht jeder Vierbeiner taugt zum Woll-Lieferanten

Doch nicht jeder Vierbeiner taugt zum Woll-Lieferanten, hat die Hundefreundin festgestellt. „Die Haare von Irischen Wolfshunden sind richtig kratzig.“ Dagegen schätzt sie ganz besonders das Haarkleid eines Huskys: „Diese Wolle ist traumhaft – wie Watte.“ Auch Schäferhunde, Leonberger und natürlich Berner Sennenhunde könnten in Sachen Wollqualität durchaus zum Beispiel mit Alpakas konkurrieren. Dem Vierbeiner den zotteligen Pelz zu schneiden, beziehungsweise sein Fell zu scheren, kommt übrigens nicht nur aus Tierschutzgründen überhaupt nicht in Frage. „Nur ausgekämmte Haare kann man zu schöner Wolle verarbeiten. Alles andere pikst ganz furchtbar“, berichtet die Werdohlerin.

Apropos furchtbar: Das Färben der Hundehaare sei nicht ihr Ding, erzählt Bettina Birkhahn – obwohl das grundsätzlich natürlich möglich wäre. Doch das Philosophieren über die Frage, ob es Odin gefallen würde, wenn Frauchen seine Haare zartlila einfärben würde, um sich damit zu schmücken, wäre garantiert auch ein Thema für den Hundeprofi und Entertainer Martin Rütter.

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