Voller Einsatz, um Fuß zu fassen

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Die Asylbewerber kommen aus Bangladesh, Sri Lanka, Serbien, Syrien, Afghanistan, Guinea und Eritrea – manche sind erst seit ein paar Wochen in Deutschland.

Werdohl - „Die Brille liegt vor dem Radio“ steht in großen Buchstaben an der Tafel. Kaffeebecher, Ordner, Schreibzeug und Namensschilder stehen auf den Tischen. Neun Schüler sind heute da. Ursula Fernholz stellt eine Frage, ein Schüler antwortet.

Ein anderer hat die Schuhe ausgezogen. Zwei flüstern miteinander. Dann steht ein Schüler auf. Er stellt sich in die Mitte des Raumes und grinst. Die anderen zeigen auf. „Hassan steht in der Mitte“, sagt einer. Die Lehrerin lobt ihn. Es ist eine besondere Deutschstunde: Die Schüler sind Asylbewerber.

Seit Anfang des Monats treffen sich die jungen Männer zwei Mal wöchentlich zum Unterricht in der Volkshochschule. Sie alle sind fremd in diesem Land, zum Teil erst seit ein paar Wochen hier. Trotzdem wollen sie so schnell wie möglich Deutsch lernen, denn sie sind gekommen, um zu arbeiten, und sie wollen bleiben.

Bis dem Asylantrag stattgegeben wird, kann es Monate, manchmal auch Jahre dauern. Diese Zeit wollen sie nutzen, um sich in der ihnen fremden Gesellschaft zurecht zu finden – und das geht nur, wenn sie auch die Sprache sprechen. Bei Ursula Fernholz lernen sie die Grundlagen der Grammatik, die wichtigsten Vokabeln und die richtige Aussprache. „Die Wörter sind sehr schwer“, sagt einer der Männer. Schwer auszusprechen, das merkt man ihm an. Jaffery ist schon seit einem Jahr und acht Monaten in Deutschland. Er belegt den Kurs zum dritten Mal und ist etwas besser zu verstehen. Ibrahim kommt aus Guinea und kam vor vier Monaten nach Deutschland – er ist noch recht still.

Wer als Gast den Klassenraum betritt, den empfangen viele freundliche dunkle Augen und ein „Herzlich Willkommen“ mit starkem Akzent. Heute stehen Präpositionen auf dem Stundenplan. Abwechselnd stellen oder setzen sich die Männer woanders hin, die anderen beschreiben: „Binjam kniet vor dem Tisch, Ali sitzt auf dem Stuhl.“ Manche antworten schon recht flüssig, andere noch stockend, aber alle versuchen es so lange, bis es richtig ist. Danach ist ein Arbeitsblatt dran. Die Schüler sind eifrig, stellen viele Fragen und helfen sich gegenseitig. Durch den Unterricht verstehen sie sich nun auch untereinander, denn nicht alle haben dieselbe Landessprache. Die Männer kommen aus Bangladesh, Sri Lanka, Serbien, Syrien, Afghanistan, Guinea und Eritrea, manche sprechen ein paar Brocken Englisch – in Deutschland hilft ihnen das aber wenig. Deshalb ist der Unterricht komplett auf Deutsch.

VHS-Leiterin Barbara Funke zeigt sich vor allem von dem Ehrgeiz der Schüler beeindruckt: „Obwohl sie sozial so schlecht gestellt sind, ist es ihnen wichtig, schnell Deutsch zu lernen, um Fuß zu fassen sagt sie.“ Bereits nach der Stunde fangen sie an, das Gelernte auf dem Flur zu wiederholen. Die Unterrichtszeit ist so angepasst, dass die Männer direkt nach der Arbeit zur VHS gehen können.

Vormittags kümmert sich Erwin Günther um sie. Er spannt die Asylbewerber für sechs Stunden am Tag ein – zum Beispiel mit Reinigungsarbeiten und der Gestaltung der Lennepromenade. Viel verdienen die Asylbewerber nicht – trotzdem investieren sie einen Teil von ihrem Geld, um Deutsch zu lernen.

Von Laila Weiland

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